Kreuzberg - Spätestens, wenn von „tropisch-fruchtiger Hopfenaromatik“, gepaart mit „karamelliger Süße“ und „leichter Kiefernnote“ die Rede ist, steige ich beim Bier aus. Bier war für mich immer ein ehrliches Getränk. Bodenständig, simpel, aus Hopfen, Malz, Hefe, Wasser hergestellt, wie mir als Münchnerin seit Kindheit eingetrichtert wurde. Meine Liebe zum Bier habe ich erst relativ spät entdeckt, in Berlin zu Studienzeiten.

Nach getaner Arbeit bewirkt ein Bier auch heute noch Wunder. Einen Bier-Sommelier jedoch brauche ich persönlich nicht. Ich verstehe, dass Craft Beer heute eine Wissenschaft für sich ist, nur kann ich mich nicht sonderlich dafür begeistern.

90 Biersorten

Vielleicht habe ich deswegen meinen Besuch im Braugasthaus Dolden Mädel in Kreuzberg solange herausgezögert. Es hat vor gut drei Jahren eröffnet. 90 Biersorten gibt es da. Streng genommen ist das Dolden Mädel aber gar keine Brauerei, weil an Ort und Stelle nichts gebraut wird.

Vielmehr kommen die rund 20 verschiedenen Biere vom Fass aus der Hamburger Ratsherrn Brauerei, die Miteigentümer ist. Alle anderen gehen flaschenweise über den Tresen. Biere, die Elvis Juice, Ziggy oder Gose Morning Vietnam heißen und vom herkömmlichen Biergeschmack ziemlich weit entfernt sind.

Ich will mich jedoch mit der dicken Bier-Karte nicht zu lange aufhalten. Mein Mann trinkt von der Ratsherrn Brauerei das Pilsener vom Fass, und ich bestelle schnell deren Zwickel. Mich interessiert die Speisekarte weitaus mehr, denn ich habe viel Gutes über das Essen gehört. Eine gute Heimatküche gebe es hier. Deftig, aber auf bestem Niveau, weil das Dolden Mädel mit ausgewählten Lieferanten wie dem Bäcker Sironi und Biohöfen zusammenarbeitet.

Die Speisen hier sind eher fleischlastig, aber die Auswahl – von der Stulle mit Avocadocreme oder Blut- und Leberwurst über Bouletten, Schnitzel und Bratwurst bis hin zu Smoker- und Grillgerichten wie Spare-Ribs und Steaks – ist in sich stimmig. Mein naturtrübes Zwickel schmeckt mir, es ist süffig, das Pilsener meines Mannes nicht zu herb. Mehr fällt mir zum Bier aber beim besten Willen nicht ein.

Rustikal, aber modern

Es gefällt mir außerordentlich gut, hier zu sitzen. Bei einem Braugasthaus hatte ich bisher eher die holzgetäfelten Buden meiner Kindheit im Kopf, in denen Herren mit Gamsbart Schweinebraten mit einem Hellen runterspülten. Das Dolden Mädel ist auch rustikal, aber gleichzeitig modern. Gepaart mit den hohen Gewölbedecken ergibt sich eine fast sakrale Atmosphäre.

Unsere Bedienung ist fantastisch, ein junger Bartträger, der sich im Craft-Beer-Universum sicherlich bestens auskennt, aber angenehm zurückhaltend ist und nicht belehren will. Vielmehr überzeugt er durch kompetente Antworten, auch was die Speisen angeht. Er empfiehlt mir die Kräuterbratwurst, meinem Mann die Spareribs.

Vorweg bestelle ich die Sülze vom Tafelspitz, die ganz hervorragend schmeckt. Das mit Wurzelgemüse gekochte Rindfleisch ist würzig, die Sülze schön weich mit dem perfekten Maß an Essigsäure. Auf der Sülze hat der Koch eine gute hausgemachte Remoulade mit gehackten Radieschen, Gurken und Kräutern angerichtet. Danach werden mir dünne Kräuterbratwürste aufgetischt und ein Sauerkraut, bei dem die mitverkochten Äpfel und das Weißbier aromatisch hervorstechen. Auch mein Mann ist mit seinen Spareribs sehr zufrieden, die eine süßliche BBQ-Glasur und Smoker-Rauchnoten haben.

Wer jetzt noch unbedingt ein neuseeländisches Weizen mit Stachelbeer- und Kiwiaromen braucht, bitte sehr, auch der wird hier glücklich. Ich für meinen Teil brauche das nicht, mir reicht die hervorragende Küche im Dolden Mädel, um zurückzukommen.

Dolden Mädel Mehringdamm 80, Kreuzberg

Öffnungszeiten So–Do 11.30–0.30 Uhr, Fr–Sa 11.30–1.30 Uhr.

Vorspeisen kosten 5,90–12,50 Euro, Hauptgerichte, Smoker und Steaks 9,90–32,90 Euro, Desserts 6,90 Euro.