Istanbul - Spielfilme über politische Führer werden selten gedreht bevor diese gestorben und zur Legende geworden sind. Nun kommt schon zu Lebzeiten ein Film über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Kinos. „Reis“ heißt das Werk, was so viel wie „Chef“ oder „Boss“ bedeutet und  eine Bezeichnung ist, die Erdogans Anhänger für den Mann gebrauchen, den sie bereits wie einen Propheten verehren und der die Türkei wie kein anderer seit dem Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk geprägt hat.

Auch wenn der Präsident selbst den Film nicht in Auftrag gab, so passt er doch gut in seinen politischen Kalender. Am 16. April stimmen die Bürger der Türkei über das exekutive Präsidialsystem ab, mit dem Erdogan seine de-facto-Allmacht auch juristisch legitimieren will. Am Sonnabend war Wahlkampfstart der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, am Sonntag Filmpremiere in Istanbul.

Vergangene Woche lud die Produktionsfirma Journalisten in ein exklusives Istanbuler Restaurant „ohne Alkoholausschank“ ein, wo die Hauptdarsteller für Interviews bereitstanden: Reha Beyoglu und Özlem Balci, die Erdogan und seine Ehefrau Emine verkörpern. Beide  waren bisher vor allem aus  Soap Operas bekannt. Bei Reha Beyoglu fällt die Ähnlichkeit mit dem „Boss“ sofort ins Auge.  Er habe auch denselben Geschmack bei Kleidung und Haartracht, bestätigt der gelernte Theaterschauspieler und zählt weitere Gemeinsamkeiten auf: Wie Erdogan stammt er vom Schwarzen Meer, spielte als Junge gern Fußball, wuchs in einer konservativen Familie auf. „Ich bin ein Erdogan-Fan und habe das richtige Gefühl für die Rolle“, sagt Beyoglu. „Ich betrachte es als Ehre, den Menschen Nummer eins der Türkei spielen zu dürfen!“

Ein hilfsbereiter Junge

Die Filmbiografie konzentriert sich auf Episoden, die aus der Erdogan-Hagiographie gut bekannt sind. „Wir zeigen, dass er schon damals genauso war wie heute“, sagt Reha Beyoglu. Die Kindheit mit der verzweifelten Reaktion des Vaters auf die Hinrichtung des ersten islamistischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes 1961 kommt vor, die Ohnmacht angesichts der Unterdrückung der Religion im säkularen Staat, die Hilfsbereitschaft des jungen Erdogan. „Nachdem er jahrelang für ein Fahrrad gespart hatte, hat er alles Geld einem Freund gegeben, der es nötig hatte“, sagt Reha Beyoglu.

Der Film springt dann ins Jahr 1994, als Erdogan zum Oberbürgermeister Istanbuls gewählt wird, zeigt die Kämpfe und Entbehrungen, bis er 1999 wegen Volksverhetzung ins Gefängnis muss, weil er ein Gedicht zitiert, das  viele für sein politisches Credo halten: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Seinen Anhängern gilt die Haftstrafe dagegen noch immer als Symbol für die unfaire Behandlung frommer Muslime zu jener Zeit.

Werden denn gar keine Schwächen des „Chefs“ gezeigt, vielleicht sein aufbrausendes Wesen? Beyoglus Antwort ist knapp: „Er hat keine Schwächen!“ Im Übrigen sei „Reis“ ein biografischer und kein politischer, gar ein Propagandafilm. Er habe keinen politischen Inhalt, dafür eine klare Botschaft: „In seiner Kindheit, der Jugend und jetzt ist Erdogan dieselbe Person. Ein Feind der Unterdrücker und ein Freund des Volkes.“

Von der Produktionsfirma war zu erfahren, dass der Film etwa acht Millionen Dollar kostete – viel Geld für eine türkische Produktion –, dass in Istanbul und Zypern gedreht wurde und etwa 3000 Komparsen mitmachten. Regisseur ist Hüdaverdi Yavuz, der bisher fürs türkische Staatsfernsehen TRT arbeitete. „Der Film nimmt einen richtig mit, man empfindet enorme Empathie für Erdogan“, schwärmt eine Mitarbeiterin, die ängstlich darüber wacht, dass der Darsteller sich bloß nicht politisch äußert.

Reha Beyoglu  hat sich vorbereitet, indem er durch Istanbuls Hafenviertel Kasimpasa wanderte, in dem Erdogan aufgewachsen ist. Dort sprach er mit Leuten, die den „Reis“ von früher kannten. Erdogan habe Istanbul unzweifelhaft lebenswerter gemacht: bessere Straßen und öffentliche Verkehrsmittel, stabile Strom- und Wasserversorgung. Der Präsident habe nicht den geringsten Einfluss auf das Drehbuch genommen. „Er hat überhaupt erst von dem Film erfahren, als wir ihn schon fast ganz abgedreht hatten.“ Mag sein – allerdings wurde zuvor in den türkischen Medien breit über das Filmprojekt berichtet. Eigentlich sollte „Reis“ schon im Oktober anlaufen, aber man habe schließlich entschieden, den Film „nicht nur dem türkischen Volk, sondern auch dem Präsidenten zum Geburtstag am 26. Februar zu schenken“, so Beyoglu.

Seine Filmpartnerin Özlem Balci scheint sich anders mit ihrer Rolle zu identifizieren. „Nur weil ich Emine Erdogan spiele, muss ich ihre Ansichten nicht teilen“, sagt sie.  Sie habe die Präsidentengattin auf Empfängen mehrfach kurz getroffen, dabei aber mit ihr nicht über den Film gesprochen, sagt Özlem Balci. „Die Zeit war viel zu kurz dafür.“ Ihren Part habe sie nach ihrem persönlichen Eindruck von der First Lady angelegt. Sie zeige, wie Emine Erdogan ihrem Mann den Rücken für seinen Aufstieg freihielt.

Viel gemenschelt wird nicht

Balci, die Politikwissenschaft studiert hat, lacht viel und trägt ihr Haar offen – was zu der Frage einlädt, ob es schwer war, sich in Emine Erdogan hinein zu fühlen, die stets mit Kopftuch auftritt. „Aber nein“, sagt die  32-Jährige.  Andererseits weiß sie, dass der Film umstritten sein wird. „Wer Erdogan nicht mag, wird auch den Film nicht mögen.“ Einige Bekannte hätten sich von ihr abgewendet, nachdem sie engagiert wurde. Aber würde sie sein wollen wie Emine Erdogan? Ihre Antwort kommt ein bisschen schnippisch: „Warum nicht?“ Dann überlegt sie einen Moment. „Ich würde gern First Lady sein. Aber würde ich gern in ihren Schuhen stecken? Nein, denn das hieße, die Frau von Tayyip zu sein, eine heilige Position. Unmöglich!“

Erdogan hat seine öffentliche Biografie stets sorgfältig kontrolliert. Das Beharren der Filmleute, dies sei ein „biografischer, kein politischer Film“ kollidiert dann zwangsläufig mit der Erwartung, wenigstens saftige Episoden aus dem Privatleben gezeigt zu bekommen. Doch „Reis“ enthält weder Liebesszenen, noch ehelichen Streit oder  scheue Küsse.  Der quasi-offizielle Charakter des Films lasse zu viel Menscheln gar nicht zu, sagt Özlem Balci.

Wenn der Film gut läuft, sollen weitere Teile gedreht werden. Von mindestens zwei Sequels ist die Rede. Die im Internet millionenfach angeklickten Trailer lassen einen Film erwarten, der Erdogans Anhänger nicht enttäuscht und einen Heroen zeigt, der für seine Sache ins Gefängnis geht.  „Ein Mensch stirbt nur einmal“, sagt  Erdogan im Trailer. „Wenn wir sterben, lasst uns sterben wie ein Mann!“ Die letzte Szene zeigt ihn mit entschlossenem Blick, während die Stimme aus dem Off den „mutigen Helden“ preist, der aufstehe, um sich ehrenhaft gegen die Unterdrückung zur Wehr zu setzen.