Ich nehme an, auch in anderen Berufen als dem Kochberuf passiert das häufig: Man macht Karriere, bekommt mehr Verantwortung und Geld. Doch irgendwann – wenn die Euphorie darüber abgeflaut und das Ego genug gestreichelt ist – merkt man: Das, was man nun jeden Tag macht, hat nur noch wenig damit zu tun, weshalb man diesen Beruf gewählt hat.

Felix Mielke ist es so ergangen. Er liebt das Kochen, weshalb er sich sehr jung für die Kochlehre entschied. Da er Talent und Ehrgeiz hat, stieg er mit etwas über Mitte 20 zum Küchenchef im Berliner Spitzenrestaurant Le Faubourg auf, ein Posten, den er sieben Jahre ausfüllte. Ein Küchenchef ist wie ein Dirigent: Ihm untersteht die Brigade, für deren reibungsloses Funktionieren er den Takt vorgibt. Er selbst richtet allerhöchstens die Teller an, ist aber von den eigentlichen Kocharbeiten befreit. Dafür bestimmen Worte wie Personalführung, Dienstpläne und Wareneinkauf seinen Alltag.

Imbiss Schüsseldienst mit High-End-Küche

Zum Kochen, erzählt Felix Mielke, sei er nur noch sonnabends gekommen. Sein absoluter Lieblingstag, weil er da im Faubourg das Lunchmenü für die kommende Woche entwerfen und vorbereiten konnte.

Seit ein paar Monaten steht Mielke nun täglich am Herd. Denn er hat der Hotelgastronomie den Rücken gekehrt und einen Imbiss eröffnet. Schüsseldienst heißt er, und er ist trotz der Gefahr, dass die Google-Vervollständungsfunktion einen zum Schlüsseldienst – ebenfalls in der Akazienstraße – weiterleitet, meist proppenvoll.

Ein Imbiss – das klingt nach Stationen im Savoy Hotel, Ritz-Carlton und Faubourg erst mal wenig glamourös. Doch man sollte den Schüsseldienst keineswegs unterschätzen. Mit Fettgeruch und Currywurst hat dieser kleine, schlichte Laden in schönen Grün- und Holztönen nichts am Hut. Gekocht wird zwar auf minimalem Raum und vor aller Augen, aber in einer High-End-Küche. Mielke wird dem Anspruch, hochwertige Produkte und spannende Gerichte bei Preisen unter zehn Euro zu bieten, gerecht.

Schüsseldienst: Felix Mielke tüftelt eigene Aromensprachen aus

Es gibt Stullen, etwa mit gezupftem Huhn, frischem Spinat, Cashewkernen und einer Curry-Mayo. Die übrigen warmen und kalten Speisen werden in Schüsseln serviert. Ein Freund begleitet mich, beim Bestellen gibt es als Gruß aus der Küche ein Becherchen heiße Mais-Chili-Suppe zum Trinken, eine schöne Geste. Anschließend teilen wir einen Blumenkohl-Salat, der fein geschreddert und mit einer Miso-Vinaigrette die löffelbare Basis für weitere knackige Elemente wie Ackerbohnen, Stangensellerie, Spinat, Vogel-, Frisée- und Radicchio-Salat ist, das Ganze wird von Rauchforelle ergänzt. Schade nur, dass die Stückchen der Räucherforelle farblich und geschmacklich im Blumenkohl untergehen.

Es folgen Rinderrippchen und ein Wels-Tataki. Bei beiden schmeckt man deutlich, dass der Koch trotz Schüssel nicht einfach gut passende Zutaten zusammenwirft, sondern für die einzelnen Komponenten jeweils eine eigene Aromensprache ausgetüftelt hat.

Schüsseldienst: Teller würden dem Anspruch fast besser gerecht

Das kräftige Umami der Rippchen wird durch eine Marinade und angebratene Pilze verstärkt, das begleitende Süßkartoffelpüree ist mit einer dezenten Säure ausbalanciert, die sich in den eingelegten roten Zwiebeln widerspiegelt.

Auch beim sehr heiß und kurz gegrillten Tataki vom Wels sind die Elemente gut aufeinander abgestimmt. Am Schüsselgrund finden sich Linsen und Bulgur in einem süß-säuerlichen Sud, ergänzt von frischem Spinat und Koriander, die mit salzig-schmelziger Miso-Vinaigrette angemacht sind. Und ganz oben drauf Joghurt, fürs Milchige.

Fast schade, dass sich nach einigen Löffeln alles vermischt. Ich mag die Schüsselmode in Berlin. Doch hier würden Teller dem Anspruch fast besser gerecht.

Schüsseldienst Akazienstraße 3a, 10823 Schöneberg. Montag 12–16 Uhr, Di–Sa 12–21 Uhr

Stullen zwischen 5 und 7,90 Euro, Schüsseln zwischen 6,90 und 9,70 Euro, Desserts 3,50 Euro.