Verhüllungskünstler Christo.
Foto: AFP/Valery Hache

Berlin Über rund 40 Kilometer verlief ein aus feinem Kunststoffgewebe gefertigter Zaun durch die nordkalifornischen Berge und mündete auf spektakuläre Weise im Meer. Es war eine der frühen Arbeiten der Künstler Christo und Jeanne-Claude. Sie hatten ihr Projekt 1973 begonnen, aber aufgrund diverser Verzögerungen konnte ihr „running fence“ erst 1976 vollendet werden.

Der bewegte Zaun, der seinerzeit auf der Kunstausstellung Documenta 1977 in Kassel als Film präsentiert worden war, enthielt bereits alles, was die spätere Christo-Kunst ausmachte. Zum einen war da eine gigantische logistische Herausforderung. Die Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude fußten stets auf handwerklichen Meisterleistungen, für die Stoffe angefertigt, bemessen und beschnitten werden mussten. Zum anderen waren es in die Umwelt gepflanzte Monumente, die in ihrer Künstlichkeit mit der jeweiligen natürlichen Umgebung konkurrierten, sich aber zugleich auf wundersame Weise in sie einfügten. Der Film über den „running fence“ handelte von den wie Bergsteigern agierenden Helfern, er erzählte aber zugleich auch von einem ästhetischen Wunder, das mit den Bergen und dem Meer ein harmonisches Ganzes ergab, das die Frage nach handwerklicher und göttlicher Kreativität auf ganz neue Art und Weise stellte.

Von den vielen spektakulären Werken, die Christo und Jeanne-Claude erschaffen haben, ist die Verhüllung des Berliner Reichstages zweifellos das berühmteste. Die Verhüllung begann am 17. Juni 1995 und wurde am 24. Juni abgeschlossen. Bei der Montage beteiligten sich 90 professionelle Kletterer und viele weitere Helfer. Bis zum Abbau am 7. Juli hatten insgesamt über fünf Millionen Besucher dem Projekt beigewohnt, das nur wenige Jahre nach der friedlichen Revolution von 1989 eine Art ultimative künstlerische Antwort auf das historische Ereignis der deutschen Wiedervereinigung darstellte.

Christo und Jean-Claude stehen hinter dem Modell des verhüllten Berliner Reichstags: 
Foto:  Raquel Manzanares/EPA/EFE/dpa

Oder war es sogar umgekehrt? Ihr Vorhaben, den Berliner Reichstag zu verhüllen, hatten Christo und Jeanne-Claude zuvor über 23 Jahre lang mit kühl-freundlichem Beharrungsvermögen betrieben. Das Projekt hatte noch lange vor dem Fall der Mauer heftige politische Debatten ausgelöst, ehe der Deutsche Bundestag am 24. Februar 1994 nach langer kontroverser Debatte und nach namentlicher Abstimmung das Kunstprojekt befürwortet hatte. 292 Abgeordnete stimmten mit Ja, 223 mit Nein.

Die Debatte selbst, das weiß man nicht erst seit heute, ist ein wichtiger Bestandteil der künstlerischen Inszenierung, die Jeanne-Claude und Christo zu herausragenden Akteuren der Kunst des späten 20. Jahrhunderts gemacht haben, weil sie auf grandiose Weise wussten, den öffentlichen Raum zu ihrer Arbeitsfläche zu machen. In diesem Gesamtkunstwerk waren letztlich auch die Bundestagsabgeordneten einfache Helfer wie die Kletterer und Stofflieferanten.

Der verhüllte Reichstag.
Foto::  dpa 

Zugleich aber wurde die Berliner Reichstagsverhüllung zu einem ästhetischen Volksfest, das ein Millionenpublikum anlockte, das schließlich gar nicht anders konnte, als den Reichstag und seine zwiespältige politische Bedeutung in einem neuen Licht zu betrachten. Die Avantgardisten Jeanne-Claude und Christo wurden spätestens seit ihrer Berliner Aktion auch als Volkskünstler gefeiert, die nicht zuletzt verstanden haben, die demokratischen Institutionen herauszufordern.

Christo wurde als Christo Wladimirow Jawaschew am 13. Juni 1935 in Gabrowo in Bugarien geboren. Zu den wichtigsten Arbeiten seiner weltweit praktizierten Objektkunst gehörten die Surrounded Islands in der Biscayne Bay zwischen Miami, North Miami und Miami Beach. Zu Beginn der 80er-Jahre verhüllte das Künstlerpaar, das auch Maßstäbe in der Art und Weise ihre kollektiven Paarkunst setzte, die Pariser Seine-Brücke Pont-Neuf.

Christos Ehefrau und künstlerische Partnerin Jeanne-Claude starb am 18. November 2009 im Alter von 74 Jahren in New York, Christo folgte ihr, zuletzt schon von einer schweren Krankheit gezeichnet, nun am 31. Mai, ebenfalls in New York.

Der Tod wurde auf seinem Twitter-Account bekanntgegeben. In dem Tweet heißt es, dass Christo und seine bereits verstorbene Frau Jeanne-Claude immer klar gemacht hätten, dass ihre künstlerische Arbeit auch nach ihrem Tod weitergeführt werden solle. Daher werde das Projekt Verhüllter Triumphbogen in Paris weiter verfolgt, Termin sei vom 18. September bis zum 3. Oktober 2021.