Das eine Finanzamt verlangt null, das andere sieben und das dritte eben neunzehn Prozent Mehrwertsteuer von einem freiberuflichen Theater-Regisseur. Wie es das Amt am liebsten hat. Manche wollen Nachzahlungen, weil sie sich neu entschieden haben. Weil sie doch nicht mit sieben Prozent zufrieden sein wollen. Na, ist das ein Stück aus dem Tollhaus? Es spielt aber nicht in einem Schurkenstaat, wo Steuern vielleicht eher lax gehandhabt werden, sondern bei uns daheim. Eine Nachforderung von 20000 Euro kommt aus Zehlendorf.

Steckel geht es schlecht

Dort wohnt der Regisseur Frank-Patrick Steckel, 70. Er hat soeben den Preis der Autoren bekommen, doch es geht ihm nicht gut. Einerseits, weil er mit einem doppelten Beinbruch in der Charité liegt. Andererseits, weil er sich seit Jahren mit einem unsäglichen Umsatzsteuerprozess quält und noch die ruinösen 20000 Euro Nachforderungen am Hals hat. Wie lange sein Bein noch bis zur Heilung braucht, lässt sich nicht sagen. Aber die Steuerqual könnte heute Abend ein vorläufiges Ende im Bundesrat finden. Aber wir wollen nicht voreilig sein. Das gute Ende wurde im Dezember auch schon mal prophezeit, und dann nahmen die Parteien im Bundestag die Nöte der freien Regisseure in Geiselhaft für ein unwürdig kleinliches Parteiengezänk.

Noch mal kurz die ganze Geschichte, bevor heute Abend jeder die Daumen drücken kann, damit die Vernunft siegt. Also der Regisseur Frank-Patrick Steckel entschloss sich 2004, für seine Honorare als Regisseur keine Umsatzsteuer mehr zu bezahlen. Sein Argument: Der Gesetzgeber befreie schließlich auch seine Arbeitgeber von der Umsatzsteuer, also die Theater. Denn es handelt sich wie auch bei Orchestern, Chören und Museen um schützenswerte Kultureinrichtungen. Daraufhin gab es gegensätzliche Gerichtsurteile in allen Instanzen. 2011 entschied der Bundesfinanzhof: Der Regisseur muss den vollen Umsatzsteuersatz von 19 Prozent zahlen, denn die bisherige Gesetzeslage ist unklar. Jedes Finanzamt könne quasi machen, was es wolle. Der Ausweg, den die obersten Finanzrichter klar wiesen: eine Gesetzesänderung.

Ekliges Parteiengezänk

Kulturstaatsminister Bernd Neumann, CDU, ging augenblicklich in die Spur und schwor alle Parteien auf eine vernünftige Lösung ein: Nicht neunzehn, nicht sieben, sondern null Prozent Mehrwertsteuer soll die Norm werden für die Kulturleistung. Spätestens jetzt lieben ihn nicht nur die Filmleute, sondern auch Theater-Regisseure und Choreografen. Denn zwar müssen theoretisch die Theater den Regisseuren die Umsatzsteuer auf das Honorar aufschlagen, in der Praxis passiert das aber nur bei den Stars. Alle anderen bekommen Honorare, die die Umsatzsteuer schon inkludieren. Zur Erinnerung: Das Durchschnittseinkommen von Künstlern liegt bei 14000 Euro jährlich.

Alle sind sich einig, die neue Regel findet ins Jahressteuergesetz 2013, als Rot-Grün auch noch das Ehegattensplitting für homosexuelle Paare in das Paket presst. Das wollen die Schwarzen nicht. Das Gesetz scheitert im Dezember, der Vermittlungsausschuss im Januar. Das Splitting wird separiert, und jetzt kommt’s: ein neues Paket. Schwarz-Gelb wünschen sich darin längere Aufbewahrfristen für Steuerunterlagen. Die Roten wollen nicht. Das Paket scheitert. Heute ist es im Vermittlungsausschuss. Da wird man doch zu Rumpelstilzchen!

Für Katzenfutter zahlt man sieben Prozent Mehrwertsteuer. Die Katzenfutterlobby sagt, 19 Prozent würde finanzschwache alte Katzenhalter diskriminieren. Finanzschwache Kulturleute haben Neumann, aber keine Lobby. Selbst wenn sich der Bundesrat heute einigt, sind die Nachforderungen der Finanzämter noch nicht vom Tisch.