Kürzlich wurde ich mal wieder daran erinnert, warum ich gerne in Berlin lebe. Leider passiert mir das nicht mehr so häufig. Das hat auch mit der Veränderung der Stadt zu tun, in der es mehr und mehr ums Geldverdienen geht – was angesichts der steigenden Mieten nachvollziehbar ist. Trotzdem macht es mich traurig, dass die Spielräume, sich mit einer Idee einfach auszuprobieren, immer enger werden.

Aber dann war ich im B.Horn, einem Mix aus Restaurant und Bar an der Flughafenstraße in Neukölln. Der Laden hat vor etwa einem Jahr eröffnet. In Städten wie London oder New York, wo der Markt noch viel härter ist, sind Neueröffnungen in den begehrten Vierteln inzwischen knallhart durchkalkuliert. Ohne Gastroberater, die das kulinarische Konzept, den Look und schließlich das Marketing haarklein analysieren, würde sich keiner mehr an eine Eröffnung wagen.

A.Horn und B.Horn

Das B.Horn dagegen ist ein Restaurant der Marke Eigenbau, wie es früher viele gab. Dahinter stehen keine Investoren, sondern die Macher des Cafés A.Horn, das in Kreuzberg samt angeschlossenem Fahrradladen schon länger existiert. Ludwig Horn und Alexandra Vlachopoulou haben ihrem Koch Jacob Schunck freie Hand gegeben, seinen Ideen und seiner Intuition zu folgen.

Ich habe dort ganz hervorragend gegessen – kein Fine Dining, sondern eine von Leidenschaft geprägte Küche, die bei den Vorspeisen von Vitello tonnato und Burrata über eine Berliner Blutwurst mit Zwiebel-Rotwein-Chutney reicht und einem bei den Hauptgerichten die Entscheidung zwischen Barfood-Klassikern wie Burger und Ribs oder hausgemachten Udon-Nudeln oder einem Oktopus offen lässt. Für jeden Geschmack und jeden Appetit ist etwas dabei, ein Konzept, von dem ihm Gastroberater und auch Kritiker heute sofort abraten würden, weil sich eine klare Handschrift viel besser nach außen hin verkaufen lässt.

Knusprig frittierte Salbeiblätter

Ich nehme das französische Pilgergericht Aligot, das im B.Horn im Glas serviert wird. Es ist ein wunderbar sämiger Kartoffelstampf, in dem würziger Bergkäse und Muskataroma verschmolzen sind. Darüber wurden knusprig frittierte Salbeiblätter und Zwiebelringe angerichtet. Dazu habe ich die grobe Kräuter-Bratwurst bestellt. Die schmeckt ganz hervorragend, auch wenn sie nur gut eingekauft ist.

Die Soßen, Vinaigrettes und Relishes aber sind hausgemacht. Für die süß-saure BBQ-Soße zu den vom Knochen fallenden Schweineribs etwa hat der Koch über Stunden Tomaten, Essig, Schwarzbier, Cola und viele Gewürze wie Ingwer und Knoblauch eingekocht.

Fast alle Gerichte, die ich probiere, sind auffallend kräftig, aber nicht wahllos gewürzt. Vielmehr scheinen mir die starken Aromen gut aufeinander abgestimmt, das zeigt sich auch am Linsensalat, der mich mit seiner feinen Kräuternote und der frischen Limetten-Vinaigrette überzeugt. Mir gefällt das B.Horn. Doch ich fürchte, das Restaurant wird es schwer haben. Zum einen liegt es nicht perfekt. Dort wo die Flughafenstraße in den Columbiadamm übergeht, überwiegt triste Mietsbebauung. Nichts lädt zum Entlanglaufen ein. 

Der Charme des B.Horn

Und auch optisch würde so mancher Gastroberater wohl die Nase rümpfen: Früher war der Eckladen mal ein Vereinsheim, das B.Horn-Team hat ihn weitgehend selbst umgebaut, hat im linken Raum die Wände, Tische und die Bar schwarz angestrichen. Doch das Vereinsheim-Flair ist trotzdem nicht ganz weg. Rechts liegt die offene Küche, die man unbedingt mit einer besseren Abluftanlage ausstatten sollte, weil alle Gerüche fast eins zu eins zum Sitzplatz ziehen.
Doch was den Charme des B.Horn am meisten ausmacht, ist eben, dass es gerade keinem Trend, keiner Norm, keiner Story folgt, sondern allein das Essen zählt.

B.Horn, Flughafenstraße 84, Neukölln, geöffnet Di–Sa 18–2 Uhr, So 18–0 Uhr. Vorspeisen kosten 5–13,50 Euro, Hauptgerichte 9–15 Euro, Beilagen 2,50–4,50 Euro.