Berlin - Die Jurysitzung dauert schon fast zwei Stunden. Gerade scheinen sich die acht Menschen an dem langen Holztisch einig zu werden, dass der Text über die Bürokratie im Verteidigungsministerium den Deutschen Reporterpreis für die „Beste politische Reportage“ verdient hat, als jemand die gefährliche Frage stellt: Diese eine Szene, eine Art Krisentreffen von Offizieren – war die Autorin eigentlich dabei oder liest sich ihr Text nur so, als sei sie dabei gewesen? Jurymitglied Jörg Thadeusz hat plötzlich ein erwartungsfrohes Grinsen im Gesicht: „Aha, der René-Pfister-Moment“.

Es war klar, dass er kommen würde. Den René-Pfister-Moment gibt es seit der Verleihung eines anderen Journalistenpreises, des Henri-Nannen-Preises, im Mai. Der Spiegel-Autor René Pfister hatte ihn gerade bekommen für ein Porträt Horst Seehofers, das mit einer Beschreibung der Modelleisenbahn im Keller von Seehofers Haus beginnt.

Auf die Frage, wie er in den Keller gekommen sei, antwortete Pfister: Er sei gar nicht da gewesen.
Wenige Tage später hatte René Pfister keinen Preis mehr und der deutsche Journalismus eine Debatte: Darf der Reporter nur über das schreiben, was er selbst erlebt hat? Oder gibt es eine Wahrhaftigkeit, die nicht zwangsläufig das Selbst-Erlebt-Haben braucht? Aber muss man das dann nicht klar machen?

Wenn man wissen will, was diese Debatte verändert hat, fand man eine Antwort vielleicht am Montagnachmittag, als sich in einem großen Raum im Soho House in Berlin-Mitte acht Menschen plötzlich nicht mehr sicher waren, ob sie eine Reportage so gut finden dürfen, wie sie sie finden. Da ist Misstrauen. Aber auch eine neue Gewissenhaftigkeit. Fast alle sind sich einig, dass die Stelle sich liest wie selbst erlebt. Und, wäre sie doch eine Rekonstruktion, den Preis darum nicht verdient hätte.

Jurymitglied Ulrich Fichtner, Spiegel-Redakteur wie die Autorin des Textes, bietet sich an, die Kollegin anzurufen und zu fragen. Jury-Leiter Christoph Kucklick sagt, das herauszufinden, sei nicht die Verantwortung der Jury. Der Preis geht an Ulrike Demmer und ihre Bundeswehr-Reportage. Hätte die Jury tatsächlich zum Telefon gegriffen, hätte sie erfahren, dass die Zweifel unbegründet waren. Ulrike Demmer hat alles selbst erlebt.

Dass der Reporterpreis sich bei seiner Jurysitzung zuhören lässt, unterscheidet ihn nicht zufällig vom Henri-Nannen-Preis. Er wurde vor drei Jahren als eine Art Gegenpreis gegründet: Weniger Glamour sollte sein, weniger Gekungel, mehr Reden übers Handwerk. Weil ein bisschen Glamour aber schon schön ist, sitzen in der Jury bekanntere Journalisten und Menschen, die mit dem Erzählen von Geschichten zu tun haben. Claus Kleber vom ZDF-„heute journal“, Autor Axel Hacke, Fotografin Herlinde Koelbl, Helge Malchow vom Verlag Kiepenheuer und Witsch, Autor Manfred Bissinger, Fernsehmoderator Jörg Thadeusz. In zwei Gruppen arbeiten sie sich durch acht Kategorien.

Interessanter als ein Preis ist, wie und warum er vergeben wird. Tagt eine Jury, müssen Gefühle in Worte gefasst, Kriterien gefunden werden. Im besten Fall entsteht nebenbei die Beschreibung nicht nur eines Zustands, sondern einer Perspektive. Was ist eine Reportage? Was soll sie sein? Sie soll eine Reportage sein, keine Nacherzählung ist das erste, noch eher leidenschaftslose Fazit. Sie sei überrascht, welche Texte als Reportage durchgehen, sagt Hania Luczak von Geo, deren Gruppe mit den Lokalreportagen begonnen hat. Das hier seien zum großen Teil Nacherzählungen, von Leben, von Kriminalfällen, zusammengeschrieben nach Besuchen im Gerichtssaal. Sie vermisse Recherche, sagt Luczak und spricht aus, was das Schlüsselwort des Nachmittags werden wird. In Fahrt kommt die Runde bei einer Geschichte aus der Zeit, über ein Paar, das im Alter durch die Demenz der Frau getrennt wird, geschrieben von der Enkelin. Ist es eine Reportage, wenn man über die Demenz der Großmutter schreibt? Oder erst, wenn man im Altersheim eine demente Frau sucht und über die schreibt? „Das eigene Leben auszubreiten, widerspricht dem Reportertum“, sagt Ulrich Fichtner. Warum, will Axel Hacke wissen, es sei nicht einfacher, über die eigene Familie zu schreiben. Nadine Ahr bekommt den Preis für die „Beste freie Reporterin“, muss ihn sich aber teilen.

Über den Preis in seinem dritten Jahr erzählt auch eine Geschichte, die nichts gewonnen hat. Sie war einer der zwanzig für die „Beste Reportage“ nominierten Texte; es geht um eine Frau, die ins Altersheim zieht. Es ist ein kleiner, anrührender Text, und noch kleiner wurde er neben den 17 Texten aus Stern, Spiegel, Zeit oder Geo, die auch nominiert waren. Es war klar, dass er nicht gewinnen würde. Es war auch klar, dass die Jury ihm gern einen Preis gegeben hätte. Der Reporterpreis hat immer mehr Kategorien, Kulturreportage, Essay, Interview. Seltsam ist, dass es für die Reportage, die am häufigsten geschrieben wird und vielleicht in ihrer Existenz am meisten bedroht ist, eigentlich keinen Platz gibt: jene, die in Tageszeitungen und weniger gewichtigen Wochenzeitungen erscheint. „Beste Reportage“ wird „Die Riester-Bombe“ von Wolfgang Uchatius aus der Zeit. Ein eindrucksvolles Stück, recherchiert in Deutschland, im Libanon, in Abu Dhabi und den USA.