Berlin - Es liegt viel Liebe in der Luft an diesem Montagmorgen in dem ehemaligen Postbahnhof Station in Berlin-Kreuzberg. Trotz Nieselregens, der so ganz untypisch für die re:publica ist,  der größten europäischen Digitalkonferenz.

Helfer tragen quietschgelbe T-Shirts mit weißen Herzen, die Namensschilder, die die Besucher mit bunten Schlüsselbändern in Regenbogenfarben um den Hals tragen, haben die Form von Herzen – und überall an den Ständen zwischen Robotern und Virtual-Reality-Laboren: Herzen. Herzen. Herzen.

Solidarität und Gemeinschaft

Die re:publica möchte wieder die positiven Seiten den Internets in den Vordergrund stellen, einen Gegenentwurf liefern zu all den Negativnachrichten. Love out Loud heißt das Motto der elften re:publica. Selbst der Berliner Onlineshop Amorelie, der erotische Lifestyle-Produkte anbietet, hat einen Stand. Man kann hier ein „Lovetoy“ gewinnen, wenn man denn möchte. Das Internet möchte wieder lieb gehabt werden.

Dieses Motto sei auch als Aufruf zur digitalen Zivilcourage zu verstehen, sagte Johnny Haeusler, Mitgründer der re:publica in der Eröffnungsrede im vollbesetzten Saal 1. Wer Opfer von Hassattacken im Netz geworden sei, müsse wissen, dass er nicht allein sei. „Wir müssen Solidarität zeigen.“ Da könne man auch mal an eine betroffene Person eine Direktnachricht schreiben, um ihr beizustehen. Oder um es in den Worten von Mitgründerin Tanja Haeusler zu sagen: „Wir wollen die digitale Welt nicht den Arschlöchern überlassen.“

Gesellschaft statt Egoismus

Auch Friedensbuchpreisträgerin Carolin Emcke, die einen tiefenphilosophischen Exkurs in Sachen Liebe und Empathie gab, erklärte: „Eine Gesellschaft, in der jeder nur sich selbst rettet, ist keine Gesellschaft.“  Wer gedemütigt und verletzt werde, solle sich nicht selbst wehren müssen. „Es braucht andere, die widersprechen, die nicht gemeint sind, aber sich gemeint fühlen“. Emcke bekam Standig Ovations am Ende ihres Vortrags.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, der die Sub-Konferenz Media Convention eröffnete, betonte, dass es wichtig sei, in diesen Tagen auch über Meinungsvielfalt und Pressefreiheit zu reden. "Viele dachten, dass diese Werte selbstverständlich sind. Wir erleben aber gerade, dass Offenheit und Meinungsfreiheit eben keine Selbstverständlichkeiten sind."

Das Dark Net – Gefahr und Segen zugleich

Wie nah das Gute und das Böse nebeneinander im Netz existieren können, zeigt kaum ein Beispiel besser als das sogenannte das Dark Net, in dem man anonym surfen kann, weil Spuren und Wege durch Verschlüsselungen zum Beispiel mit dem Tor-Browser verwischt werden.

Das Dark Net ist eine Art Zwischenwelt des Internets und wird oft in einem Atemzug mit Drogenkriminalität, Kinderpornografie und Waffenhandel genannt. Der Münchner Amokläufer soll seine Waffe im Dark Net gekauft haben. Doch dieser anonyme Teil des Internets wird auch anders genutzt und ist für viele Menschen überlebenswichtig.

„Der Begriff wird gern instrumentalisiert. Das Dark Net klingt mysteriös. Doch es zeigt meist nur die böse Seite des Internets“, erklärte Daniel Moßbrucker bei der Podiumsdiskussion „Dark Net – das Internet der Zukunft“.  

Pressefreiheit durch anonymes Surfen

Zwar geht man davon aus, dass rund 50 bis 60 Prozent der Inhalte im Dark Net illegal sind, aber das bedeutet eben auch, dass die andere Hälfte des sagenumwobenen dunklen Netzes legal sind. Der Syrer Ahmad Alrifaee nutzte das Dark Net um in Syrien als Journalist arbeiten zu können. Ohne Verschlüsselungssoftware müsse man in Syrien um sein Leben bangen, wenn man das Regime kritisiert  und recherchiert. „Im Dark Net habe ich mich sicher gefühlt“, erklärt er. „Hier konnte ich kommunizieren.“

Generalstaatsanwalt Andreas May schätzt, dass weltweit zwei Millionen Menschen das Dark Net nutzen. Auch heute bei der re:publica gehen viele Hände in die Luft als die Moderatorin fragt, wer die Verschlüsselungssoftware regelmäßig nutze. „In ein paar Jahren werden wir unseren gesamten Verkehr verschlüsselt haben“, ist sich May sicher.

Digitales Lernen als Chance für Kinder

Aufklären, Bewusstsein vermitteln, lernen und Wissen weitergeben, das ist auch Robert Rymes Job. Er ist zum zweiten Mal auf der re:publica. Den Medienpädagogen kann man wohl als typischen Multiplikator bezeichnen, er bildet eine Schnittstelle zwischen der analogen Welt und der digitalen und zeigt, wie wichtig die Digitalkonferenz als Informationsschmelztiegel für die digitale Gesellschaft geworden ist.

Rymes kommt aus Ludwigsburg in Baden-Württemberg und arbeitet an einem Hochschulprojekt für die Ausbildung von Grundschullehrern. „Wir erarbeiten neue Formen des digitalen Lernens für Kinder“, erklärt er auf den „Affenfelsen“, der Treffpunkt der re:publica, an dem alle ihre Laptops und Smartphones aufladen.

Und natürlich gehe es auch darum, Lehrer für die Digitalisierung zu sensibilisieren. „Wir merken immer wieder, wie groß die Berührungsängste vor den neuen digitalen Medien sind“, erzählt er. Das Thema Digitalisierung und Medienkompetenz müsse viel stärker in den Schulunterricht integriert werden.  „Das können nicht nur Eltern leisten.“ 

Blogger Sascha Lobo fordert auf, in die Diskussion zu gehen

Selbst Chef-Interneterklärer und Blogger Sascha Lobo, der sein Fan-Publikum gern liebevoll beschimpft, ließ am Montagabend das Schimpfen bleiben und berichtete stattdessen am Montagabend  von seinem jüngsten Projekt. Seit Januar 2016 habe er sich bewusst mit rund hundert Personen in den sozialen Netzwerken in die Diskussion begeben, die er als rechts oder rechtsextrem empfand. „Wir müssen klare Kante zeigen und in die Diskussion gehen. Wir müssen beides machen“, betonte er. Lobo bezeichnete diese Methode als „Zangen-Strategie“.

Man müsse mit Rechts reden, um gegen rechts zu argumentieren und die Menschen, die von der „Insel ins Wasser gefallen“ seien, zurückzuholen.

Damit das funktioniere, solle man in diesen Debatten im Netz höflich und zurückhaltend sein. Man solle Fragen stellen, Fakten erklären, nicht nur verlinken und dadurch Empathie und Zweifel schüren. „Worte haben Macht. Ich rufe euch auf, diskutiert“, sagte Lobo.