Da wird er nun achtzig Jahre alt, hat mehr als ein Dutzend Gedichtbände veröffentlicht, auch für Kinder Verse geschrieben und die Lyrik tschechischer Kollegen ins Deutsche übertragen, und doch ist es ein Prosabändchen, das man bis heute vor allem mit seinem Namen verbindet. Reiner Kunzes „Die wunderbaren Jahre“, 1976 erschienen, ist ein Markierungsstein in der deutsch-deutschen Geschichte – wenigstens der deutsch-deutschen Literaturgeschichte. Dort, wo die Sammlung von Miniaturen entstand, wurde sie nicht gedruckt. Die „Wirklichkeitsprotokolle“ vom Wehrunterricht in der DDR-Schule, vom Echo der Niederschlagung des Prager Frühlings im privaten Bereich, von der Diskriminierung kritischer Jugendlicher durch beflissene Direktoren im Osten und vom Misstrauen im Alltag machten den Autor im Westen sofort bekannt.

In der DDR, wo ja zuvor einiges erschienen war, sein Reclam-Band „Brief mit blauem Siegel“ von Hand zu Hand ging, wo ihm allerdings sogar im Schriftstellerlexikon vorgeworfen wurde, dass er „das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft undialektisch reflektierte“, dort wurde Reiner Kunze 1976 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. 1977 folgte er seinem Büchlein in die Bundesrepublik und bekam im selben Jahr den Georg-Büchner-Preis zuerkannt. Heinrich Böll hielt die Laudatio auf einen Dichter, „mit einem schmalen Werk, in dem sich Welten entfalten“. Er pries auch die „Wunderbaren Jahre“, die „mehr Auskunft über Deutschland geben, mehr über das Schicksal der CSSR als ganze Fluten von Propagandaliteratur“. Weniger wohlmeinende Stimmen befanden, dass das Buch von vornherein „für den Export“ geschrieben gewesen sei.

Für inoffizielle Arbeit nicht geeignet

Den Meinungswächtern war Kunze schon länger suspekt. Im September 1968, einen Monat nach seinem Austritt aus der SED, legte die Bezirksverwaltung Gera des Ministeriums für Staatssicherheit den Operativen Vorgang über ihn an, der dann auf 3491 Blatt anwächst und im Dezember 1977 geschlossen wird. Im Eröffnungsbericht heißt es: „Eine Aussprache mit ihm ergab, daß er für die inoffzielle Arbeit nicht geeignet ist.“ Zitate und Faksimiles aus diesen zwölf Aktenbänden veröffentlichte Kunze im Jahr der deutschen Vereinigung.

Dieses Buch, „Deckname ,Lyrik’“, gehörte zu den ersten Dokumentationen solcher Art, den meisten waren ja ihre Akten noch gar nicht zugänglich. Es zeigte, wie kleinlich einerseits und wie kundig andererseits die Spitzel zu Werke gingen. Interpretierend heißt es etwa über den im Westen veröffentlichten Gedichtband „Sensible Wege“ im Mai 1969: „Die DDR ist ein großes Gefängnis, worunter nicht nur die Beschränkung der Bewegungsfreiheit, sondern auch der Einengung des geistigen Lebens und der Entwicklung der Persönlichkeit und des Talents verstanden wird.“ Der IM hat den Autor verstanden. Gedichtzeilen werden zitiert: „Ethik// Im mittelpunkt steht/ der mensch// Nicht/ der einzelne“.

Jahrzehnte später wird Reiner Kunze schreiben „Wort ist währung// Je wahrer,/ desto härter“ und hat damit immer noch recht. Er lebt in Obernzell-Erlau nahe Passau. Die Adresse „Am Sonnenhang“ nahm er als Titel für autobiografische Notizen. Er lebt dort mit Koi-Karpfen, wie wir in einem seiner neueren Bücher sehen können, er hat die bunten Fische fotografiert. „Wortfühlig“ wie er ist, blieb die Lyrik sein Metier: „Das gedicht/ ist der blindenstock des dichters// Mit ihm berührt er die dinge,/ um sie zu erkennen“. Das ist in friedlicher Zeit eine stille Arbeit. „Dichter dulden keine Diktatoren neben sich“, überschrieben seine Kollegen Günter Kunert und Matthias Buth ein Lesebuch, das sie zum 80. Geburtstag im Verlag Ralf Liebe herausgegeben haben.