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BerlinGeschmack fängt früh an, im Bauch der Mutter. Das Ungeborene nimmt schon ab dem dritten Monat den Geschmack des Fruchtwassers wahr und wird auf Geschmackspräferenzen geprägt, das gilt allgemein. Genetisch geprägt ist dagegen die Sensibilität der Wahrnehmung von Geschmacksreizen. Die Forschung unterscheidet zwischen Super-, Normal- und Nichtschmeckern. Nichtschmecker erkennen eine raffinierte Küche nicht. Superschmecker haben eine feine Zunge: Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung zählt dazu, ihr Anteil ist bei Frauen generell höher als bei Männern.

Das alles habe ich mir für diese Kolumne angelesen. Ich wollte wissen, wann das mit dem unterschiedlichen Geschmack anfängt, und zwar nicht nur beim Essen, sondern beim Geschmack als Kultursignal: Es grummelt was im Bauch. Und das muss dann raus.

„Geschmack besteht aus tausend Abneigungen“, schrieb Paul Valery, Dichter und Philosoph. Mit Geschmack grenzt man sich von einem Lebensstil ab, den man nicht haben will oder kann. Geschmack ist eine permanente Selbstprofilierung.

Wer sich über Geschmack öffentlich äußert, verteidigt das eigene Leben. Nur als Beispiel: Bei „Shopping Queen“ auf Vox kämpfen fünf Kandidatinnen mit begrenztem Budget und verordnetem Motto um den Titel. Nach dem Umstyling bewerten sich die Konkurrentinnen untereinander. Ihre häufigste Kritik am neuen Outfit der anderen: „Das ist nicht meins.“ Das ist nicht mein Geschmack. Es folgt Punkteabzug.

„Über den Geschmack lässt sich nicht disputieren.“ Das schrieb Immanuel Kant schon 1790 in seiner „Kritik der Urteilskraft“. Warum hält sich keiner dran? Warum urteilen wir so entschieden? Warum denken wir, dass wir selbst einen guten Geschmack hätten?

Der Anführer an einem Tisch im Urlaubsclub behauptet ein wenig zu laut, dass rothaarige Frauen kein Pink tragen dürfen – in dem Augenblick, als sich eine rothaarige Frau in Pink an den Nebentisch setzt. Sie wird kritisch gemustert und wirkt verunsichert. Warum eigentlich? Warum muss eine Fremde in das Geschmacksraster eines Fremden passen?

Geschmacksfragen sind selten von öffentlichem Interesse. Sie verbeißen sich in lebende Menschen und tote Dinge. In Reihenhaushälften, Trockensträuße, Brillengestelle, Weinsorten. In die Attraktivität von George Clooney, die Wahl von Vornamen für ungeborene Kinder, rote Cabrios, Paarungen. „Was findet Erhard bloß an seiner neuen Flamme?“, fragt eine ältere Frau eine Freundin. Die antwortet: „Er hat eben keinen Geschmack.“ Eine andere Lösung fällt ihr nicht ein.

Männer reden weniger über Geschmack, oder? Vielleicht bei bestimmten Themen wie Whiskey oder Frauen, aber sie definieren Geschmack nicht als ihre Lebenshaltung. In einigen Berufen gehört diese Haltung dazu. „Geschmack ist auch eine Frage des Wissens“, sagte der verstorbene Karl Lagerfeld. Er setzte damit sein berühmtestes Statement – „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“ – auf ein Fundament. Natürlich hatte er den Spruch nicht vergessen, als er 2018 seine eigene Jogginghosen-Kollektion kreierte, die teuerste Hose kostete 175 Euro. Wer eine Sache teuer macht, befreundet sie mit einem besonderen Geschmack. Dior verlangte für eine Jogginghose aus Kaschmir fast 2000 Euro.