Ich stehe im Dunkel der Seitenbühne des Cameri-Theaters, versuche unauffällig durch die Säulen einen Blick auf das Publikum zu erhaschen und kichere in mich hinein. Der Ui erhält gerade vom alten Schauspieler Sprachunterricht. Ein paar Meter vor mir sitzt Wuttkes kleiner Sohn und klopft sich auf die Schenkel. Nachdem das Publikum erst zögerlich reagierte, was womöglich daran lag, dass sie sich auf die hebräischen Übertitel einstellen mussten, lachen auch sie. Das erleichtert die Schauspieler.

Nach der Probe, die erst heute Vormittag stattfinden konnte, da neben Göring auch Goebbels und Hitler selbst ihre Flieger verpasst hatten, appellierte Martin Wuttke an das Ensemble, nicht der Macht der Gewohnheit zu erliegen, nicht zu niedlich zu spielen, mehr Hysterie im Spiel zu erzeugen. Man sei schließlich in Israel. Stefan Suschke, der für die künstlerische Originalität des Stücks sorgt, fordert ergänzend auf, die letzten 17 Jahre mal zu vergessen, an Brecht zu denken. „Wenn ihr schneller denkt, als ihr sprecht, habt ihr genau das richtige Tempo.“

Zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung hatten die israelischen Kollegen den Eingang zum Theater und den direkten Platz vor dem Rednerbalkon abgesperrt. Aus Sicherheitsgründen, wie wir alle dachten. Als ich eine Stunde später noch mal neugierig hinunter sah, saßen innerhalb dieser Absperrung eine Menge hübsch gekleideter Menschen, an kleinen Café-Tischen, in froher Erwartung dessen, was kommen möge.

Pünktlich um 19.30 Uhr ertönten die Fanfaren der im 2. Weltkrieg zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Liszt-Sinfonie. Der junge Schauspieler trat an sein Mikrofon und begann die Hitlerrede „Der Mai ist gekommen“ zu deklamieren. Eher wegen der Musik schauten die Leute zuerst etwas erschrocken hinauf, zückten dann aber nach und nach ihre Handys und machten Aufnahmen, die – wie ich annehme – umgehend auf Facebook gepostet wurden. Man wollte Heiner Müller ja nicht glauben, als er einmal sagte, Hitler wäre der kommende Popstar.

„Hoald die Guschn, du Nazi!“

Ein alter Mann fragte mich schmunzelnd, ob er nach der Rede „Heil Hitler“ sagen müsse, und erzählte mir dann, dass er aus Leipzig komme und seine Familie 1939 ausgewandert sei. Er habe diesen Sprachduktus noch im Ohr, aber er wundere sich, dass Hitler so poetische Reden gehalten habe. Von einem Café-Tisch rief einer: „Hoald die Guschn, du Nazi!“ Ein österreichischer Israeli, der sich darüber mokierte, warum man das Ganze nicht im Theatersaal machen kann, dass er hier auf SEINEM Platz nicht in Ruhe Kaffee trinken könne, ohne Nazis. Ein Mann mit Bauchladen verkaufte währenddessen seelenruhig und laut rufend Brezeln, drei Stück für nur 10 Shekel.

Ich bin eine Weile mit unserer Kamerafrau im Backstage-Bereich herumgelaufen, und inzwischen ist die Vorstellung zu Ende. Applaus brandet auf. Einzelne Zuschauer erheben sich. Dann mehr, schließlich fast alle. Zum Rhythmus des Popsongs „The Night Chicago Died“ klatschen die Leute Beifall, jubeln Martin Wuttke und also auch Hitler zu. Darin liege der Erfolg vom Ui begründet, sagte Heiner Müller damals: „Ein Missverständnis. Unlösbar aber vorhanden.“ Und vor allem kalkuliert.

Die Leute verlassen lächelnd den Saal. Ich schaue auf die Uhr. Tatsächlich. Sieben Minuten Standing Ovations. Trotz aller Weltoffenheit dieser Stadt hatte ich vermutet, es würde hier anders sein. Ich habe mir vorgestellt, es könnte in Israel kaum eine größere Provokation geben, als schräg gegenüber vom militärischen Hauptquartier in Tel Aviv und dann noch am Sabbat vor Juden eine Hitler-Rede zu halten. Sicher gab es einige beklemmende Momente während des Stücks, aber ich habe das Gefühl, die einzigen, die hier Sorgen hatten, waren die Schauspieler, die Techniker, ich, wir Deutschen.

Der kleine Empfang nach Ende der Vorstellung, bei dem sich der Bürgermeister gut gelaunt und in der eben im Stück gelernten, richtigen Redestellung beim Goethe-Institut, bei Klaus Wowereit und der Lottostiftung bedankt, löst sich nach einer knappen Stunde in Wohlgefallen auf. Die ganze Unternehmung hat an dieser Stelle eine ganz andere Dimension als erwartet bekommen. Aber die zu erzählen, ist unserem Film vorbehalten.

Den ersten Teil des Reisetagebuchs lesen Sie hier und den zweiten hier.