Berlin - Kürzlich fragte mich ein sehr netter Radiokollege vom RBB, ob ich mit ihm einen kulinarischen Trip machen möchte, er würde mir gerne seine Lieblingsanlaufstelle vorstellen. Sie heißt Walid Speisemeisterei, das Schnitzel, die Crème brûlée und der lauwarme Schokoladenkuchen seien dort sensationell.

Nichts lieber als das, dachte ich. Auch ich brauche in der kalten Jahreszeit ein paar Kalorien extra, und über ein gutes Schnitzel freue ich mich immer. Außerdem wollte ich Ihnen Johannes Paetzold schon lange mal vorstellen. Wenn Sie Radio Eins hören, kennen Sie vielleicht die wunderbare Sendung „Paetzolds Pop Cuisine“, außerdem schreibt er regelmäßig auch für diese Zeitung.

Seine Lieblingsthemen sind Essen und Musik, für ihn gehören sie unbedingt zusammen. Denn: „Musik ist die Nahrung der Liebe“, zitiert Paetzold gerne Shakespeare. Zeitgeistiger ausgedrückt: „Essen ist die neue Popkultur, und Köche sind die neuen Popstars.“ Das sehe ich genauso. Themen finden wir also mühelos an diesem Abend.

Als mein Kollege mit seinem Auto vorfährt, ist er voll verkabelt mit Kopfhörern, Aufnahmegerät und Mikrofon. Nicht nur ich will über ihn und die Walid Speisemeisterei schreiben – er hat beschlossen, unser Gespräch aufzuzeichnen und einen Podcast daraus zu machen. Das ist nämlich sein neues Hobby.

Deutsche Klassiker wie Kaninchenterrine oder die Ente mit Rotkraut

Während der Fahrt erzählt Paetzold, wie er mal ein paar Tage schwitzend in der Küche eines Sternekochs stand. Die Konzentration und Fertigkeit, die das erfordert, bringe er einfach nicht auf. Aber er könne jetzt einen Barsch ordentlich entgräten. Und er habe Demut vor dem Gewerbe gelernt.

Als wir in der Walid Speisemeisterei aufschlagen, wird mir wieder mal bewusst, wie leidenschaftlich man als Gastronom sein muss. Walid Abawi, der Chef und Inhaber, kämpft seit eineinhalb Jahren auf der nicht unbedingt einladenden mehrspurigen Wichertstraße um Gäste. Dabei ist das Lokal wunderschön: altes Holz und unverputztes Mauerwerk, indirekt ausgeleuchtet mit schlicht, aber stilvoll eingedeckten Tischen.

Auch die deutschen Klassiker wie die Kaninchenterrine oder die Ente mit Rotkraut, die wir hier bekommen, sind eine Bereicherung für diesen kulinarisch eher schwierigen Kiez.

Das Walid als Belohnung

Die daumendicke Scheibe von der Kaninchenterrine hat ein zitroniges Fleischaroma, ist fest und doch luftig wie ein Mousse. Sie ähnelt dem Geschmack von im eigenen Saft und Fett zubereiteten Rilettes. Dazu kombiniert der Koch sehr krosse Scheibchen Weißbrot als Knabberelement und eine Marmelade aus bissfesten, süß-sauer eingelegten Zwiebeln, die bestens dazu passt.

Paetzold und Abawi, der zuvor als Gastgeber in der Sternegastronomie gearbeitet hat, kennen sich inzwischen gut. Paetzold wohnt ums Eck und kommt ein- bis zweimal im Monat mit seinem Sohn zum Schnitzelessen. „Immer wenn er es verdient hat“, sagt Paetzold und lacht. Das Walid als Belohnung – ich kann das gut verstehen.

Die Portionen sind sehr gut bemessen

Das Schnitzel wurde bei unserem Besuch gerade von der Karte genommen und passend zur Adventszeit durch eine goldbraun gebratene Ente ersetzt. Die ist bis auf einen Hauch zu viel Salz in Soße und Fleisch sehr zu empfehlen. Der Rotkohl ist sogar das Beste, das sich seit langem gegessen habe, weil er genau richtig zwischen Säure und Süße ausbalanciert ist und nicht zu weihnachtlich gewürzt ist.

Meine Crème brûlée ist, wie von Paetzold versprochen, ein Genuss. Sein Lieblingsdessert, den lauwarmen Schokokuchen, den er unbedingt mit mir teilen will, schaffe ich aber beim besten Willen nicht mehr. Die Portionen sind hier sehr gut bemessen. Paetzold lässt ihn einpacken. Sein Sohn wartet zu Hause, er hat ihn sich bestimmt verdient.

Walid Speisemeisterei, Wichertstraße 55, Prenzlauer Berg, geöffnet Di–Sa, 18–0 Uhr, Tel. 40045755.

Vorspeisen kosten hier 6,90–12,90 Euro, Hauptgänge 13,50–22,90 Euro, Desserts 5,90–8,50 Euro.