Die Schauspielerin René Zellweger.
Foto: dpa/Jens Kalaene

BerlinDiese Rolle wird ihr möglicherweise den Golden Globe, vielleicht auch den Oscar bringen. In „Judy“ spielt Renée Zellweger die legendäre Schauspielerin und Sängerin Judy Garland – ein halbes Jahr vor ihrem Tod, abgestürzt, von Fehlschlägen verfolgt, verzweifelt, pleite. Ihre zwei jüngeren Kinder musste Garland beim Ex unterbringen. Mit Auftritten in London 1969 hoffte sie, das Ruder noch einmal herumzureißen. „Judy“ ist ein furioses Comeback von Renée Zellweger nach ihrer Auszeit von Hollywood, das die 50-Jährige bravourös meistert.

Der Trailer zum Film „Judy“.

Video: YouTube

Miss Zellweger, wie viel Größenwahn war dabei, als Sie zusagten, die Ikone Judy Garland zu spielen und auch noch zu singen?

Kurz vor Drehbeginn wäre ich am liebsten weggerannt, weil mir diese Schuhe doch etwas groß erschienen. Denn für mich und meine Familie war Judy Garland auch immer Kult. Ich erinnere mich, dass sich unsere ganze Familie immer geschlossen vor dem Fernseher versammelt hat, wenn „Der Zauberer von Oz“ einmal im Jahr im Fernsehen kam. Wir waren als Kinder immer so beseelt, dass mein Bruder und ich tagelang über nichts anderes sprachen.

Warum sind Sie kurz vor Drehbeginn dann nicht weggerannt, sondern doch geblieben?

Vielleicht, weil sich diese Rolle für mich nicht wie eine Filmrolle angefühlt hat. Sondern wie eine persönliche Erfahrung: Ich habe keine Figur recherchiert, sondern ein Leben erkundet. Judy stand so lange in der Öffentlichkeit und hat Filmgeschichte hinterlassen. Ich wollte die Person dahinter kennenlernen. Schon als Teenager war sie eine Ikone. Bevor es das Internet gab, musste man wirklich etwas leisten, um diesen Status zu erlangen.

Sie starb mit 47 Jahren: Judy Garland.
Zwei Frauen

Judy Garland, Jahrgang 1922, wurde durch ihre Darstellung der Dorothy im Filmklassiker „Der Zauberer von Oz“ schon als 17-Jährige ein Star. Sie starb mit 47 an einer Überdosis Schlaftabletten. Ihre Tochter Liza Minnelli sagte mal über sie: „Sie lebte acht Leben in einem.“

Renée Zellweger gelang als „Bridget Jones“ der Durchbruch. 2004 folgte der Oscar. Wegen Depressionen zog sie sich 2010 aus dem Filmgeschäft zurück.

Judy Garland war oft so einsam, dass sie auch mal mit Fans nach Hause ging und ein Omelett bei ihnen aß. Haben Sie Gemeinsamkeiten zwischen sich selbst und Judy festgestellt?

Die Schlaflosigkeit haben wir auf jeden Fall gemeinsam. Wobei ich eigentlich nur eine Nachteule bin, die zu später Stunde sehr kreativ ist und gerne arbeitet. Oft liege ich im Bett und denke, dass ich so viel Cooleres mit meiner Zeit anfangen könnte. Und dann fange ich zum Beispiel an zu schreiben.

Hut ab auch vor Ihrer Stimme: Wie lang mussten Sie trainieren, um so singen zu können?

Etwa ein Jahr lang. Zuerst habe ich ihre Stimme analysiert, um zu verstehen, wie sie mit ihr arbeitet. Es ging um Nuancen, wie sie bestimmte Passagen betont, wie viel Kraft sie in eine bestimmte Note gibt, dass sie Konsonanten mehr betonte als Vokale. Was ich natürlich nicht kopieren konnte, ist ihr Talent. Sie hatte eine gottgegebene Stimme, absolut magisch und einzigartig. Die konnte man nicht kopieren. Wir werden in einer Million Jahren nicht mehr so eine Stimme hören.

Renee Zellweger als Judy Garland in einer Szene des Films "Judy"
Foto: dpa

Was ging in Ihnen vor, als Sie sich dann an den Kultsong „Somewhere over the Rainbow“ wagten?

Ich war vorher extrem nervös. Um meine Nervosität in den Griff zu bekommen, habe ich mich nur noch auf einen Tag nach dem anderen konzentriert, um nicht durchzudrehen. Wenn solche Szenen dann auf dem Drehplan standen, habe ich einfach mein Bestes gegeben. Ich hoffte, dass es irgendwie klappen wird. Gebetet habe ich aber auch ein bisschen.

Für einen Golden Globe wurden Sie schon nominiert, nun wartet alles auf eine mögliche Oscarnominierung.

Ich bin vor allem erst mal glücklich, dass ich diese Erfahrung machen konnte, „Judy“ zu drehen. Mich macht es wirklich glücklich zu sehen, dass der Film die Menschen bewegt und sie rührt. Während des Drehs vergisst man beinahe, dass der Film mal von einem großen Publikum gesehen wird. Umso wundervoller ist es dann, die begeisterten Reaktionen der Menschen wahrzunehmen.

Judy Garland war viermal geschieden, was sie nicht davon abhielt, es mit der Ehe noch ein fünftes Mal zu probieren. War das Optimismus oder eine Art Lebenslüge?

Mich hat es generell fasziniert, wie sie sich bei so einem turbulenten und oft schwierigen Leben selbst finden konnte. Ich konnte mit ihr mitfühlen – welchen Preis sie für ihren Erfolg im Scheinwerferlicht gezahlt hat. Wie schwer sie es zum Ende ihres Lebens hatte, als sie ihre Wohnung verlor und ihre Kinder bei ihrem Ex in den USA lassen musste, um in London Geld zu verdienen. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt die Kraft hatte, um auf die Bühne zu gehen.

Glauben Sie, man hätte Judy Garland retten können? Unter welchen Umständen wäre sie vielleicht nicht mit 47 Jahren gestorben?

Ich habe immer und immer wieder darüber nachgedacht: Sie war noch so unglaublich jung, als dieser ganze Trubel um ihre Person losging. Als Kinderstar wurde sie ausgenutzt und bevormundet. Aber haben die Schwierigkeiten, die sie überwinden musste, sie nicht auch zu der Person und der Künstlerin gemacht, die sie wurde? Bewegt ihre Kunst die Menschen deswegen heute noch?

Der Vergleich mit der Monroe liegt nahe, die ebenfalls unter der Last ihres Erfolgs zusammenbrach.

Klar, das kommt einem natürlich in den Sinn. Man muss zugeben, dass so ein Schicksal in Hollywood nicht unüblich ist.

Wie haben Sie selbst es geschafft, nicht zu Fall zu kommen?

Ich denke, dass meine Auszeit mir half, eine neue Perspektive auf mein Leben zu finden. Ich brauchte eine Pause vom Showbusiness. Wenn ich ehrlich bin, hat mich das alles sehr belastet. Ich habe es damals gar nicht so wahrgenommen, aber meine Familie und Freunde haben es gemerkt und mit mir darüber geredet. Rückblickend ist mir klar, dass es mir damals gar nicht gut ging.

Sechs Jahre haben Sie sich zurückgezogen. Wie schlecht ging es Ihnen?

Im Auge des Sturms fällt es einem gar nicht auf. Aber aus der Distanz wurde mir klar, wie wenig Authentizität in meinem Leben war. Alles war wahnsinnig oberflächlich, ich hatte kaum noch tiefergehende Gespräche mit Menschen. Alle wichtigen Lebensentscheidungen traf ich um den Job herum. Die Prioritäten haben nicht mehr gestimmt, und das ist mir nicht mal aufgefallen. So konnte ich nicht glücklich werden.

Wie empfinden Sie nun Ihr Hollywood- Comeback?

Comeback? Aus meinem Leben war ich ja nie weg, im Gegenteil. Nur die Öffentlichkeit hat mich weniger wahrgenommen.

Gehen Sie heute anders mit Ihren Aufgaben um? Können Sie eine Rolle am Ende eines Drehtages ablegen?

Ich bin nicht so drauf, dass ich rund um die Uhr als Judy Garland angesprochen werden möchte. Aber ablegen kann ich so eine Figur abends auch nicht einfach. Nach Drehschluss habe ich mir oft noch YouTube-Videos von ihr angesehen oder mit meinem Sprechtrainer ihren Akzent geprobt. Ich wollte sie möglichst lange am Tag bei mir haben, um sie richtig gut spielen zu können.

Also kapseln Sie sich für jeden Dreh völlig von Ihrem Alltag und Ihrem eigentlichen Leben ab? Verpassen jede Einladung, jede Party?

Mein Freund und ich haben das für uns geklärt: Wir holen jede Feier, jedes verpasste Essen nach. Wenn Geburtstage anliegen, arrangiere ich alles frühmorgens, bestelle Blumen oder eine kleine Überraschung, damit ich mich dann auf den Dreh konzentrieren kann.

Maggie Smith, Judi Dench oder Helen Mirren stehen alle im Alter noch mit größtem Vergnügen vor der Kamera. Wünschen Sie sich das ebenfalls?

So weit in die Zukunft plane ich nicht. Ich würde aber gern mal das Vergnügen haben, diese tollen Kolleginnen zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen. Ich könnte viel von ihnen lernen.

Haben Sie sich im Lauf Ihrer Karriere mit vielen Kollegen angefreundet?

Es ist ein paar Mal passiert, dass ich Freundschaften mit Menschen schließen konnte, die ich zuvor für ihre Arbeit bewundert habe. Man muss aber aufpassen: Ich mache mir trotzdem nicht vor, dass jemand ein toller Mensch ist, nur weil er großartige Arbeit als Schauspieler abliefert.