Das hört jetzt nicht mehr auf. Letztes Jahr der Streit um Beschneidung, davor der um Kreuze in Klassenzimmern und Kopftücher in Behörden. Es werden weitere Debatten kommen, um die Kirchensteuern mit Sicherheit, gewiss auch noch einmal um den Religionsunterricht. Und wie lange wird eine zusehends kirchenferne Gesellschaft noch das sonntägliche Glockengeläut ertragen? Sollte nicht alles Religiöse ins Private verabschiedet werden?

Es wird noch viel zu streiten geben, ohne Zweifel. Gewiss ist dabei nur: Die Religionen werden nicht verschwinden. Entsprechend steht auch dem Streit um sie eine ungefährdete Karriere bevor. Dass es Religionen überhaupt gibt, entrüstet oder erstaunt noch immer viele. Lange galt es als ausgemacht, dass die Moderne ein steter Prozess der Säkularisierung ist, dass es also nur der Aufklärung bedürfe, um den Menschen die Grillen des Glaubens aus den Herzen und Hirnen zu wischen. Das behaupten heute allenfalls noch naive Nostalgiker, die vom einstigen Traum einer religionsfreien Welt nicht lassen mögen.

Er hat sich als irrig erwiesen: Das Religiöse schwindet nicht, es wandelt sich vielmehr, es wird diffuser, ungreifbarer – und produziert Deutungsstress. Es ist ja kein Zufall, dass die mediale Öffentlichkeit auf religiöse Terrorakte und Extremisten stets in einer Mischung aus Hysterie und Triumphalismus reagiert: Man hofft darin, das Wesen der Religion handgreiflich vor Augen zu haben. Als ob es so einfach wäre. Als ob religiösen Fundamentalisten Beweise für die Nichtigkeit von Religionen generell lieferten.

Religionsgemeinschaften wachsen rasant

Bereits empirisch ist dieser Hoffnung die Grundlage entzogen. Weltweit gesehen wachsen die Religionsgemeinschaften rasant an, keineswegs nur in „unterentwickelten“ Ländern, keineswegs nur in ihren extremistischen Ausprägungen. Auch in Deutschland, wo zwar über 50 Prozent der Bevölkerung noch einer der beiden großen Kirchen angehören, aber die Bindung an die Institutionen schwindet, haben mehrere Studien nachgewiesen, dass Religionen kaum an Vitalität verloren haben. Selbst Jürgen Habermas, der große alte Ritter der Rationalität, hat sich in den letzten Jahren deshalb mühsam zu der im Grunde schlichten Erkenntnis vorgearbeitet, dass die „Religion eine zeitgenössische Gestalt des Geistes geblieben“ ist. Sie tritt nur in verwandelten Gestalten auf, weniger kirchenfromm, weniger einheitlich.

In seiner sehr bündigen, faktenreichen Studie „Der verlorene Himmel“ hat der Münsteraner Historiker Thomas Großbölting diese Entwicklung des Glaubens in Ost- und Westdeutschland seit 1945 nachgezeichnet: Es ist ein Prozess steter Entkirchlichung. Wie alle Lebensbereiche unterliegen demzufolge auch die Religionen fortschreitender Ausdifferenzierung und Verkomplizierung. Der Mensch in der Moderne, schreibt entsprechend der Münchner Philosoph Michael Reder in einem großen Grundsatzbuch über Religion in der säkularen Gesellschaft, greife nicht mehr auf das Religiöse als alleinige Deutung seines Lebens zurück; zum Glück, denn gerade das sei eine Form des Fundamentalismus. Religion ist, so Reder, vielmehr Teil eines umfassenden kulturellen Gewebes. Und sie ist als soziale Praxis damit immer sowohl privat als auch öffentlich.

Deshalb ja der Streit um Religionen. Er muss sein. Aber geht es künftig vielleicht ein bisschen besonnener? Weniger aggressiv, weniger hysterisch? Habermas spricht in seinem jüngsten Band von „ausgeflippten Reaktionen“: Die säkulare Gesellschaft begegne den Religionen, als wären sie hochgiftiges Gefahrengut. Als wäre der demokratische Staat nicht gut beraten, „die polyphone Komplexität der öffentlichen Stimmenvielfalt“ zu bewahren, weil man nicht wissen könne, „ob die Gesellschaft andernfalls von knappen Ressourcen der Sinn- und Identitätsstiftung“ abgeschnitten wird. Er plädiert daher für einen „komplementären Lernprozess“ von Religion und säkularer Gesellschaft. Und es gibt hierfür bereits auch breit ausgearbeitete Konzepte, etwa Max Bernlochners ehrgeizigen Entwurf einer interreligiösen Pädagogik mit Blick auf den Islam; ihr Kernpunkt ist, dass man lernen müsse, sich herausfordern zu lassen, also zu lernen, aus den je eigenen Gewissheiten herauszutreten in ein gemeinsames Gespräch.

Traum von einer Einheitswelt

Klingt gut und richtig. Allerdings ist das öffentliche Gespräch über Religion von den ausgeflippten Stimmen beherrscht. Ein Büchlein wie das des Journalisten Tilman Jens ist hierfür symptomatisch: Es ist eine „Streitschrift zum neuen Religionskampf“, die bereits sprachlich blank zieht. Da spricht einer von „Fronten“, „Krieg“ und dem „Lager der Frommen“ – und beklagt gleichzeitig die „Diffamierung säkularer Gesinnung“ durch die Widerredner solcher Stammtischparolen. Wie simpel, wie gedankenarm.

Dass es das kluge, aber komplizierte juristische Instrument der Güterabwägung etwa gibt, wird von Tilman Jens kühn ignoriert. Dass Grundrechte in Widerstreit geraten können, zum Beispiel im Streit um Beschneidung, dass eben diese Konflikte die Moderne ausmachen, will er nicht wahrhaben – er träumt von einer Einheitswelt, ohne Fremde, ohne Andere. Man kann ja mit Gründen für einen starken Laizismus plädieren, also eine strikte Trennung von Staat und Religion, aber man wird damit nicht die grundlegenden Konflikte zwischen säkularer Gesellschaft und Religionen lösen. Mit Gesetzen sind Religionen nicht aus der Welt zu schaffen, es sei denn durch „Krieg“, es sei denn durch einen Rechtsfundamentalismus, der wie alle Fundamentalismen wäre: gewaltsam.

Max Bernlochner: Interkulturell-interreligiöse Kompetenz. Positionen und Perspektiven interreligiösen Lernens im Blick auf den Islam. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013, 390 S., 49,90 Euro

Thomas Großbölting: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, 320 S., 29,99 Euro

Jürgen Habermas:Nachmetaphysisches Denken II. Aufsätze und Repliken. Suhrkamp, Berlin 2012, 395 S., 19,95 Euro

Tilman Jens: Der Sündenfall des Rechtsstaats. Eine Streitschrift zum neuen Religionskampf. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2013, 127 S., 14, 99 Euro

Michael Reder:Religion in säkularer Gesellschaft. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2013, 453 S., 49 Euro