Manchmal müssen Dinge schiefgehen, damit Frauen eine Chance bekommen. Weil die Männer in der CDU einst geheime Geldköfferchen entgegennahmen, wurde Angela Merkel Parteivorsitzende. Weil der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn sich nicht unter Kontrolle hatte, übernahm Christine Lagarde die Macht.

Auch im Restaurant Sæson des Berliner Hotels Lulu Guldsmeden bekommt nach einem gescheiterten Experiment nun eine Frau ihre Chance. Zwar hat sich der ehemalige Küchenchef René Beck Hansen – das sei ausdrücklich betont – nichts zuschulden kommen lassen. Eher war er zu ambitioniert und setzte voll auf die New Nordic Cuisine. Die erreichte aber nur einige Liebhaber, nicht das breite Publikum.

Nun wird er nach nur ein paar Monaten von Maja Sommer Samuelsen abgelöst, einer jungen Frau, die unter ihm arbeitete. Die neue Küchenchefin, gebürtige Dänin, kam vor etwa sieben Jahren nach Berlin – eigentlich, um hier zu studieren. Dabei entdeckte sie jedoch ihre Leidenschaft für die Küche. Sie schmiss ihr Studium und fing im Dezember 2017 als Autodidaktin im Sæson an zu kochen.

Aus nordischer wird internationale Küche

Ein erfreulicher Aufstieg: Zwar machen viele Frauen in der jüngeren Food-Szene Karriere als Gründerinnen von Caterings, Streetfood-Ständen und Food-Start-ups, bisher aber kaum in den klassischen Restaurantküchen.

Mit der neuen Küchenchefin präsentiert das Sæson auch gleich ein neues Konzept – aus nordischer wird internationale Küche. Statt René Beck Hansens Smørrebrød-Kunstwerken gibt es mittags saisonale Suppe oder Salat zum Tagesgericht, am Sonntag einen Familienbrunch und sonst klassische Hotelküche, die von Rote-Bete-Carpaccio über Ribeye Steak bis hin zu Burger und hausgemachter Lasagne reicht.

Ich gestehe, dass die neue Karte auf den ersten Blick abschreckend wirkt. Sie liest sich wie x-beliebige Hotelgastronomie, die auf jeden Geschmack Rücksicht nimmt und null Risiko eingeht.

Doch der Eindruck täuscht: Das Testessen beweist eine klare Handschrift. Die Speisen sind alles andere als beliebig zubereitet. Als Appetithappen serviert Maja Sommer Samuelsen ein geröstetes Brot mit Sardine, dem man sofort anmerkt, wie viel sie sich bei den Smørrebrød-Kunstwerken ihres alten Chefs abgeschaut hat. Geschmacklich setzt sie allerdings mehr auf mediterrane Nuancen, auf ein krosses, in Olivenöl geröstetes Weißbrot, zu dem sie die weiche, mit Meersalz angemachte Sardine serviert, aromatisch nuanciert mit Zitronensäure und Zeste.

Zutaten und Produkte sind hundert Prozent Bio

Ihr Vorgänger hat ein Netz an ausgesuchten Lieferanten aus dem Umland aufgebaut, auf das sie nun zurückgreifen kann. Die Zutaten und Produkte überzeugen daher in ihrer Qualität, sind hundert Prozent Bio und kommen größtenteils von nicht weit her. So ist etwa die Burrata, die in Brandenburg hergestellt wird, anders als man sie kennt.

Als Exportware aus Italien wird sie haltbar gemacht, hier schmeckt diese Sonderform des Mozzarella noch nach frischer Sahne und ist so cremig, dass sie sich über die Kirschtomaten und den frischen Basilikum ergießt.

Toll waren auch der isländische Kabeljau, knusprig auf der Haut angebraten, und das als Tagliata servierte Brandenburger Ribeye Steak, zu dem die Röstaromen des Ofen-Wurzelgemüses wunderbar passten.

Auch wenn die Karte zunächst vermuten lässt, im Sæson habe man genug von Wagnissen: Das Essen ist außergewöhnlich gut.

Den Mut zum Risiko erkennt man daran, dass die Autodidaktin Samuelsen sich hier nicht nur am Herd, sondern auch als Küchenchefin beweisen darf. Und die Rechnung ist aufgegangen.

Sæson Potsdamer Str. 67. Morgens: Mo–Fr 6.30–10.30 Uhr, Sa–So 7.30–11 Uhr. Mittags: Mo–Sa 12–14.30 Uhr. Abends: Di–Sa 18–22 Uhr.

Vorspeisen gibt es hier für 2,50–14 Euro, Hauptspeisen für 12–23 Euro, Desserts für 5–9 Euro.