Der Autor, Regisseur und künftige Volksbühnen-Intendant René Pollesch 
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinVor einer Woche ist der Regisseur und Dramatiker René Pollesch aus dem Theatersommer zurückgekehrt und arbeitet nun mit seinem Team an der Premiere zur Saisoneröffnung am Deutschen Theater: „Melissa kriegt alles“. Das Stück entsteht wie immer in Zusammenarbeit und in gemeinsamer Verantwortung mit dem Ensemble. Es gilt: Die beste Idee wird verfolgt, egal wer sie hat. Auf diese Weise hat Pollesch schon über zweihundert Uraufführungen eigener Werke an vielen deutschsprachigen Theatern zuwege gebracht. Ab Sommer 2021 wird er erstmalig selber ein Theater leiten: die Volksbühne. Auch hier soll die Verantwortung geteilt werden und keiner sagen, wo es langgeht. Pollesch bringt freundlicherweise Wasser mit zum Gespräch auf die Bühne im neuen, angenehm klimatisierten Probenhaus des Deutschen Theaters. Als wir nach dem Fotografieren im nötigen Sicherheitsabstand sitzen, können wir die Gesichtsmasken abnehmen. So redet und raucht es sich besser. Pollesch verwendet sehr routiniert den Gender-Gap, den wir im Text mit dem dafür üblichen Stern kennzeichnen. Und er sagt tatsächlich sehr viel öfter „wir“ als „ich“. 

Herr Pollesch, wie kommen Sie mit den Corona-Regeln zurecht?

Das ist unproblematisch. Wir achten drauf. Wir dachten erst, wir könnten irgendwie damit spielen. Das war auch ganz clever, aber gar nicht nötig. Wir haben das dann gestrichen. Diese Regeln beziehen sich auf eine eher konventionelle Idee von Theater. Wir waren nie so ein Blut- Tränen- Schweißtheater. Wir sitzen eher so auf der Couch, und die muss jetzt eben ein bisschen größer sein.

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall
Autor, Regisseur und Intendant

René Pollesch wurde 1962 im hessischen Dorheim als Sohn eines Hausmeisters und einer Hausfrau geboren. Er gehörte zum ersten Jahrgang des 1983 gegründeten Studiengangs Angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen und verfügte dort über den Schlüssel zur Probebühne.

Seit den Neunzigern schrieb und inszenierte Pollesch in vielen deutschsprachigen Bühnen über zweihundert Theaterstücke. Seit 2000 inszeniert er regelmäßig auch an der Berliner Volksbühne, deren Prater-Spielstätte er sieben Jahre lang leitete.

Nach der verunglückten Ablösung des langjährigen Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf durch den belgischen Kurator Chris Dercon, der 2017 noch in seiner ersten Spielzeit zurücktrat, übernimmt Pollesch ab Sommer 2021 von Interimsintendant Klaus Dörr die Leitung des Hauses. 

Sie fühlen sich nicht eingeschränkt durch die Regeln?

Nein. Es ist bei uns einfach kein Thema, es hindert keinen daran, miteinander zu spielen. Und mit der Nahelegung, dass man sich kürzer fassen solle, damit man ohne Pausen spielen könne, haben wir auch kein Problem. Unsere Abende sind sowieso kurz. Also wenn ich von Intendant*innen als Kommentar höre, dass man es mit den Corona-Regeln gleich lassen könne, weil Theater auf Nähe und Körperkontakt beruhe, dann muss ich widersprechen. Nein, tut es nicht! Es gibt ja einen Begriff von Theater, mit dem selbst ich ein paar Kleinigkeiten teile, aber das sicher nicht. Irgendwie schwingt da auch die Fantasie mit, dass es hinter der Bühne ebenfalls um Nähe und Körperkontakt geht. Und das teil ich schon gar nicht.

Aber es ist doch eine Einschränkung von Mitteln.

Ja, klar. Es gibt Arrangements, die dann nicht mehr möglich sind. Schauspieler*innen spielen gern mit dem Kontrast. Also man spielt sehr nah und dann wieder weit auseinander. Aber auch ohne das wird es nicht langweilig. Und die Lockdown-Zwangspause mitten in der Arbeit, die war natürlich auch nicht schön.

Sie schreiben, dass Sie die Pause auch nicht als Dramatiker nutzen konnten, weil Ihre Stücke in Zusammenarbeit mit den Schauspielern auf der Probe entstehen.

Ich verteidige da meine Arbeitsweise. Wenn ich schreibe, sind meine Adressaten die Schauspieler*innen. Beim Schreiben bin ich zwar erstmal allein, bringe die Texte dann aber mit auf die Probe, und dort gucken wir, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Sie wollen diese kollektive Arbeitsweise, die Sie in der Probe anwenden, auch als Intendant auf die ganze Volksbühne ausdehnen. Wird das über Abstimmungen laufen?

Nein, das machen wir bei der Probe auch nicht. Es gibt an der Volksbühne einen Geist, auf den wir uns beziehen. Ein paar von uns sind Rückkehrer. Ich stoße damit also nichts völlig Neues und von mir Erfundenes an. Man ist miteinander verbunden, widmet sich demselben Thema, und man muss da nichts abstimmen, sondern merkt, was das Beste ist. Das geht, ohne dass jemand seine Meinung durchsetzen will, Mehrheiten sucht, und die anderen sind dann gezwungen, ja dazu zu sagen. Man kann nicht abstimmen, in welcher Farbe die Bühnenbildner*innen ihre Bühnenbilder machen sollen, sondern man lässt sie ihre Arbeit machen und mischt sich nicht ein. Man reagiert auf ihre Bühnenbilder.

Aber manchmal gibt es doch scheinbar gleichwertige Alternativen oder so Pari-pari-Situationen, also muss doch jemand entscheiden, und die anderen müssen folgen, oder?

Nein, bei den Proben nicht. Das ist ja gerade die Erfahrung. Dass es da für alle sichtbar zutage tritt, was die beste Lösung ist. Keiner muss etwas machen, was er nicht will, zum Beispiel einen bestimmten Text sprechen, den ich geschrieben habe und der vielleicht nichts taugt.

Trauen sich die Schauspieler, Ihre Texte abzulehnen?

Die, die mich kennen, machen das ganz selbstverständlich. Und die anderen lesen das an unserer Praxis ab. Dass es Widerspruch und Mitdenken gibt, ist keine demokratische Geste. Sondern ich möchte einfach nicht sitzenbleiben auf dem, was ich geschrieben habe. Da ist viel dabei, was nichts wert ist. Ich denke nicht, dass alles, was ich schreibe, toll ist.

War das schon immer so?

Das ist mir passiert mit Spieler*innen vor allem in der Volksbühne. Die haben das ja so ähnlich schon immer gemacht. Die wussten, dass Sie an diesem Theater gehört wurden. Dass ihre Mitarbeit gebraucht wurde und nicht als Angriff auf die Autorität verstanden wird.

Und das geht auch im großen Rahmen, im Betrieb?

Mal ein Beispiel: Die Besetzungen wurden bei uns schon immer nicht wie üblich von der Intendanz in irgendeinem Raum ausgebrütet. Sondern Leute verabreden sich. Das kann man elitär oder hermetisch nennen, weil es dann so aussieht, als wäre es schwer in diese Kreise hineinzukommen für Leute, die nicht dazugehören. Aber zumindest gibt es hier nicht diesen berühmten Gang zum Schwarzen Brett, wo die Schauspieler*in wie auf ein Gottesurteil guckt, ob sie besetzt ist und für welche Rolle. Wir haben in der Vorbereitung der Intendanz die Leute gefragt, die wir schon angesprochen hatten, vor allem auch Schauspieler*innen, mit wem sie zusammenarbeiten wollen. Der Weg ist umgekehrt. Wir besetzen eher die Regisseur*innen. Die werden gecastet, von den Schauspieler*innen. Regisseur*innen werden von den Schauspieler*innen vorgeschlagen. Die sich da auch sehr engagiert haben.

Man kennt Geschichten, gerade von der Volksbühne, dass Schauspieler dem Regisseur das Leben sehr schwer machen können.

Ich glaube, bei Regisseur*innen, die die Volksbühne geflohen haben, war das Missverständnis, dass die ein Nein oder einen starken Vorschlag der Schauspieler*innen als Angriff auf ihre Autorität verstanden haben. Es gibt bei vielen Regisseur*innen das Phänomen, dass die lieber auf ihren schlechteren Ideen sitzenbleiben, nur weil es die eigenen sind. Und alle im Raum wissen eigentlich, was die bessere Idee ist, nur der Regisseur nicht, weil er denkt, er muss das Genie spielen. Dieser Ego-Wahn ist ein Hauptproblem im Theater.

Der ist in den Machtstrukturen genau so angelegt. Einer hat das Sagen und trägt die Verantwortung

Verantwortlich bin ich ja trotzdem. Das heißt aber nicht, dass man sich gegen Einwände taub stellen darf.

Frank Castorf hat sich als verantwortlicher Intendant wenig um die Arbeit der anderen Regisseur am Haus geschert.

Gott sei Dank. Das machte ihn zu einem der besten Intendanten. Es ist eine höhere Form von Souveränität, die Leute in Ruhe zu lassen und denen zu vertrauen, die die Entscheidungen getroffen haben. Dass ich an der Volksbühne gelandet bin, habe ich Bert Neumann und Sophie Rois zu verdanken. Die haben mich vorgeschlagen. Und trotzdem kannte er zwei Jahre lang meinen Namen nicht oder hat zumindest so getan. Mit Castorf habe ich in den 17 Jahren, die ich an der Volksbühne gearbeitet habe, vielleicht drei längere Gespräche gehabt. Ich finde, das ist die lässigste Art, den Beruf der Intendantin oder des Intendanten auszuführen.

Das Problem sind eher die unentspannten Intendanten?

Genau. Die, die alles kontrollieren wollen und damit jeden zum Heulen bringen am Theater. Es braucht niemanden, der sagt, wo es langgeht.

Alle in die Verantwortung zu nehmen, ist auch eine neoliberale Strategie. Eine Methode, um die Leute besser ausbeuten zu können.

Dietmar Dath hat gesagt, dass das Abgeschmackteste am Kapitalismus ist, dass alle nur noch Liebe wollen und keiner mehr für Geld arbeiten will. Alles muss mit Hingabe geschehen. Das ist der reformierte Kapitalismus. Gier ist nicht der Antrieb, ich kenne keine gierigen Menschen. Sich selbstverwirklichen will sich auch niemand, den ich kenne. Und Ausbeutung? Meine Proben sind nicht sehr lang, vier Stunden.

Hätten Sie die Strukturen nicht verändern müssen, um Ihre Arbeitsweise im Betrieb anzuwenden? Sie sind zumindest auf dem Papier weiterhin der Alleinintendant.

Ich habe mich allein bei der Pressekonferenz hingesetzt. Schon weil wir nicht ein Bild von einer Intendanz abgeben wollten, die daran interessiert ist, die richtigen Bilder abzuwerfen, und alles richtig zu machen. Also ich saß da allein, aber ich bin nicht allein. Wir nennen das Träger*innen der Intendanz. Und das sind acht Leute im Moment, aber letztlich werden es alle sein.

Warum haben Sie nicht einfach ein Leitungsteam gebildet?

Wir wollten nicht „Team“ sagen. Jemand ist teamfähig, wenn man ihn überall einsetzen kann, und er funktioniert überall gleich gut und verlässlich. Das ist so die hingebogene Definition im Moment. Teamfähigkeit heißt da eigentlich Anpassungsfähigkeit, bei gleichzeitiger Aufgabe der gewachsenen Arbeitszusammenhänge. Das ist so das Kuratorendenken. Wenn es gelingt, gehört der Erfolg dem Kurator, wenn nicht, haben die, die er geholt und kombiniert hat, versagt. Da denkt sich eben jemand nur was aus. Ich adele niemanden mit meinem Geschmack und kombiniere diese Leute dann, sondern wir gehen auf bestehende Arbeitszusammenhänge zu oder suchen zusammen welche. Auf der Probe funktioniert das bei uns ja auch nicht so, dass der Schauspieler meinen Text bekommt, den er dann ablatscht, und der Abend ist geritzt. Sowas ist immer noch eine große Illusion im Theater.

Wird es eine Spielplandramaturgie geben?

Auch da schließen wir uns dem Geist der bisherigen Volksbühne an. Es wird keine übergeordnete Spielplanidee geben, keine Motti, keine Spielzeithefte. Das alles dient nur dem Zweck, dass sich die Intendanz und die Dramaturgieetage als die eigentlichen Künstler*innen fühlen können. Ich halte nichts von solchen Rahmungen und Überschriften, ich mag es auch nicht, irgendwelche inhaltlichen Aufträge anzunehmen. Ich brauche keinen Papa, der mir sagt, was ich machen soll. Und ich will auch kein Papa für irgendeinen Mitarbeiter sein, wir sind erwachsen.

Aber man muss doch Pläne machen!

Ja, man muss gucken, wer wann Zeit hat und ob es genug Spieler*innen gibt, die sich für den und den interessieren. Wir versuchen zu koordinieren, dass Leute miteinander arbeiten können, die Bock aufeinander haben.

Wird es ein Volksbühnenensemble geben?

Ja, es wird ein Ensemble geben und Gäste. So funktioniert die Volksbühne. Auch das ist nicht irgendwie ausgedacht, sondern hat sich bewährt. Das sind unsere Erfahrungen, dass das gut ist, eine bestimmte Anzahl von Ensemblespieler*innen zu haben, die auch Träger*innen der Intendanz sind, aber auch Gäste. Der Ensemblegedanke hat auch Nachteile, er dient ja oft dazu, etwas zu haben, was man pflegen kann, also bemuttern und bevatern.

Sind Sie dann Geschwister?

Wir sind Träger*innen der Intendanz. Wir sind auch keine Freunde. Das ist auch so ein Missverständnis. Wir sind nicht befreundet. Wir haben eine gewachsene, teilweise schon sehr lange Arbeitsbeziehung. Und es kommen sehr viele dazu, mit denen ich auch nicht befreundet bin.

Was haben Sie denn seit Ihrer Ernennung zur Vorbereitung Ihrer Intendanz getan?

Also die Pressekonferenz vor gut einem Jahr fand eine Woche nach der Entscheidung für uns statt. Und seitdem suchen und finden wir Leute, die mit uns arbeiten wollen. Wir haben eine Chefdisponentin, wir haben eine junge Frau, die die Musikschiene macht, wir haben Regisseur*innen gefunden. Aber das Kennenlernen läuft noch. Vorschläge werden gemacht und verfolgt. Es läuft auch nicht so, dass wir uns dauernd zusammensetzen. Wenn zwei von uns jemanden interessant finden und dann ein Treffen mit zwei weiteren von uns organisieren, dann reicht das schon.

Gibt es einen Stellenplan?

Das ist so ein schwieriger Begriff, der mich ein bisschen verlegen macht. Es gibt so einen Plan, da kriegen bestimmte Leute erst mal konventionelle Titel. Aber jeder legt da seine Grenzen selber fest. Wir werden zu niemandem sagen: Aber du bist doch die Dramaturg*in! Wir brauchen ja auch die Zuschauer. Allerdings nicht als Auftraggeber, wir hoffen auf eine Verbindung. Das stört mich auch so an dieser Relevanzfrage, die das Theater sich schon immer stellte, auch vor Corona. Dieses Schielen nach Legitimität. Das funktioniert so nicht, man kann sich niemandem an den Hals werfen und betteln: Hab mich lieb! Das geht ja auch im normalen Leben immer schief.

Sind die Zuschauer also auch ein bisschen verantwortlich für das Projekt Volksbühne?

Die Volksbühne war immer ein Schauspieler*innen- und ein Zuschauer*innentheater. Aber nicht so, dass man bei Zuschauer*innen irgendwas bewirken will. Das ist sowieso reine Spekulation, was man bei denen bewirkt. Wir wollen aber das Haus öffnen. Das gab es an der Volksbühne auch schon, bevor sie in unseren letzten Jahren als zunehmend hermetisch wahrgenommen wurde. Das Haus ist eine Einladung für Zuschauer*innen, für Gruppen, für linke Bewegungen. Das ist Tradition. Das finde ich wichtig.

Wird das funktionieren?

Keine Ahnung, aber was soll passieren? Es macht irre Spaß, ich bin ganz erfüllt von diesen ganzen Begegnungen. Das ist beglückend. Und das hat nichts mit einem dicken Telefonbuch zu tun, das hatte ich vorher gar nicht.