Eigentlich dürfte jetzt keiner mehr kommen, um das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sprich, die neue Karriere der alten Klinkerhallen zwischen Wilhelminenhofstraße und Spreeknie in Oberschöneweide zu kappen. Bei mehreren Anläufen, das entseelte und marode Industrie-Ensemble in einen lebhaften Kunst- und Kulturplatz abseits der etablierten Stätten im Berliner Zentrum zu verwandeln, haben sich die neuen Nutzer gestählt. Und gelernt, die Nerven zu behalten.

Jetzt sieht man keine zerschlagenen Scheiben mehr, die Hallen sind seit letztem Frühjahr saniert. Seitdem mindert das Areal viel Leidensdruck in der Kunstszene: Der Raum ist knapp im Zentrum Berlins, die Mieten sind kaum mehr bezahlbar. Platz und günstigere Vermietungen aber gibt es noch – weiter draußen, mit etwas längeren Wegen, umweltfreundlich per S-Bahn, Tram, Bus oder Rad. Oder halt per Auto. Parkplätze gibt’s hier jede Menge.

Die Reinbeckhallen am Wasser waren früher, vor dem Krieg, durch die AEG, gegründet vom jüdischen Industriellen Emil Rathenau, Vater des von Antisemiten ermordeten liberalen Politikers der Weimarer Republik, Walter Rathenau, ein Ort deutscher Wertarbeit. Und noch bis 1996 hat man im TRO Transformatoren hergestellt – bis das Werk geschlossen wurde. Jetzt hängt, steht oder erklingt da: Kunst.

Die Berliner Wirtschaft zeigte kein Interesse

Wäre es nach dem kunstaffinen Investor und Juristen Sven Herrmann und seinen Leuten von der im Dezember 2017 gegründeten Stiftung Reinbeckhallen gegangen, hätte es schon vor 14 Jahren so laufen können. Ganz nach einem Konzept „mit Haltung trotz Risiko“. Es gehe auch darum, „unbürokratisch Projekte zu ermöglichen“ und unabhängig von staatlichen Fördertöpfen zu sein. Er hatte das Potenzial des Ortes erkannt, auf dem die Kulturwerke Oberschöneweide schon von 1998 bis 2002 nicht mehr weiterkamen. Herrmann erwarb zusammen mit Partnern die vier Reinbeckhallen von der Treuhand. Der Stadtbezirk ließ die Hallen nicht unter Denkmalschutz stellen, das machte die Restaurierung leichter.

Die Berliner Wirtschaft zeigte damals null Interesse an dem Projekt. Und die Sanierung kostete Zeit, Kraft, Geld. Dann zog berühmte Nachbarschaft zu: Der kanadische Sänger, Fotograf und Berlin-Fan Bryan Adams kaufte das rechte Hallenensemble, richtete darin 14 Ateliers, dazu Ausstellungsräume ein.

Adams’ Refugium strahlt nachts von Weitem wie ein Gewächshaus. Weiterhin kauften die Zeichnerin Jorinde Voigt die linke Halle am Wasser und die Konzeptualistin Alicja Kwade und der Maler Christian Jankowski je einen weiteren Hallenteil. Und es geht prominent weiter: Auch der Island-Däne Olafur Eliasson hat sich und seinen Modellbauern in einer profanen quadratischen Halle rechts der historischen Bauten eine Werkstatt-Dependance eingerichtet, weil ihm der Platz auf dem Pfefferberg-Gelände nicht mehr ausreicht.

Mittlerweile leben zahllose Künstler in Oberschöneweide

Für die Pläne der heutigen, mit drei festen Mitarbeiten arbeitenden gemeinnützigen Stiftung Reinbeckhallen schlug letzten Mai die große Ausstellung der 2010 verstorbenen Ostkreuz-Fotografin Sibylle Bergemann Funken. Die zwei Hallen wurden quasi zum Pilgerort der Fotogemeinde. Sven Herrmann brachte in die Stiftung seine eigene Sammlung von 125 Werken ein – Fotos von Roger Melis, Sibylle Bergemann und Werke von Trak Wendisch, den Heisigs, von der Israelin Sigalit Landau. Und die Stiftung, die in ihren Hallen und Nebengebäuden neun Ateliers verkauft, neun vermietet hat, erwirbt Kunst für ihre Kollektion.

Und das dürfte nicht schwer sein, denn mittlerweile leben und arbeiten zahllose Künstler in Oberschöneweide. Auch mit den Studenten der benachbarten Hochschule für Technik und Wirtschaft kamen Künstler, die Ateliers und Ausstellungsräume brauchen. Auf jede Atelier-Ausschreibung kommen inzwischen 50 Bewerber.

Von solch einer alten Industriehalle – mit Empore wie in einer Kirche – für seine Bilder habe er bislang nur träumen können, sagt Sam Grigorian, aus Armenien stammender und durch Ausstellungen in Los Angeles durchaus mit gutem Ambiente verwöhnter Maler, Wahlberliner seit den 80er-Jahren. Die Stiftung lud ihn und den Berliner Komponisten Till Hass für sechs Wochen ein zum „Intermezzo“. Einmal im Jahr, neben zwei großen Ausstellungen, ist solch ein experimentelles Zwischen-Projekt geplant.

Malerei wird zu Musik

Bei diesem hier werden Bilder zu Klängen und Klänge zu Bildern. Bei Grigorian sind Zufall und poetische Gegenstandslosigkeit eins, und Collage wird Decollage. Die Formen treten aus der Fläche – oder, fast wie in der Op Art – in sie zurück. Grigorians Minimalismus tendiert zum Relief. Horizontale Linien strukturieren das klare, zugleich rätselhafte Bildgeschehen, schaffen eine magische Ordnung.

„Wenn ich male, fühle ich wie ein Musiker“, so der 1957 in Jerewan Geborene. Seine Arbeiten gleichen tatsächlich Kompositionen, übermalte, abgeklebte Leinwände, die Papierflächen gefaltet, geknickt, gerissen und die „Töne“ zwischen den horizontalen, vertikalen, auch schwingenden Linien. Da ergeben sich Felder in kräftiger Farbpalette oder aber in Schwarz-Weiß eine konzeptionelle, konstruktivistische Ordnung. Chiffren erinnern an Naturphänomene, Landschaften, Architekturen. Vergangenes. Rätselhafte Zeichen finden sich – armenische, ägyptische, ostasiatische oder solche wie von Kinderhand gesetzte.

Der Weg ans Spreeknie Oberschöneweide lohnt sich

Das Kreuz ist wieder und wieder Bildthema, gleichsam eine Metamorphose des uralten Antonius-Kreuzes in seiner T-Form. Die wandfüllende „Endlose Geschichte“, 2015, steht für den Formenkanon der Tradition wie der Moderne, Grigorian aber verzichtet darauf, Vorbilder zu nennen, etwa Malewitsch oder Beuys. Er will „Urhaft-Keimendes“ darstellen, „Kontrollierte Zufälle“ im Arbeitsprozess zwischen Absicht und Intuition. Seine Zeichenwelt erscheint abstrakt. Und doch kommt sie vom Sehen, vom sinnlichen Erleben. Vom Musikhören.

Aus 20 Lautsprechern tönen die dunkel-melodischen Stücke von sechs Klavieren, die Till Hass zu Grigorians Bildern komponierte. Die Halle ist abgedunkelt und hat eine überraschend gute Akustik. Man kann sich niederlassen, auf Hockern, sogar auf einer riesigen Matratze. Was man hört, ist halb als Abgrenzung, halb als Übergang wahrzunehmen. Schlussendlich als Dialog im Zwischenraum: Klangbilder zu Bildklängen, für die sich der Weg ans Spreeknie Oberschöneweide lohnt.