Ich hatte fest damit gerechnet, anstelle der Gastrokritik diesmal einen Nachruf verfassen zu müssen. Einen schrecklich sentimentalen sogar. Denn als der Frühling nahte, wurde mir klar, dass der Imbiss 204 auf der Prenzlauer Allee nicht mehr aufmachen würde. Lange hatte ich gehofft, die beiden Köche, die dort Königsberger Klopse, Käsespätzle und Wiener Schnitzel auf Gasherden zauberten, wären lediglich der Kälte entflohen und erholten sich in Thailand, Costa Rica oder zumindest auf Rügen.

Doch irgendwann war klar: Der Imbiss 204 ist weg. Für immer. Ich habe diesen Laden geliebt. Denn er glich nur optisch einem Imbiss, servierte aber großartige deutsche Küche zu fairen Preisen. Dass ich über diese Schließung hinwegkommen werde, liegt daran, dass dort jetzt das Grand Tang Xi Yu eröffnet hat. Wohl als Reverenz an den Imbiss 204, der sich mit dem Motto „Fast Food ohne Fett und Fritteuse“ geschmückt hatte, steht auf dem neuen Namensschild „chinesisches Fast Food“.

Viele Gäste sind Chinesen

Das Grand Tang – das kann ich nach einem Mittag- und einem Abendessen dort sagen – ist sicher kein normaler Imbiss. Hinter dem kleinen Laden steckt das Team des Grand Tang Restaurants in Charlottenburg, das bei Berliner Chinesen sehr beliebt ist. Und das gilt auch für den Laden auf der Prenzlauer Allee. Sehr viele Gäste sind Chinesen. Xi Yu steht für das etwa 100 Millionen Einwohner umfassende Xi-Yu-Gebiet im Norden Chinas. Dort mischen sich seit über tausend Jahren Kulturen und Religionen, was zu einer aromenreichen Küche geführt hat.

Die knapp gehaltene Karte konzentriert sich auf dreierlei Spezialitäten: Gerichte mit dicken, handgemachten Nudeln, eine Art chinesischer Hamburger namens Roujiamo und Suppen mit Rind- oder Lammfleischeinlage.

Der Geschmack des Meeres

Schon die Snacks überraschen. Beispielsweise gibt es Erdnüsse nicht geröstet, sondern mit Schale in einer Art Salzlake gekocht. Dem Nussigen fehlt die typische Erdnussnote, stattdessen erinnern sie mit ihrer knackigen, aber feuchten Konsistenz an gesalzte Wasserkastanien. Ganz anders, als man es vom Wakame-Algensalat beim Japaner kennt, schmeckt auch der Seetangsalat. Die Algen sind nicht schleimig-weich, sondern fester und nur mit etwas Knoblauch, Chili und Essig gewürzt. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber pur kommt der Geschmack des Meeres besser raus.

Danach probiere ich die Teigtaschen in essig-scharfer Suppe. Ich gestehe: Ihr Geruch ist nicht besonders angenehm, als sie dampfend serviert wird – sie riecht säuerlich und nach nassem Hundefell. Doch der Geschmack der Teigtaschen ist umwerfend. Sie sind extrem würzig, gefüllt mit grob gehacktem Rindfleisch, viel Ingwer und Knoblauch. Ich löffle die mit Chili-Öl geschärfte und sehr saure Suppe nicht aus, sondern dippe die Teigtaschen hinein.

Dann bestelle ich mir noch einen chinesischen Hamburger, es gibt ihn mit Tofu, Schwein, Lamm oder Rind. Ich nehme letztere Variante, die gern in den muslimischen Teilen des Xi-Yu-Gebiets gegessen wird. Das zwischen getoastete Fladen gepackte Fleisch ist wie beim Pulled-Pork-Burger faserig, es wurde offensichtlich stundenlang in einem Sud gekocht und ist durchzogen von Gewürzen wie Kreuzkümmel und gemahlenem Koriander. Das süßliche Hefebrötchen sowie die scharfe grüne Paprika und der Chili harmonieren damit perfekt. Nie im Leben hätte ich das für chinesisches Essen gehalten.

Nichts für Zartbesaitete

Beim nächsten Besuch will ich unbedingt eine weitere Spezialität der Xi-Yu-Küche versuchen: einen Eintopf aus zerhacktem, gesäuertem Brot – in einer Lammbrühe gekocht und mit Glasnudeln serviert.

Das Grand Tang Xi Yu ist nichts für jeden Tag, man muss Lust auf ungewöhnliche Aromen haben und darf nicht zartbesaitet sein, wenn es um Geruch, Säure und Schärfe geht. Doch spannend ist es allemal.

Grand Tang Xi Yu, Prenzlauer Allee 204, Prenzlauer Berg, geöffnet täglich 12.30–22 Uhr.

Die Speisen kosten 3,80–8,80 Euro.