Symbolbild.
Foto: imago images / agefotostock

BerlinDies ist nun wirklich die CD zur Stunde: Es sind Ferien, aber Italien ist abgeriegelt – da kommen die „Carnets de Venise“ (Notizen aus Venedig) des vor drei Jahren verstorbenen Komponisten Pierre Henry gerade richtig. Henry hat bei Olivier Messiaen studiert und ist danach zu Pierre Schaeffer gegangen, der die „musique concrète“ erfunden hat, eine elektronische Musik aus Geräuschen der Umwelt.

Der 75-jährige Pierre Henry ist 2002 mit einem Mikrofon durch die Serenissima gezogen und hat akustische Fotografien angefertigt: Glocken, Lagune, Vaporetto, Touristen, spielende Kinder. Zuhause in seinem Pariser Studio hat er diese Funde bearbeitet und mit Musik des Kapellmeisters von San Marco, Claudio Monteverdi, zu einer einstündigen Reise durch Raum und Zeit gefügt.

Wasserschwappen und knarzendes Holz

Das klingt dann so: Ein kurzer Monteverdi-Gesang wird vom Klang einer Bugwelle abgelöst, das Tuten eines Horns setzt ein elektronisches Echospiel mit hallenden Tönen in Gang. Oder ein einzelner Akkord scheint im hohlen Wind sich zu drehen. Man hört, von Wasserschwappen begleitet, knarzendes Holz – Türen, die im Wellengang auf und zu klappen? –, dann ein Schiffshorn, dessen Ton mit unnatürlichem Hall versehen den Blick des Ohres auf das offene Meer lenkt, gleichsam durch die Tür, die man hatte knarzen hören, hindurch. An der lustigsten Stelle hört man Kinder Ball spielen, während sich die drei Tenöre des „Duo Seraphim“ aus der Marienvesper ihre knatternden Koloraturen zuwerfen – Spiel hier wie dort.

Quelle: Youtube

Natürlich „hört“ man so etwas nicht im landläufigen Sinn. So unterschiedlich Henry das Wechselspiel zwischen Monteverdi und den Geräuschen der Stadt auch gestaltet: Die Form ist gleichsam landschaftlich, sie will im Vorübergehen und dennoch wie etwas Dauerndes wahrgenommen werden.

Ruf exotischer Vögel

Ebenso leicht zu hören, dabei auf seine Weise nicht weniger experimentell ist das Album „L’Amour, la Mort, la Mer“ der französischen Sopranistin Patricia Petibon. Auch hier beginnt alles mit Meeresrauschen, dann ein Akkordeon und ein „Chanson bretonne“. Es folgt Spanisches und Lateinamerikanisches, am Ende steht Irisches und Englisches: Wohin man auf dem Seeweg auch gelangt, das kann man hier hören – bis hin zu den Rufen exotischer Vögel.

Quelle: Youtube

Stilistisch reicht das von großen Komponisten wie  Gabriel Fauré oder Samuel Barber bis zu John Lennon und zum Easy Listening eines Yann Tiersen, der die Filmmusik zur „Fabelhaften Welt der Amélie“ geschrieben hat. Die Sängerin schont sich nicht und verbindet ihr buntes Programm zu einer schlüssigen Abfolge, der man das beliebte Attribut der „Leichtigkeit“ nicht versagen will.

Pierre Henry: „Carnet de Venise“

(harmonia mundi)

Patricia Petibon: „L’Amour, la Mort, la Mer“

(Sony)