Ein halbes Jahr offline, drei Tage obdachlos, zu Fuß durch Polen oder gut sein auf Probe – Selbstversuche von Reportern sind in den letzten Jahren stark in Mode gekommen. Autoren wie Wolfgang Büscher oder Sven Kuntze haben dabei lebhafte Eindrücke vermitteln können. Selten aber hat eine Reporterin dabei solch extreme Erfahrungen gesammelt wie die RBB-Autorin Caroline Walter. Vier Wochen in einem hessischen Asylbewerberheim brachten sie physisch und psychisch an ihre Grenzen. Sie habe abends oft Rotz und Wasser geheult, gesteht sie im Gespräch. Viele ihrer Videotagebücher waren so emotional, dass sie nicht vorführbar waren, und die Kortisonsalbe gegen die Krätze, die sie sich im Heim zugezogen hatte, muss sie immer noch nehmen.

Furcht vor Transparenz

Dabei ist die erfahrene Autorin, die seit 1999 für das Politmagazin „Kontraste“ arbeitet, eigentlich gar keine „Presenterin“, die sich gern vor die Kamera stellt. Lieber schlüpfte sie in Rollen, wie bei ihren Recherchen in der Pharmaindustrie, als sie sogar eine fiktive Firma aufzog. Doch diesmal sah sie im Selbsttest die einzige Chance, mehr zu erfahren und dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu bescheren: „Sonst hätte es doch wieder keinen interessiert!“ Im März hatte sie über einen iranischen Asylbewerber berichten wollen, der sich umgebracht hatte und hatte dabei gemerkt, dass sie mit einem dreistündigen Besuch im Heim nur die Vorgaben anderer, etwa von Flüchtlingsorganisationen, wiedergeben konnte. Doch sie wollte ihr eigenes Bild gewinnen.

Zusammen mit ihren RBB-Kollegen Bertram Boxberg, der gleichfalls ins Heim einzog, und Chris Humbs, suchte sie zunächst lange nach einem Asylbewerberheim, das sie einen Monat lang aufnehmen wollte. Von 500 angefragten Heimen sagte schließlich sieben zu. In einigen Bundesländern, wie Bayern und Sachsen, kam die Verweigerung direkt aus den Ministerien. Caroline Walter hält Begründungen, durch die Dreharbeiten könnten Persönlichkeitsrechte verletzt werden, für vorgeschoben: „Diese Rechte müssen wir ohnehin bei jedem Dreh garantieren. Die Länder fürchteten eher die Transparenz.“

Die Wahl fiel auf ein Heim in Hessen, weil es in jeder Beziehung typisch war, erklärt Walter. Es liegt abgeschieden in einem Industriegebiet und ist sehr dicht mit über 100 Asylbewerbern aus 13 Ländern belegt – knapp sechs Quadratmeter bleiben für jeden. Die Autorin erlebte im Vierer-Zimmer den Verlust jeglicher Privatsphäre und konnte nachts kaum schlafen: „Die Abgeschiedenheit und der Schlafmangel machen wirklich aggressiv.“

Erhellend und bedrückend

Nach zwei Wochen dachte sie über einen Abbruch nach. Sie versuchte, wie alle Bewohner mit den zugeteilten 196 Euro im Monat auszukommen, was nichts ganz gelang: „Ab der dritten Woche habe ich mich bei den anderen durchgefuttert.“ Die Kontaktaufnahme mit den Flüchtlingen aus Afrika und Asien war oft schwierig, dazu musste sie ständig entscheiden: Halte ich mich raus oder mische ich mich ein? Sie erfuhr von dramatischen Schicksalen und lernte kulturelle Unterschiede kennen: Leute aus Eritrea putzten ihre Zimmer unentwegt, für Männer aus Pakistan war Saubermachen unter ihrer Würde. Hoffnungen weckten vor allem die Kinder, die trotz ihrer Unterbringung erstaunliche Schulerfolge vorzeigen konnten.

Diese gleichermaßen erhellende wie bedrückende „Kontraste“-Reportage führt auch vor, dass das Heim nicht etwa besonders reglementiert wird, sondern sich oft selbst überlassen bleibt. Hausmeister und Betreuer sind nur stundenweise vor Ort, für mehr Personal fehle das Geld. Geldmangel wird auch als Grund angeführt, dass alkoholkranke Obdachlose im Heim untergebracht werden. „Die sind dann die einzigen Deutschen, die die Flüchtlinge kennenlernen“, meint Walter sarkastisch.

In den Gesprächen mit Einheimischen, die in der Nähe des Asylbewerberheims wohnen, stieß Walter auf eine Mauer an Vorurteilen und teilweise abstrusen Überfremdungsängsten, die nur mit sehr viel Geduld mal ein Spalt breit geöffnet werden konnte. Gleiches erhofft sie sich von der Ausstrahlung der Reportage. Die bisherigen Reaktionen aber fielen anders aus: Schon auf die einmütige Videoankündigung erhielt Caroline Walter viele Hass-Mails und Beschimpfungen.

Vier Wochen Asyl – Ein Selbstversuch mit Rückkehrrecht, Donnerstag 21.45 Uhr, ARD