„Reich oder tot“: Lars Becker setzt Thriller-Reihe im ZDF fort

Fahnder Erich Kessel (Fritz Karl) wird bei der Rückkehr ins Kommissariat gefeiert. Er hat einen Drogenentzug gemeistert und zeigt dazu seine Schusswunden vor. Dieser Mann hat einiges durchgemacht – aber was genau? Der Krimifreund kennt Kessel und dessen Partner Mario Diller (Nicholas Ofczarek) schon aus zwei Thrillern, die bei Arte und im ZDF liefen und nachdrücklich in Erinnerung blieben, weil hier selbst Polizisten korrupt und kriminell sein durften. Lars Becker ist deutschlandweit beinahe der einzige Regisseur, der sich in das „Bad Cop“-Genre hineinwagt. 2014 lief als Auftakt „Unter Feinden“ – hier wurde der drogensüchtige Kessel am Ende erschossen. Ein Jahr später folgte das Prequel „Zum Sterben zu früh“, in dem Kollege Diller dafür sorgt, dass sich Kessel für einen Mord nicht verantworten muss.

In „Reich oder tot“ weitet Lars Becker die Kampfzone auf das Private aus

Ist „Reich oder tot“ also eine Fortsetzung von „Unter Feinden“, in der Kessel aufersteht, weil die Schüsse auf ihn nicht tödlich waren? Ist der Film ein Zwischenstück – woher dann aber die Schusswunden? Lars Becker klärt auf der ZDF-Presseseite auf: „Reich oder tot“ folgt auf „Zum Sterben zu früh an“, trug sogar den Arbeitstitel „Zum Sterben zu früh II“. Tatsächlich ähnelt Teil 3 im Aufbau dem Prequel: Wieder fällt Kessel eine Beute in die Hände, die er einsetzen will, um eine Spezialbehandlung seiner epileptischen Tochter zu finanzieren. Wieder geraten er und Diller zwischen Kriminelle und die ehrgeizige Staatsanwältin Soraya Nazari (Melika Foroutan). Auch die Frauen der kriminellen Gegenseite sind hier so gerissen wie ihre Männer – nur ohne deren oft hirnlose Gewalt. Sogar Kessels Frau Claire (Jessica Schwarz) ist mit von der Partie. Sie versucht nicht nur, wie ihr Mann ins Drogengeschäft einzusteigen, sondern schläft auch mit Diller, dem einzigen Verbündeten ihres Mannes. Jessica Schwarz und Nicholas Ofczarek, der mit „Unter Feinden“ einst bekannt wurde, zeigen in den stilleren Szenen des Thrillers ihre Klasse.

Die Ausweitung der Kampfzone auf das Private stellt die Frage, wem man überhaupt trauen kann. Als ehrliche Person bleibt nur die sauertöpfische Gattin Dillers übrig (Anna Loos). Das Lügen und Tricksen macht das Geschehen unberechenbar und abwechslungsreich. Mit einem sarkastisch-grimmigen Humor zeichnet Lars Becker hier sein Hamburger Milieu, deren Schauplätze so passend wirken wie die trockenen Dialoge. Neben der gewohnt stark aufspielenden Hauptbesetzung um Fritz Karl, Nicholas Ofczarek, Jessica Schwarz und Martin Brambach bekommen aber auch Soap-Held Felix Everding und Francis Fulton-Smith die Chance auf abgründige Rollen. Das macht so viel Spaß, dass Lars Becker diese Reihe weiter ausbauen sollte – egal ob davor, dazwischen oder danach.

Reich oder tot Mo, 27. 5., 20.15, ZDF, „Zum Sterben zu früh“ und „Unter Feinden“ in der ZDF-Mediathek abrufbar