Das Verhältnis zwischen der Netzgemeinde und den Bundestagsbewohnern ist eher angespannt. Einige der im Netz gern als „Internetausdrucker“ betitelten, also wenig Internet-affinen Abgeordneten, erklärten bekanntlich den „digitalen Maoisten“ schon mal den Krieg – und mussten Tage später aus der Zeitung erfahren, dass sie zuletzt im Zentrum eines gewaltigen digitalen Shitstorms standen. Das alles soll sich nun pünktlich zur re:publica ändern, dem Netz-Kongress, der in Berlin stattfindet. Dort hat die Digitale Gesellschaft, ein Verein, der sich der geduldsamen Aufklärung der Abgeordneten über das Internet verschrieben hat, am Donnerstag eine bislang einzigartige Kampagne gestartet: „Adoptier Deinen Abgeordneten!“

Die Nutzer sollen sich auf einem Online-Portal bereiterklären, sich um einen der 620 Bundestagsabgeordneten zu kümmern und diese dann „netzpolitisch betreuen“. Bundeskanzlerin Merkel und etwa der Hälfte ihrer Ministerriege haben sich Nutzer nun bereits angenommen. Sie werden ab sofort mit Informationen zu Themen wie Urheberrecht versorgt, angerufen und zu Treffen eingeladen.

Eigentlich klassische Lobbyarbeit also, die auf der Überlegung basiert, dass jeder Bundestagsabgeordnete über netzpolitische Themen entscheide, auch wenn es nicht sein Fachgebiet sei. Nur, dass das Heer von Netz-Lobbyisten transparent vorgehen soll: Die Paten sind angehalten, in einem Online-Tagebuch über ihre Kontakte mit dem Abgeordneten und deren Fortschritte zu berichten.

Politiker-Adoption günstiger als Zootier-Patenschaft

Im Vergleich zu Zootier-Patenschaften sind die Abgeordneten-Adoptionen günstig und unkompliziert: Vier Euro im Monat kosten Hinterbänkler, Minister-Patenschaften 19 Euro und nervige Abgeordnete können zum Quartalsende zurück gegeben werden. Damit es nicht dazu kommt, liefert adoptier-deinen-abgeordneten.de einen Verhaltenskodex mit. Dort wird empfohlen, wie mit den Abgeordneten umzugehen ist – ungefähr so wie mit verhaltensauffälligen Kindern nämlich.

Als erstes wird erklärt: „Abgeordnete mögen anfangs vielleicht eine andere Meinung haben. Aber wenn Du nett mit ihnen umgehst und ihnen sachlich-nüchtern erklärst, warum das nicht richtig ist, erreichst Du mehr, als wenn Du laut wirst.“ Auch wird getröstet, nicht traurig zu sein, wenn sich ein Abgeordneter nicht betreuen lassen will – genau genommen handelt es sich ja auch um eine Zwangsadoption.

Rechtlich zulässig, erklären die Betreiber des Patenschaftsprogramms, sei die Adoption trotzdem. Und beruhigen: „Es entstehen daraus allerdings keinerlei Erbansprüche für die Abgeordneten.“