Tom Tykwer ist einer der wenigen deutschen Regisseure, bei dem man auch im Rest der Welt aufhorcht, wenn er einen neuen Film abgedreht hat. Und das nicht erst, seit er mit internationalen Stars wie Tom Hanks, Halle Berry, Cate Blanchett oder Clive Owen dreht. Diesmal hat er sich einen Bestseller des US-Schriftstellers Dave Eggers vorgenommen: „Ein Hologramm für den König“ kommt am 28. April ins Kino.

Zum Interview hat Tykwer in die lichten Räume seiner Firma X-Filme in Berlin eingeladen. Auf dem Tisch vor dem Ledersofa steht eine Schale mit Obst. Tykwer bietet sofort an zuzugreifen. Er trägt ein dunkles T-Shirt, schwarze Jeans und schwarze Stiefel und unterstreicht seine Sätze gern mit ausladenden Gesten. Mit seinen bald 51 Jahren strahlt er noch jede Menge jugendlichen Charme aus.

Herr Tykwer, Ihr neuer Film basiert, wie einige davor, auf einem Roman. Überprüfen Sie eigentlich jedes Buch, das Sie lesen, auf seine Verfilmbarkeit?

Weiß Gott nicht! Ich lese gerade Karl Ove Knausgård …

… den norwegischen Autor, der mit seinem autobiografischen Mammutprojekt zur Sensation wurde …

… und bin sehr beeindruckt, ja mitgenommen von dem Wahnsinn, den ich da lese. Aber da würde ich keine Sekunde darüber nachdenken, ob ich das verfilmen wollte oder nicht. Und ich hoffe wirklich, auch andere Leute lassen die Finger davon. Es gibt Bücher, die gehören nur der Literatur. Da soll der Film das Geschriebene nicht mit seinen Bilder zudecken, und es so zum Verschwinden bringen. Andererseits gibt es Bücher, die bieten eine Plattform, eine Chance – wenn einem die gute Idee dazu kommt –, dass man sie eben nicht nur verfilmt, sondern einen Film macht, der aus ihnen entwickelt wurde.

Wie Sie es bei Dave Eggers Bestseller „Ein Hologramm für den König“ gemacht haben. Hat Ihnen das Buch jemand empfohlen?

Ich hab es selber entdeckt. Aber das lag auch daran, dass ich eine schon längere, gewachsene Beziehung zu Dave Eggers habe. Sie begann vor ein paar Jahren, als ich seinen zweiten Roman „Weit gegangen: das Leben des Valentino Achak Deng“ verfilmen wollte, eine Flüchtlingsgeschichte, die im Sudan spielt. Daraus wollte ich eine TV-Mini-Serie machen, aber das Projekt hat sich leider zerschlagen. Damals habe ich Eggers kennengelernt, und wir haben uns angefreundet. Als „Ein Hologramm für den König“ 2012 erschien, habe ich den Roman in zwei Nächten verschlungen.

Was hat Ihnen das Gefühl gegeben, dass Sie dieses Buch verfilmen müssen?

Ich reagiere immer stark auf Stoffe, die eine persönliche Geschichte mit einem Gegenwartsbezug oder einem politischen Entwurf verbinden. Vor allem hat mich das beklemmende Klima des Romans beeindruckt. Und da gab es eine Aura von akuter Relevanz. Da war genau das, was gerade in der Welt passierte – in sehr ausgeklügelte Erzählideen gepackt. Der Roman beschreibt unsere westliche Gesellschaft ja mit einem originellen Trick: Er erzählt von ihr, ohne jemals in der westlichen Welt zu sein. Er porträtiert diese Welt über den Amerikaner Alan Clay, der in Saudi-Arabien versucht, dem dortigen König eine moderne Hologramm-Kommunikationstechnik zu verkaufen. Das ist der Rahmen der Geschichte. Doch eigentlich sucht Dave Eggers’ Romanheld in diesem fremden Land natürlich nach Rettung, wenn nicht gar nach Erlösung.

Die westliche Welt sieht in „Ein Hologramm für den König“ ziemlich alt aus. Das US-amerikanische IT-Team um Alan Clay, ein frustrierter, an der Globalisierung gescheiterter früherer Fahrradfabrikant, wartet wochenlang auf das versprochene Treffen mit dem König, zu dem es nie kommt. Ihr Film scheint mir weniger pessimistisch zu sein als das Buch. Aus der Globalisierungskritik-Parabel haben Sie einen Liebesfilm gemacht.

Ja, der Liebesfilm ist sozusagen mein Lösungsangebot aus der Misere, in der der Roman etwas länger verweilt.

Im Roman ist – im Gegensatz zu Ihrem Film – das Ende offen.

Ich behaupte nicht, dass der Film eine bessere Alternative anzubieten hätte. Aber vielleicht eine stärkere, übergeordnete Vision, nämlich die der Begegnung. Im Sinne von: Wir sollten nicht nur Erfüller von Systemen sein, sondern auch außerhalb dieser Systeme wieder zu uns und zueinander finden.

Aus dem Verlierer Alan Clay haben Sie einen Gewinner gemacht.

Er wird im Film auch als Verlierer eingeführt und macht dann natürlich eine Entwicklung durch. Aber auch wenn man meine Version als hoffnungsvolles Ende begreift, darf man die Sichtweise der Amerikaner nicht unterschätzen: Wenn man denen nämlich erzählt, wir haben einen Film mit Tom Hanks, der geht ausgerechnet nach Saudi-Arabien, verliebt sich dort in eine Einheimische und bleibt bei ihr – dann ist das für Amerikaner subversiv genug, fast schon ein unvorstellbarer Vorgang. Denn das Konzept für die meisten Geschichten, die im arabischen Raum spielen, ist doch, dass die Menschen dort uns Westler darum anwinseln, befreit zu werden. Dieses Bild stellt „Ein Hologramm für den König“ auf den Kopf.

Wie haben Sie Tom Hanks diesen subversiven Ansatz verkauft?

Tom fand genau das von Anfang an besonders toll. Ihm hat es großen Spaß gemacht, seine Figur so gegen den Strich zu bürsten. Tom, Dave und ich haben zu dritt darüber geredet, wie die Geschichte am besten anzupacken wäre. Ich ging dann in Klausur und hatte sechs Monate später die erste Drehbuchfassung. Die größte Herausforderung war, ein filmkompatibles Timing zu finden und den Stillstand, der im Buch ja zentral ist, eher dynamisch zu erzählen. Der Film sollte einen starken Zug haben, aber gleichzeitig erzählen, dass da ein Mann auf der Stelle tritt. Wir mussten also Alan Clay im Marschtempo auf der Stelle treten lassen.

Tom Hanks spielt diesen Alan Clay, der sich in der Fremde neu erfinden muss, jenseits aller Klischees.

Es war sehr schön zu erleben, dass er eine große Offenheit gegenüber allen möglichen Experimenten hatte. Gerade bei Schauspielern, die schon fast alles gemacht und erreicht haben, ist mir diese Offenheit immer wieder begegnet. Tom sucht immer noch nach neuen, anders gearteten Herausforderungen. Und ist sehr neugierig darauf, neues Terrain zu betreten. Es war wirklich alles sehr unkompliziert mit ihm. Was vielleicht auch daran lag, dass wir nach „Cloud Atlas“ wohl beide heimlich gehofft haben, wieder mal ein gemeinsames Projekt zu finden. Und sofort als ich „Hologramm“ gelesen hatte, dachte ich: Wenn es einen Schauspieler gibt, der Alan Clay spielen und den Roman dann auch noch schlüssig in die Welt des Films transponieren kann, dann ist es Tom Hanks. Für mich ist er die Traumbesetzung.

„Ein Hologramm für den König“ spielt in einer ständig in Bau befindlichen Stadt in der Wüste, die es ja wirklich gibt. Erinnert die nicht auch an den Berliner Flughafen?

Auf jeden Fall! Allerdings ist der Flughafen verglichen mit dieser Stadt ein eher mikroskopisches Projekt. Die Stadt soll ja künftig King Abdullah Economic City heißen und eigentlich mal eine Millionenmetropole werden. Man kann sich das alles im Internet unter www.kaec.net ansehen. Wir haben uns lange darum bemüht, in dieser rudimentären Stadt drehen zu können – was aber nicht geklappt hat. Zum Glück, wie ich im Nachhinein finde. Uli Hanisch, der Szenenbildner, hat mich auch immer wieder bedrängt: „Lass uns unsere eigene Vision dieser bizarren Zone im Nirgendwo erfinden.“ Die Stadt soll ja mal doppelt so groß wie Dubai werden. Und die können das sehr wohl realisieren. Da ist sicher genügend Geld vorhanden.

Wo haben Sie dann stattdessen gedreht?

Wir hatten für Saudi-Arabien eine allgemeine Drehgenehmigung, aber wir konnten dort keine Spielfilmszenen drehen. Was wir zum Beispiel dort gefilmt haben, sind Stadtaufnahmen aus Djidda und Bilder aus Mekka. Das hat eine muslimische Crew gemacht, da ich als Nicht-Muslim nicht nach Mekka durfte. Die Spielfilmhandlung haben wir in Marokko, in der Westsahara, gedreht. Das war fast schon Mauretanien, eine Zone, in der noch nie ein Film gedreht wurde, erst recht nicht in dieser Größenordnung.

„Ich mag Kunst nicht, die nicht an das Leben glaubt“, sagten Sie mal. Wie haben Sie das gemeint?

Kunst zu machen, ist eine optimistische Tat. Weil Kunst zu produzieren, immer voraussetzt, dass es eine Welt gibt, in der sie wahrgenommen wird und wahrgenommen werden will. In der sie einen Platz hat. Und sie hat deshalb einen Platz, weil die Menschen im Austausch miteinander sind, und weil sie sich weiterentwickeln wollen. Weil wir Menschen doch auch immer auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Etwas, das sich Kunst nennt, aber nur pessimistisch oder zynisch ist, ist für mich keine Kunst.

Heißt das, es braucht ein Happy End? Filme wie „Jules und Jim“ oder „Casablanca“ wären damit doch ziemlich banal.

Aber darum geht es doch nicht. Ein Happy End ist natürlich nicht die Voraussetzung! Die Liebe zur Welt und zu den Menschen kommt ja oft gerade in den tragischsten Geschichten und den verzweifeltsten Filmen zum Vorschein. Das ist wirklich nicht der Punkt. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Gaspar Noé, der zum Beispiel „Irreversibel“ gemacht hat …

… ein Film, der viele Menschen mit seiner realitätsnahen Darstellung einer Vergewaltigung und anderen Gewaltszenen verstört hat …

Wollen wir über ihn reden? Das hat jetzt natürlich nichts mit meinem Film zu tun. Ich wollte damit nur ein extremes Beispiel geben. „Ein Hologramm für den König“ ist ein Film, der den Menschen, die ihn sich anschauen, ein positives Gefühl vermittelt – obwohl er nicht Halt macht vor der Problematik unserer Gegenwart.

Dem Roman ist ein Satz von Samuel Beckett vorangestellt: „Wir werden nicht jeden Tag gebraucht.“ Um bei Beckett zu bleiben: Könnte man Ihren Film mit dessen Stück „Warten auf Godot“ vergleichen?

Sicher, das Theaterstück ist ja eine Beschwörung der Sinnlosigkeit und unserer stets lauernden Verzweiflung an der Sinnlosigkeit. Und trotzdem fühlt man sich als Mensch sehr verstanden. Das ist es, was ich mit optimistisch meine: die Haltung zum Menschen hin – und nicht von ihm weg. Die Texte von Beckett sind ganz und gar mit dem Menschsein verstrickt. Wenn man Becketts „Watt“ liest, ist man doch eigentlich ganz in der Seele des Menschen drin. Und das ist natürlich ein außerordentlich humanistischer Akt.

Lassen Sie uns über die aktuelle deutsche Filmszene sprechen. Stimmt Sie die optimistisch?

Ich finde es zurzeit etwas schwieriger, einzuschätzen, was da gerade passiert. Ich muss auch zugeben, dass es mich nicht mehr so sehr wie früher interessiert, den deutschen Film – als Themenkomplex – unter die Lupe zu nehmen. Weil ich finde, dass sich mittlerweile der Kunstproduktionsraum insgesamt internationalisiert hat. Das gilt auch für deutsche Filme, die dann vielleicht anderswo Erfolg haben. Nehmen wir doch nur mal als Beispiel „Wild“ von Nicolette Krebitz, den ich wirklich außergewöhnlich gut finde. Der kam Anfang des Jahres in den USA, beim Filmfestival in Sundance, sehr gut an. Da ist dieser deutsche Film also in Utah gut in die Welt gestartet. Ich glaube, dass wir mit der Zeit alle immer mehr Filme machen werden, die ihre Heimat in anderen Kontexten und vielleicht sogar anderen Kontinenten haben. Das Deutsche an Filmen finde ich nur noch selten bedeutsam für die Qualität deutscher Filme. Aber natürlich gibt es Themen und Orte, die gehören zu diesem Land. Die wird es hoffentlich weiterhin geben.

Wenn die Herkunft eines Films zunehmend zweitrangig ist, könnte man das Etikett „Deutscher Film“ dann durch „Autorenfilm“ ersetzen?

Natürlich. Schauen wir uns nur mal die Filme von Werner Herzog an: „Fitzcarraldo“ oder „Aguirre, der Zorn Gottes“, das waren zwar deutsche Filme, aber dann auch überhaupt nicht. Das hatte mit Deutschland so gut wie nichts zu tun, und die Finanzierung war damals auch schon gemischt. Das Thema „Deutscher Film“ hat sich im Laufe der Zeit so beschwert, was natürlich auch viel mit den Finanzierungsstrukturen zu tun hat, über die man sich nach wie vor mehr beklagt, als die Chancen zu erkennen, die darin liegen. Wir – und damit meine ich die Kreativen – nutzen diese Chancen nicht gut genug. Ich finde uns in der Verfolgung künstlerischer Ziele als Filmemacher nicht aggressiv genug.

Lassen Sie uns noch über Ihre Fernsehserie „Babylon Berlin“ sprechen …

… muss das sein? Da stecke ich mitten in den Vorbereitungen. Wir beginnen Ende April mit Dreharbeiten.

Ein, zwei Sätze …

Ich musste schon eine Pressekonferenz zu diesem Thema durchstehen – was kompliziert ist, denn da redet man über etwas, das man noch gar nicht gemacht hat. Wir sind gerade bei der Überarbeitung der Drehbücher. Diese TV-Serie ist ein riesiger Kosmos. „Berlin Babylon“ ist ein breit angelegter, facetten- und figurenreicher Polizeifilm in historischem Kontext, der auf verblüffende Weise die deutsche und europäische Gegenwart spiegelt. Der Stoff basiert auf den Romanen von Volker Kutscher, in denen ein Kommissar namens Gereon Rath im Berlin der Zwanzigerjahre ermittelt. Ich hoffe auf viele vielschichtige Staffeln.

Wir auch. Denn es gibt sicher sehr viele Zuschauer, die darauf warten, dass in Deutschland endlich ein Regisseur an das Niveau von US-Serien wie „Die Sopranos“, „The Wire“, „Breaking Bad“ oder „Mad Men“ anknüpft.

Klar. Wir haben alle diese tollen Formate und Serien kennengelernt, und ich bin auch irrsinnig dankbar dafür, dass es die gibt. Denn die werden möglicherweise meine Alan Clay’sche Midlife-Crisis verhindern. Zum Glück bin ich nicht allein: Ich mache das Ding ja mit Achim von Borries und Hendrik Handloegten, die durch ihren Film „Was macht die Liebe in Gedanken“ schon Erfahrung mit dieser Epoche gesammelt haben. Wir bekommen durch so eine Serienstaffel einen neuen Ausdrucksort, der auch das Publikum findet, das uns interessiert. Und das sich für uns interessiert, für Filmemacher unserer Generation. Denn das Publikum, das diese Serien guckt, ist ja in der Regel nicht im Teenager-Alter.

Also: Werden Sie uns mit „Babylon Berlin“ die ganz große TV-Serie liefern?

Das ist ein bisschen so, als fragten Sie mich, ob ich den neuen „2001: Odyssee im Weltraum“ machen werde! Diese Serien, die Sie genannt haben, sind Meisterwerke. Wir wollen erst mal sehen, wie sich das entwickelt. Aber natürlich sind wir ehrgeizig.

Ist das deutsche Fernsehen für Sie eigentlich in irgendeiner Weise relevant?

Na ja, kaum einen meiner Filme würde es ohne das deutsche Fernsehen geben! Es ist die Basis fast jeder Finanzierung. Und langsam interessiert man sich ja auch hierzulande für diese besonderen Formate wie „Babylon Berlin“.

Die erste Staffel läuft allerdings zuerst beim Bezahlsender Sky …

… ist aber eine Koproduktion von ARD, Sky, Beta-Film und natürlich X-Filme. „Babylon Berlin“ wird zuerst bei Sky gezeigt, dann aber auch in der ARD.

Ein anspruchsvolles Publikum schaut sich heute lieber elaborierte TV-Serien an als im Kino einen weiteren mittelmäßigen Blockbuster, oder?

Ja, das will ich gar nicht leugnen. Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele, die sich so verhalten. Aber vielleicht verändern diese TV-Serien auf lange Sicht ja auch die Kinofilm-Szene. Das werden wir in den nächsten Jahren sehen.

Sie glauben, dass die Serien auch die Kinofilme besser machen?

Davon gehe ich aus. Ich glaube schon, dass durch das neue, hohe Niveau die Ansprüche auch auf den Kinofilm zurückfedern werden.

Hat diese Entwicklung auch Einfluss darauf, wie Sie künftig Filme machen werden?

Wenn ich wieder einen Kinofilm mache, was ich sicherlich tun werde, bin natürlich auch ich sehr stark durch diese Serien geprägt. Von dem, was die können und zeigen. Und wir müssen für uns noch viel genauer definieren, warum wir dann gerade einen Kinofilm machen, dessen Legitimation in erster Linie ja in der Ökonomisierung des Erzählens liegt. TV-Serien zelebrieren dagegen das Prinzip der Ausuferung. Das wir ja alle so lieben. Diese Umwege, Ablenkungen und Nebenschauplätze …

Und dann gibt es vielleicht wieder einen Film mit Tom Hanks?

Das hoffe ich doch.

Das Interview führte Ulrich Lössl.