Letztens bekam ich einen bösen Leserbrief. Der Leser schrieb, er wolle meine Luxusessen nicht länger mitfinanzieren, indem er diese Zeitung kauft. Seiner Meinung nach suche ich zu teure Restaurants auf.

Lieber Leser, ich kann Ihren Unmut verstehen. Auch ich ärgere mich, wenn mäßiges Essen zu teuer ist. Nicht darüber ärgern kann ich mich jedoch, wenn gute Arbeit angemessen bezahlt wird. Ich bemühe mich stets, eine gute Mischung an Restaurants vorzustellen – vom Hotdog (der leider nicht sehr gut war) über ein hervorragendes Backhähnchen bis zum experimentellen Dinner mit internationalen Sterneköchen. Mein einziges Auswahlkriterium: Das Restaurant muss etwas Besonderes wollen. 

Ein Restaurantbesuch soll nicht alltäglich sein

Eine Gastrokritik funktioniert nicht anders als eine Theater- oder Konzertkritik. Mag sein, dass Sie die besprochene Vorstellung nie besuchen werden, weil sie zu teuer ist. Durchs Lesen aber bleiben Sie auf dem neuesten Stand. Was sind die kulturellen Entwicklungen, was prägt den Zeitgeist?

Insofern nehmen Sie es mir bitte nicht übel, dass ich Ihnen jetzt vom Slate erzähle, ein Fine-Dining-Restaurant in Mitte, meine Zeitung wird für mein Abendessen eine Rechnung in Höhe von 190 Euro bezahlen. Das ist viel Geld. Ich selbst – wäre es nicht mein Beruf – würde mir das höchstens ein, zwei Mal im Jahr leisten können. Aber darum geht es ja. Ein Restaurantbesuch soll nicht alltäglich sein. Er soll Ihnen etwas bieten, was Ihr eigenes Können übertrifft.

Lukas Bachl kombiniert das Beste aus aller Welt

Das Slate ist ein tolles Beispiel dafür. Eingerichtet ist es wie das Wohnzimmer, das ich nie besitzen werde: raue Betonwände und nordische Designermöbel, in warmes Licht getaucht und mit schweren Vorhängen vor der Glasfront.

Das Herausragende hier ist aber das Essen: Das Amuse – ein sehr feines Kompott aus mit Schnittlauch und Estragon mariniertem Schweinenacken, Maronen- und Apfelstückchen samt Wacholderespuma, Fichtennadelmayonnaise und Buchweizencrunch obenauf – wird von einem perfekt darauf abgestimmten Getränk begleitet: einem Boskop-Apfel-Sellerie Shrub mit leichter Whisky-Note.

Der Anspruch, den dieser Gruß aus der Küche zeigt, wird in jedem der fünf Gänge nicht nur gehalten, er wird übertroffen. Der Koch im Slate, Lukas Bachl, ist ein Meister. Bis auf ein paar Winzigkeiten sind die Gerichte perfekt komponiert und zubereitet. Bachl, der bei Harald Wohlfahrt und im Clubrestaurant Felix kochte und zuletzt Sous-Chef unter Hendrik Otto im Lorenz Adlon war, kombiniert das Beste aus aller Welt. 

Erinnerungswürdige Essenz aus Brathering und ein kunstvolles Dessert 

Meine Spanferkelbäckchen ähneln zimtigen Pralinen, süß-säuerlich dekoriert mit marinierten Schalotten, gepopptem Buchweizen und einer asiatisch anmutenden Jus mit beinahe fruchtig schmeckendem Pak Choi, von dem nur das Weiße in kleinste Brunoise geschnitten ist.

So filigran geht es aber nicht weiter. Das Onsen-Ei mit Spinatcreme und Kartoffelpüree ist ein Löffelgericht, abgerundet mit weißem Trüffel. Das Ei ist einen Tick zu zähflüssig, ich habe das über eine Stunde im Wasserbad gegarte Onsen-Ei schon mal cremiger gegessen, doch die Kombination ist wunderbar.

Erinnerungswürdig ist auch eine Essenz aus Brathering, in der das weiche Filet einer Makrele und saure Zwiebelchen angerichtet sind, ebenso wie das Dessert – ein Kunstwerk aus Ananaseis, Kokos und weißer Valrhona-Kuvertüre, das mit Piña-Colada-Aromatik spielt.

Nur über eine Sache, lieber Leser, habe ich mich geärgert: Zur Begrüßung, noch bevor ein Blick in die 55-seitige Weinkarte möglich war, wurde uns ein Champagner-Aperitif so angeboten, dass er kaum abzulehnen war. Am Ende stand er mit 22 Euro auf der Rechnung – pro Person. So etwas gehört sich nicht. Selbst wenn man es sich nur einmal im Jahr leistet.

Slate, Elisabethkirchstraße 2, Mitte, Di–Sa 18–22 Uhr, Tel.: 22 32 75 18

Das Fünf-Gang-Menü kostet hier 69 Euro, sechs Gänge kosten 79 Euro, sieben 90 Euro und acht 103 Euro. Vorspeisen gibt es für 13–31 Euro, Zwischengänge für 18–33 Euro, Hauptgänge für 33–45 Euro, Käse und Dessert für 11–14 Euro.