Ich stehe bei greller Sonne und gefühlten 50 Grad auf dem polierten Kalkstein-Balkon des Cameri Theaters und kann kaum sehen, da ich gerade aus den dunklen Tiefen der Hinterbühne gestiegen bin. Vor mir liegt ein eleganter, moderner Platz, der in bemerkenswertem Kontrast zu den teilweise heruntergekommenen Wohnhäusern der Umgebung steht. Von dieser exponierten Stelle hat bisher nur einmal einer eine Rede gehalten und das war der Bürgermeister von Tel Aviv.

Der Platz wird vom Theater, der Oper und dem Museum für moderne Kunst umschlossen. Das sei gut, sagt Stephan, der Schauspieler, der hier morgen eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung im Saal, eine Hitlerrede von 1933 an das deutsche Volk, also dann an das israelische Volk halten wird. Er fühle sich besser so, als würde er auf einem offenen Platz stehen.

Auch das er nicht ebenerdig durch sein Megafon sprechen muss, findet er angenehmer, so kann er über die Leute hinweg schauen, versuchen, ihre Anwesenheit nicht wahrzunehmen. Natürlich sei das immer seltsam, aber so viel Respekt wie hier, hatte er bisher noch nie. Er fühle sich schon komisch, überhaupt in Israel deutsch zu reden.

Obwohl eine Menge Theaterplakate in der Umgebung des Theaters hängen, sehe ich keines für den „Ui“. Man habe sich hier schwer getan mit den üblichen Werbefotos, sagt der technische Leiter. Alternativ hängt im Foyer ein großes Foto von Heiner Müller.

Dann entdecke ich aber doch noch Flyer, die Martin Wuttke in der bekannten Hakenkreuzposition zeigen. Allerdings ist das Foto so angeschnitten, dass man das Hakenkreuz nicht mehr erkennt. Die schriftlichen Ankündigungen im Programmheft halten sich ebenfalls inhaltlich zurück. Der nicht zum Fachpublikum gehörende Zuschauer weiß wahrscheinlich gar nicht, was auf ihn zukommt. Der Name Brecht und das Berliner Ensemble sind wohl erstmal Grund genug, ins Theater zu gehen.

Auf der Bühne wird Probe geschossen

Beim Bühnenaufbau schert man sich gerade nicht um diese Frage. Es gibt keine Zeit dafür. Die zwei Container mit den Dekorationen und Requisiten müssen entladen, zwölf große Säulen neu gestrichen und aufgerichtet, die Bühne verkleinert, eine Kassettenplatte zur Unterbühne ausgehoben, fehlendes Inspizientenpult und Tonequipment besorgt, das Licht und die hebräischen Übertitel gesetzt werden.

Im Schnürboden hängen zig Bühnenbilder aus anderen Stücken. Das ausgerechnet die jüdischen Grabsteine einer anderen Vorstellung auf einen, sich weiter hinten befindenden, Zug ausweichen müssen und dabei von einem zu fix herunter gelassenen Strang genau in Hitlers Schlafzimmer poltern, war zum Glück die Schuld der Tel Aviver Kollegen!

Ich tauche wieder ins Dunkel des Theaters ab. Der israelische „Gunman“ kommt vorbei. Da man keine Waffen verschicken darf, müssen sie vom Theater besorgt werden. Er öffnet ein silbernes Köfferchen und packt zwei Walter und einen Revolver der einheimischen Marke Jericho aus. Letztere muss die hier nicht vorhandene Mauser ersetzen. Auf der Bühne wird Probe geschossen.

Ich erinnere mich, wie ich damals in der Vorstellung mit 99 Prozent der anderen Zuschauer bei den extrem lauten Schüssen zusammen fuhr. (Ein Anblick, der einigen Schauspielern Freude zu bereiten scheint.) Danach packt der Gunman die Waffen zurück. Er sagt, er bringe sie zur Probevorstellung wieder. Das kann er aber dann doch nicht, weil Sabbat ist und da darf er kein Waffenköfferchen umhertragen. So wie der größere Teil der israelischen Theatermitarbeiter Freitagabend bis Sonntag früh einfach ausfallen wird.

Als ich heut morgen mit dem Filmteam vom Hotel zum Theater ging, fragte uns auf der Straße ein Israeli, was wir hier drehten. Ja, er fände es gut, wenn etwas über Diktaturen gezeigt werde, er lebe ja hier schließlich auch in einer. Er wollte sich sofort Karten besorgen, er hätte „connections“. Als mein Freund erwähnte, dass ein Schauspieler außerhalb des geschützten Theaters eine Propagandarede halten wird, hauchte er: „Wow!“ und nach kurzer Pause: „Ich werde meine Oma mitbringen.“ Er lachte unsicher und schüttelte den Kopf. Wir werden sehen. Noch ist Hitler nicht angereist und Göring hat, wie ich eben erfuhr, den Flug verpasst.

Fortsetzung folgt. Den ersten Teil des Reisetagebuchs lesen Sie hier.