Berlin-Mitte - Die Berliner Gastronomie ist ein großes Personalkarussell. Gute Köche, Sommeliers sowie Servicepersonal verschwinden selten aus der Stadt. So groß Berlin ist – die Szene ist überschaubar. Gerade für Köche gibt es Stationen, die man offensichtlich unbedingt absolviert haben muss – so arbeitete gefühlt jeder, der etwas auf sich hält, mal mit Marco Müller im Rutz, war im Adlon unter Hendrik Otto oder irgendwann in einem Laden von Tim Raue.

Wer sich kennt und mag, findet zusammen, weshalb dieselben Namen an anderer Stelle wieder auftauchen. Der Zusammenhalt in der Berliner Gastroszene ist groß. Oder wie es ein bekannter Koch mir gegenüber ausdrückte: „Fressen und saufen – das verbindet halt.“

Sagenhafte 500 Weine

Auch der Laden, um den es heute geht, ist entstanden, weil sich der Salzburger Johannes Schellhorn (ehemals Sommelier im Nobelhart & Schmutzig) und der aus der Steiermark stammende Willi Schlögl (Mitbegründer und ehemals Sommelier der Cordobar) beim Trinken bestens verstanden. Sie hätten am Ende so viel Zeit miteinander verbracht, sagt Schlögl, da dachten sie, man könne auch gleich miteinander arbeiten. Seit Ende vergangenen Sommers führen die beiden zusammen eine Weinbar, die den schönen Namen Freundschaft trägt. Unterstützt werden sie von Stephan Landwehr und Moritz Estermann, die erfolgreich das Grill Royal und einige andere Restaurants betreiben, sowie vom Autor Thomas Hüetlin.

Die Weinbar befindet sich versteckt in der Mittelstraße, gleich um die Ecke vom Kulturkaufhaus Dussmann, in einer Gegend, die abends ausstirbt. In der Freundschaft gibt es einen großen „Stammtisch“ am Eingang sowie ein paar Sofas, vor allem aber einen großen Tresen, der österreichisch Budl heißt. Auf den Barhockern kommt man mit seinen Nachbarn schnell ins Gespräch, von der Decke hängt ein riesiger roter Kugelschreiber, vielleicht eine Hommage an die Gäste – in der Gegend liegen viele Redaktionen, und wo Redaktionen sind, ist es nicht verkehrt, vernünftigen Alkohol zu verkaufen.

Womit wir bei der Weinkarte wären. Sie hat, wie es bei zwei leidenschaftlichen Sommeliers zu erwarten ist, enzyklopädische Ausmaße und listet sagenhafte 500 Weine auf, der Schwerpunkt liegt auf Österreich und Winzern, die nachhaltig oder sogar biodynamisch arbeiten, auch Naturweinliebhaber kommen nicht zu kurz. Im Weinkeller, einem temperierten, einsehbaren Raum, lagern um die 4.000 Flaschen, etwa ein Zehntel davon kostet weniger als 50 Euro, es gibt aber auch Flaschen für bis zu 1.000 Euro. Es ist nicht schwer, in der Freundschaft schnell viel Geld zu lassen.

Asien und Alpenküche

Etwa ein Dutzend Weine schenken die Wirte offen aus. Ich starte den Abend mit dem günstigsten, einem Grünen Veltiner von Johannes Hirsch aus dem Kammtal: 0,1 Liter kosten sechs Euro, allerdings wird großzügig eingeschenkt.

Damit man nicht so schnell betrunken wird, gibt es in der Freundschaft auch Kleinigkeiten „für das leibliche Wohl“. Ein Teil davon besteht aus gut eingekaufter Brotzeit, etwa Beinschinken von Thum aus Wien, ein Leberkäse aus St. Johann und ein Käseteller von Maître Philippe. Für warme Snacks ist beim sonst männlich aufgestellten Freundschaftsprojekt eine Frau zuständig: Stefanie La (ehemals unter Tim Raue im Sra Bua). Sie bringt einen asiatischen Twist in die Alpenküche. Zum Spargel serviert sie eine Sake-Miso-Hollandaise, und der knusprige, süß-sauer gebeizte Schweinebauch kommt im Bao-Dampfbrötchen mit Rotkohl-Slaw.

All dies harmoniert wunderbar, und vom chinesischen Bao bis zur österreichischen Buchtel als Nachspeise ist es näher, als man denkt. Die Freundschaft ist ein Ort, um trotz aller Verschiedenheiten das Gemeinsame zu genießen.

Freundschaft Mittelstraße 1, Mitte, geöffnet Di–Sa 18–2 Uhr
Kleinigkeiten „für das leibliche Wohl“ kosten 6–15 Euro