Kürzlich sah ich einen Film über eine Londoner Köchin, die als junge Frau Indien verlassen hatte, um ein Jurastudium in England zu beginnen. Als erste Frau in ihrer Familie promovierte sie, alle bewunderten sie, doch sie war in ihrer neuen Heimat sehr unglücklich. Sie entdeckte das Kochen, und es wurde ihre Medizin. Sie lernte die Rezepte ihrer Mutter und Tanten und zusammen mit anderen eingewanderten Frauen, denen es ähnlich wie ihr ging, kochte sie in Supper Clubs, Pop-up-Restaurants und schließlich ihrem ersten eigenen Restaurant gegen ihr Heimweh an.

Was wie ein Märchen klingt, ist keines, sondern eine Folge von „Chef’s Table“, eine Netflix-Dokuserie über Köche aus aller Welt.

Tatsächlich erzählt ein Menü im besten Falle immer auch die Geschichte desjenigen, der es kocht. Mit Referenzen auf die Heimat, die Kindheit, die Biografie. Dem Koch gibt es Identität und eine unverwechselbare Handschrift, dem Gast Genuss, weil er an etwas Größerem teilhaben darf. Genau dieses Gefühl hatte ich, als ich das erste Mal ins Nanum essen ging.

Nanum bedeutet auf Koreanisch „teilen“

Nanum bedeutet auf Koreanisch „teilen“ und tatsächlich scheinen in diesem besonderen Restaurant die verschiedenen Kapitel eines ganzen Lebens in den Gerichten zusammenzukommen. Inhaberin und Köchin des Nanum, das gleichzeitig auch ein Keramikatelier ist, ist Jinok Kim, eine Koreanerin, die 1978 mit einem Stipendium für klassischen Gesang nach Berlin kam. Jinok Kim hat auf der Bühne Händel gesungen, wie sie erzählt.

Heute ist ihre Bühne das Nanum, Jinok Kim hat es über die letzten Jahre selbst gestaltet – auf zwei Etagen. Oben fertigt sie die Schüsseln und Teller, auf denen sie unten tagsüber Süßspeisen und ein paar Mittagsgerichte serviert. Alles ist reduziert, aber sehr stimmig. Zweimal in der Woche verwandelt sie das Nanum zudem in ein Abendrestaurant. „Die Mittagszeit ist immer hektisch. Ich wollte, dass meine Gäste wenigstens ab und an Raum und Speisen auf sich wirken lassen können“, erzählt sie.

Im Nanum plaudert man mit der Köchin

Kim Jinok kommt gern am Tisch vorbei und unterhält ihre Gäste, zum Beispiel mit der Geschichte zu den Feuernudeln, eine ihrer Vorspeisen. Trotz des Namens sind diese dünnen Weizennudeln kein wärmendes Wintergericht, sondern ideal im Sommer. Die erkalteten Nudeln, die Jinok Kim mit etwas Pflücksalat und Honigmelone anrichtet, sind mit Soja- und Chiliaromen durchzogen und haben genau soviel Schärfe, dass einem nicht die Luft wegbleibt, sondern es appetitanregend wirkt.

Sich Zeit zum Genießen nehmen, wie sie es jedem rät, das mache ich gern beim Hauptgericht. Das quer zur Rippe geschnittenen Rindfleisch mariniert sie stundenlang in gezuckertem Birnensaft und Soja, bevor sie es zusammen mit Datteln schmort. Es ist eine Art koreanisches Bœuf bourguignon, wie ich es noch nie zuvor gegessen habe.

Dünn tranchierte weiche Scheiben, die von einer Fleischsoße mit Karamellnoten umflossen werden und mit den bitteren Noten des mitgeschmorten Rettich kontrastiert werden. Kurz blanchierte Pilze und weißer Reis sorgen für Erholung von den intensiven Geschmäckern. Solche Abwechslung vermisste ich bisher in der koreanischen Küche, die mir zu oft auf die immer gleichen starken Aromaträger wie Knoblauch, Kohl, Ingwer und Chili setzt.

Ich jedenfalls habe noch nie so gerne koreanisch gegessen. Jinok Kim sagt, sie koche „keine Fusion“, sondern Rezepte ihrer Mutter, die sie immer weiter verbessere. Ab März wird sie abends ein siebengängiges Menü anbieten, derzeit entwirft sie die einzelnen Gänge und das Geschirr, auf dem sie serviert werden sollen. Ich bin gespannt, welche Geschichte sie damit erzählen wird.

Nanum, Lindenstraße 90, Kreuzberg, Mo–Do 12–18 Uhr, Fr 12–22.30 Uhr, Sa 15–22.30 Uhr, So geschlossen.

Vorspeisen kosten 6,50 Euro, Hauptgerichte 14,50–17,50 Euro, Nachspeisen 2–6,50 Euro.