Was kann man sagen über ein Mädchen von fünfundzwanzig Jahren, das gestorben ist? Dass sie schön war. Dass sie Mozart und Bach liebte. Und die Beatles. Und mich.“ Gut, wir sind im falschen Film. Doch da alles einmal wiederkommt, warum nicht auch die traurige Prämisse von „Love Story“? Unter den Kultfilmen der 70er Jahre rührte dieser vor allem die Mehrheit derjenigen, denen die langhaarigen Todgeweihten von „Easy Rider“ nicht geheuer waren.

Liebesgeschichten im Schatten eines frühen Todes haben etwas Unwiderstehliches – und so auch Gus Van Sant neuerliche Variation des Themas. Zumal er offensichtlich noch einen zweiten Kultfilm der 1970er mit im Blick hatte: die morbide Romanze „Harold und Maude“. Denken wir uns beide Filme zusammen, sind wir „Restless“ schon recht nahe. Und wenn auch der Hauptdarsteller Henry Hopper Erinnerungen an jene Kinovergangenheit weckt, dann weil er seinem Vater Dennis recht ähnlich sieht. Stets schwarz gewandet, ist Henry Hoppers Enoch ein ungebetener Stammgast in der örtlichen Friedhofskapelle und als solcher dem Personal sattsam bekannt. Vor dem Rauswurf rettet ihn eine Unbekannte in einem altmodischen Witwenkleid: die ätherische, junge Schönheit Annabel (Mia Wasikowska). Sie teilt die Neugier des Waisen Enoch gegenüber dem Umgang mit dem Tod, ohne ihn freilich mythologisch aufzuladen. Sie nähert sich dem Jenseits schon zu Lebzeiten, weil sie weiß, dass sie bald sterben muss. Dabei ist sie furchtlos, ja geradezu abenteuerlustig.

Bald verbindet beide Romantiker eine ganz diesseitige Liebesgeschichte, so verspielt und pathetisch, leidenschaftlich und bedeutungsschwer, wie sie nur sein kann. Angelegt für eine Ewigkeit, die für Annabel bereits begonnen hat, für Enoch indes mit der Einsicht verbunden ist, dass er sich seinem Leben endlich stellen muss. Wer glaubt, eine solche Geschichte sei zu viel für einen kleinen Coming-of-Age-Film, der kennt noch nicht den Dritten im Bunde. Enochs einziger Freund ist nämlich der Geist eines gefallenen japanischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Bald wacht er als Schutzpatron über die Liebenden.

Gus Van Sant hatte seine Todestrilogie aus den Filmen „Gerry“, „Elephant“ und „Last Days“ gerade abgeschlossen, als er mit „Milk“ seinen größten, Oscar-gekrönten Hollywood-Erfolg feierte. Was macht er nun mit der Freiheit, die einem Filmemacher ein solcher Hit beschert? Er wählt für seinen neuen Film gleich wieder ein Todesthema. Die Filmsprache indes könnte dem hochstilisierten Minimalismus der Trilogie nicht ferner sein. „Restless“ ist fraglos morbide, aber dennoch federleicht – ähnlich Van Sants Frühwerk „My Private Idaho“, wenn auch nicht ganz so kunstvoll und modern. Es ist nur ein Nebenwerk, aber was heißt das schon bei einem der besten Regisseure des Weltkinos?

Etwas weniger Musik von Danny Elfman hätte dem Film besser getan, doch die warme Emotionalität des Komponisten scheint für Van Sant eine Garantie, ein breiteres Publikum zu finden – es ist bereits die fünfte Zusammenarbeit. Die betörende Traurigkeit, die „Restless“ weckt, hat wenig mit der Musik zu tun und überraschenderweise auch nicht sehr viel mit dem Tod. Wie jeder große Liebesfilm weckt er eine Wehmut nach der intensivsten Form des Lebens. Und diese Sehnsucht ist unwiderstehlich.

Restless USA 2011. Regie: Gus Van Sant, Drehbuch: Jason Lew; 91 Minuten, Farbe. FSK ab 6 Jahre.