Berlin - Frau Krämer, wie viel Gewalt steckt im Koran?

Meine wichtigste Botschaft lautet, dass der Koran, wie die heiligen Schriften anderer Religionen, kein einheitlicher, glatter Text ist, sondern zu einzelnen Themen durchaus unterschiedliche und gelegentlich sogar widersprüchliche Aussagen macht. Man sollte daher nicht argumentieren, der Islam sei ausschließlich eine Religion des Friedens oder ausschließlich eine Religion der Gewalt, sondern darauf achten, welche Passagen herangezogen werden, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Gleiches gilt im Übrigen für die Prophetentradition und auch für die Verweise auf die islamische Geschichte.

Man sollte also nicht den Schluss ziehen, wenn ein Muslim Gewalt begeht, dann handelt er so, weil der Koran ihm das vorschreibt?

Richtig. Stattdessen sollte man fragen, wie er bestimmte Aussagen im Koran interpretiert, damit sie seine, in diesem Fall gewalttätigen Handlungen legitimieren. Immer ist Koran-Exegese Auswahl, immer bedeutet sie Gewichtung, nie kann sie allen Aussagen gerecht werden, und das gilt für die friedfertige ebenso wie für die gewaltbetonte Koran-Lektüre.

Dennoch gibt es exponierte Stellen im Koran, die sich für diese Zwecke leicht heranziehen lassen.

Ja, es gibt im Koran eine Reihe von Stellen, denen zufolge die Gläubigen gegen die Feinde des Islam oder gegen jene, die „Unheil stiften auf Erden“, das Schwert erheben und sie bekämpfen sollen, bis sie sich unterworfen haben, wenn nicht gar, bis sie vernichtet sind. Ihnen stehen andere Passagen gegenüber, in denen es heißt, man solle das friedliche Nebeneinander suchen, Gott habe mit Absicht Menschen unterschiedlicher Natur und Überzeugung geschaffen und ebenso absichtlich nicht nur eine einzige Religion. Nochmals: Es kommt auf die Auswahl an. Jede Behauptung, im Koran findet sich ausschließlich dies oder das, geht in die Irre. Der Koran ist kein Handbuch des Völkerrechts.

Wie weit ist denn die Koran-Exegese gediehen?

Eine Koran-Exegese gibt es seit deutlich mehr als tausend Jahren. Sie ist unüberschaubar vielfältig und folgte schon in der Vormoderne ganz unterschiedlichen Mustern. Manche Exegeten versuchten, die wörtliche Bedeutung der Texte aufzuspüren. Andere hoben eher auf ihren tieferen Sinn als auf den Wortlaut ab, wiederum andere lasen den Koran im Licht mystischer Lehren. Koran-Exegese als solche ist auf jeden Fall nicht neu.

Was wäre dann wichtig?

Koran-Lektüre, Koran-Exegese und Koran-Kommentar sind uralte Genres, doch sie folgen ganz unterschiedlichen Prämissen. Was bei all der Vielfalt heute nicht breit verankert ist, ist eine historisch-kritische Lektüre des Koran-Textes, die unter anderem systematisch nach den Umständen fragt, unter denen, wie Muslime sagen würden, bestimmte Passagen offenbart wurden. Mit kritisch meine ich hier, dass die einschlägige islamische Tradition unter Berücksichtigung aller Quellen, die uns heute zur Verfügung stehen, geprüft und gesichtet wird. Möglicherweise führt dies zu einer neuen Hierarchisierung der Aussagen in Koran und Prophetentradition, die aber, und das wäre wichtig, Unklares und Widersprüchliches nicht einfach übergeht und leugnet.

Wie würden Sie die Koran-Deutung radikalisierter Muslime einordnen?

Sie haben eine radikale Sicht auf den Koran und setzen absolut, was in ihr Programm passt, und ignorieren, was ihm widerspricht. Sie vertreten eine selektive Sicht auf den Koran, neben der sie keine andere anerkennen. Eine Relativierung ihrer Bewertungen ist ihnen vollkommen fremd. Das ist ein offenkundiges Problem für eine offene Gesellschaft, in deren Mitte militante Muslime agieren. Aber es ist kein unbekanntes Phänomen, dass bestimmte Gruppen bestimmte Texte radikal auslegen, während die Mehrheit der Anhänger derselben Tradition oder Weltanschauung auf dieselben Texte in ganz anderer Weise blickt – und vor allem ganz andere Schlüsse aus ihnen zieht.

Also ist diese Radikalisierung kein spezifisch islamisches Problem, obwohl sie sich auf den Koran berufen? (mz)

In unserer Zeit fallen sie besonders auf, weil sie in unterschiedlichen Teilen der Welt militant und gewalttätig auftreten. Aber das kann nicht als Indiz dafür gelten, dass der Islam gewaltbereiter ist als andere Religionen. Wir müssten nur eine andere Zeit oder einen anderen Ort wählen, um zu erkennen, dass mit Bezug auf das Judentum, das Christentum und auch den Buddhismus gleichfalls Militanz gerechtfertigt wurde.

Gewalt gibt es in Europa, aber auch im Nahen und Mittleren Osten oder in Afrika. Welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede bestehen zwischen den Gruppierungen?

In der Regel werden sie von jungen Männern und auch von jungen Frauen getragen, die meinen, ihre eigene Gesellschaft sei aus dem Lot und müsse mit Gewalt wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Sie sind davon überzeugt, das richtige, von Gott vorgegebene Modell zu besitzen und gewissermaßen von Gott ermächtigt zu sein, dieses Modell auch durchzusetzen. In Afrika und im Mittleren Osten agieren sie, wie man in Nigeria, Mali, Jemen oder im Irak sieht, vor allem in Gesellschaften mit massiven sozialen und ökonomischen Problemen, in denen keine stabile Staatsgewalt vorhanden ist. In Europa gibt es eine stabile Staatsgewalt, aber zumindest in bestimmten Milieus gleichfalls massive soziale und ökonomische Probleme. Es ist daher nicht die militante Lesart des Korans allein, die diese Menschen antreibt.

Ist das eine Art Popkultur, welche diese jungen Menschen so anzieht?

Die Mobilisierung für den Islamischen Staat zeigt Elemente einer Popkultur, insofern als hier durch Bilder, Rhythmen und die direkte Ansprache ein Gefühl von Jugend, Kraft, Männlichkeit, ja regelrecht von Hip-Sein entworfen wird. Ich würde dies aber nicht verallgemeinern. Die Mobilisierung junger Männer für Boko Haram oder andere militante Bewegungen von Mali bis Tschetschenien kann nicht einfach als Ausdruck einer gewaltnahen Popkultur dargestellt werden. Die Mobilisierungsmilieus sind, wie könnte es anders sein, zu unterschiedlich.

Was müsste sich denn ändern? Wie lange dauern diese radikalen Bewegungen fort?

Es wird nicht schnell gehen, bis sie wieder verschwinden. Es wäre von Land zu Land ein unterschiedliches Rezept vorzulegen. In einem Land wie Nigeria müsste die Regierung die muslimischen Regionen konsequent einbinden. Im Irak und in Syrien müsste eine glaubwürdige politische Führung installiert werden, die für die ökonomischen und sozialen Anliegen ihrer eigenen Bevölkerung ein Ohr hat und ihr politische Teilhabe einräumt. Für all dies gibt es kaum positive Anzeichen. Ohne eine solche politische Öffnung und ökonomische Förderung wird man den militanten Kräften nicht das Wasser abgraben können.

Und in Europa? Müssten zum Beispiel die Imame besser ausgebildet werden.

Jedes Aufklärungsprogramm, das von staatlicher Seite vorgeschrieben wird, steht schon unter einem Schatten. Sie können schlecht ein Umerziehungsprogramm starten, das lautet: Ihr sollt jetzt liberal und offen werden. Ein solches Programm steht sich selbst im Wege und weckt viel Misstrauen. Was man aber erwarten kann, ist, dass muslimische Autoritätsfiguren wie Intellektuelle, Künstler, Lehrer und Imame sich gegen die Gewalt im Namen des Islam oder einer anderen Überzeugung wenden. In der augenblicklichen Situation ist es wichtig, dass all diejenigen, die Autorität besitzen, also nicht nur die Imame, erklären, dass sie Teil der französischen oder deutschen Gesellschaft sind, deren Werte im Prinzip teilen und auf dieser Grundlage eine faire Behandlung der eigenen Gruppe einfordern. So unfair es der Mehrheit der Muslime gegenüber ist, ihnen wieder und wieder eine Distanzierung von religiöser Gewalt abzuverlangen, so unumgänglich scheint mir in der augenblicklichen Lage dieser Aufruf zum Gewaltverzicht.

Das Gespräch führte Michael Hesse