Ich sitze im Flugzeug und schaue mir einen animierten Comic über Sicherheit an. Die Stewardess darin ist eine kleine Fee mit putzigen Flügelchen, die den Passagieren, unter anderem einem Schaf, emsig Sauerstoffmasken überstülpt. Am Ende flötet es: „It’s not just an airline, it’s Israel!“ Ich fliege nach Tel Aviv, begleite meinen Freund, den Schauspieler Thomas Wendrich, auf ein Gastspiel des Berliner Ensembles. Das heißt, ich begleite ihn momentan nicht, denn er sitzt mit den Bühnentechnikern des BE in einem anderen Flugzeug. Das ist gut, denn wenn meines abstürzt, werden unsere Kinder keine Vollwaisen, aber darüber möchte ich jetzt nicht nachdenken. Es gibt ja die Fee!

Mit mir reist ein Teil des Filmteams, das diese Reise dokumentarisch begleiten wird. Es soll ein ein „Making Of“ von Heiner Müllers letzter Inszenierung werden. Das Stück ist von Bertolt Brecht, spielt im Chicago der 1930er Jahre und allegorisiert die Machtergreifung Adolf Hitlers: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Gelegentlich Arturo Tui genannt, wegen der zahlreichen Gastspiele im Ausland.

Mein Freund hat mit dem „Ui“ die ganze Welt bereist und über alle die Jahre kam ich in den Genuss etlicher Anekdoten: Mehrmals haben sich Schauspieler in den fremden Theatern verlaufen und ihre Auftritte verpasst, in Kalkutta gab es in der Unterbühne hängebauchschweingroße Ratten, in Moskau eine Katze, die mit dem Gebaren eines Weltstars während der Vorstellungen über die Bühne flanierte, in Los Angeles saß der Hollywoodstar Al Pacino im Publikum. Er hat sich nach der Aufführung entschlossen, selbst den „Ui“ am Broadway zu inszenieren und und und.

Als mein Freund und sein Schauspielerkollege beim letzten Gastspiel die Idee hatten, dass man diese Reisen eigentlich mal dokumentieren müsste, stießen sie nicht nur bei BE-Intendant Claus Peymann auf offene Ohren, sondern hatten auch das Glück, finanziell von einem älteren Pärchen unterstützt zu werden, die sie bereits in ungefähr 300 von 395 Vorstellungen in den vorderen Reihen sitzen sahen. Verrückt. Wieso schaut man sich ein Stück so oft an, fragte nicht nur ich mich. Die beiden werden auch in Tel Aviv dabei sein, und ich bin fast so gespannt auf sie, wie auf die Reaktion der dortigen Zuschauer. Wird es einfach, wie gewohnt, die durchschnittlich 7 Minuten Standing Ovations geben? Wie werden Passanten reagieren, wenn vor Vorstellungsbeginn originale Hitler-Reden unkommentiert über den Platz vorm Cameri Theater erschallen? Der Redner wurde schon einmal in Frankreich mit faulem Gemüse beworfen. Wird es womöglich Tumulte geben, wie bei dem Gastauftritt der Berliner Staatskapelle, als Barenboim Wagner spielen ließ?

Aber wir reisen nicht nach Jerusalem. Tel Aviv ist eine weltoffene Stadt, möglicherweise wird sich die Wirkung also in nichts von der in anderen Ländern unterscheiden. Das Stück ist zeitlos, was den fatalen Zusammenhang von Politik und Wirtschaft im Kapitalismus betrifft, könnte also gerade den Nerv derjenigen treffen, die vor zwei Jahren ihre Zelte mitten auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv errichteten, um gegen soziale Ungerechtigkeit zu protestieren. Aber diese Inszenierung ist vor allem auch ein Erklärungsversuch für die Entstehung von Faschismus und der perversen Faszination, die von Hitler ausging und ausgeht.

Ich habe die Vorstellung einmal zur Premiere vor 17 Jahren und einmal vor vier Jahren gesehen. Beide Male konnte ich nicht umhin, die Handlung empathisch mit Arturo Ui, dem „Sohn der Bronx“, zu verfolgen, so lange bis ich realisierte, mit wem ich da mitfieberte, doch da war es schon zu spät. Touché!

Wird das auch in Israel funktionieren? Werden sich Nachkommen von Holocaust-Überlebenden darauf einlassen, Empathie für Hitler zu entwickeln? Kann man erwarten, dass dem Schauspieler Martin Wuttke für dessen grandiose Hitler-Darstellung am Ende zugejubelt wird, so wie es bisher immer und überall der Fall war?

Ich schaue aus dem Flugzeugfenster. Wir sind gelandet. Tel Aviv ist diesig. Unser israelischer Tonmann, der neben mir sitzt, sagt, zum Ende des Sommers wirbeln die Winde eine Menge Staub auf in der Stadt. Das passt ja, denke ich...

Fortsetzung folgt.