Bernd F. Lunkewitz
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Zum Jubiläum des Aufbau-Verlags veröffentlichte die Zeitung Die Welt kürzlich einen Artikel des langjährigen verlegerischen Geschäftsführers des Carl-Hanser-Verlags aus München, Michael Krüger. Seine Gratulation ist zugleich eine kritische Einschätzung des einst erfolgreichsten Buchverlags der DDR, dessen Systemnähe grundsätzliche Bedingung seiner Existenz war. In dem Staat herrschte bekanntermaßen Zensur. Dass nach der Wende von 78 Verlagen aus der DDR nur ein Dutzend weiterexistierte, lag nicht nur an deren früherer Systemnähe, sondern auch am Desinteresse des Westens an Konkurrenz. Direkt angegriffen sieht sich dadurch Bernd F. Lunkewitz, der den Verlag sowohl von der Treuhand als auch vom Kulturbund gekauft hatte. Seit 2008 gehört der Aufbau-Verlag dem Investor Matthias Koch, der auch das Haus am Moritzplatz bauen ließ. Wir drucken hier eine Antwort von Bernd F. Lunkewitz, der heute in den USA lebt, an seinen einstigen Kollegen Michael Krüger. (BLZ)

Der ehemalige Geschäftsführer des Hanser-Literatur-Verlages, Michael Krüger, schrieb zum 75. Gründungsjubiläum des Aufbau-Verlages in der Literarischen Welt, der Literaturbeilage der Tageszeitung Die Welt, dieser Verlag sei „der regimetreueste Verlag der DDR“ gewesen, aber er habe in seiner langen und oft schwierigen Geschichte „alles überstanden, sogar den exzentrischen Immobilienmakler Lunkewitz“.

Den Vorwurf, ich sei exzentrisch, halte ich für ein ungewolltes Kompliment, denn ich wollte nie mittelmäßig sein. Auch die Bezeichnung als Immobilienmakler ist an sich nicht ehrenrührig, aber Krüger verwendet sie abwertend, um meine Leistungen als Verleger zu diskreditieren. Immobilienmakler sind in Krügers Heimatstadt München wegen der hohen Immobilienpreise bei Ignoranten, die einen Boten für die von ihm überbrachte schlechte Nachricht verantwortlich machen, sehr unbeliebt und deshalb er kann sich des hämischen Beifalls sicher sein.

In fünf Jahren wohlhabend

Ich gestehe, als armer Student und mäßig bezahlter Tutor am Deutschen Seminar habe ich in den Semesterferien 1973 über die Jobvermittlung des AStA der Goethe-Universität einen Aushilfsjob bei „Richard Ellis, Chartered Surveyors and Property Consultants“ ergattert. Der Chef dieser ehrwürdigen Londoner Firma riet mir, daraus eine Karriere zu machen. Ich erlag der Versuchung. Nach fünf Jahren als „Immobilienmakler“ finanzierte eine Bank mein erstes eigenes Bürogebäude. Ich war seither nicht mehr „Makler“, sondern Eigentümer von bald noch mehr Grundstücken und Bürohäusern und schnell so wohlhabend, dass ich mein Leben fast ganz der Kunst und Literatur widmen konnte.

Mein aktives Engagement in der Studentenbewegung hatte ich schon lange vorher beendet, weil ich erkannt hatte, dass der „real existierende Sozialismus“ in der Sowjetunion und China ein brutales System zur nachholenden Entwicklung des Kapitalismus in diesen Staaten ist. Die DDR hielt ich für einen Vasallenstaat, dessen Gerontokratie bei einer Schwäche des russischen Imperiums sofort zusammenbrechen würde, wie es sich fast zwanzig Jahre später erwiesen hat.

Der Aufbau-Verlag ist 1945, knapp drei Monate nach Kriegsende, vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ gegründet worden. Er sollte zur „geistigen und kulturellen Gesundung des deutschen Volkes und zur Überwindung der Naziideologie“ beitragen. Ein solcher Auftrag ist immer und überall, nicht nur in der DDR, mit dem Risiko des Scheiterns verbunden. Der Aufbau-Verlag aber hat alle Gefahren überstanden, die diesem Auftrag entgegenstanden, und noch heute bereichern seine Autoren die deutsche Literatur mit wertvollen Werken.

Michael Krüger beleidigt mich gezielt – warum?

Bernd F. Lunkewitz

Michael Krüger beleidigt mich gezielt – warum ? – durch die Behauptung, der Aufbau-Verlag – gegründet in rauchenden Trümmern, eingeschränkt von Zensur und politischer Überwachung, erschüttert von stalinistischen Schauprozessen gegen seine Mitarbeiter, durch die Mauer getrennt vom geistigen Leben der Nation, geschwächt vom Exodus vieler Autoren und Leser, ausgeliefert dem Ministerium für Kultur der DDR und der dort veranlassten Lizenzverstöße, gelähmt vom Zusammenbruch dieses maroden Staates, existenzgefährdet wegen der kriminellen Behandlung durch die Treuhandanstalt – habe das alles überstanden und als Höhepunkt „sogar“ den Immobilienmakler Lunkewitz, der aus seiner Sicht die größte Gefahr für das Überleben des Verlages war.

Lange vor der Wende erlebte ich die Sehnsucht der Menschen in der DDR nach Weltoffenheit und Freiheit. Ich sah aber auch, dass viele das Land nicht auf Dauer verlassen wollten. Sie wurden und werden dort gebraucht. Manche damals von der SED, doch alle von ihren Familien und Freunden. Es ist sehr schwierig, sich davon loszureißen, und wenn man es tut, heilt das nie ganz. Es gab in der DDR das richtige Leben im falschen (Staat).

In seinem Artikel mokiert Krüger sich über die Leiter der DDR-Verlage, die wie er angestellte Funktionäre waren. Aber sie waren nicht von ehrbaren Verlegerfamilien wie der Familie Hanser, sondern von der SED auf ihre Posten berufen worden. Bei einem Verstoß gegen deren Interessen riskierten sie ihre private Existenz.

Der Aufbau-Verlag, schrieb Walter Janka, das sind seine Autoren. Sie wurden von Michael Krüger durch die Behauptung beleidigt, Aufbau sei „der regimetreueste Verlag der DDR“ gewesen. Bekanntlich hat der Verlag aber trotz der staatlichen Zensur die deutsche Literatur bereichert.

Sehr viele andere sehr gute Verlage in diesem Teil Deutschlands wurden in den Jahren ab 1933 geschlossen, arisiert, verboten, enteignet oder in den Westen vertrieben. Millionen Bürger der DDR, darunter viele Intellektuelle, verließen diesen Staat. Der „intellektuelle Exodus“ begann eben nicht im Jahre 1976 mit der Ausbürgerung Biermanns, sondern sehr viel früher. Gerade der Aufbau-Verlag bemühte sich, diese fatale Entwicklung aufzuhalten, wenn auch nicht immer erfolgreich.

Wirre Vorwürfe gegen Aufbau-Verlagsleiter Fritz Georg Voigt

Michael Krüger rühmt sich, nach einem von ihm auf der Leipziger Messe erteilten Ratschlag, „die DDR könne nie wieder auf die Beine kommen, wenn sie nicht Philosophen ermuntern würde, die große Tradition der linken Theorie fortzuführen“, hätten ganz viele Menschen ihn angesprochen und gebeten, „das doch mal genauer zu erläutern“ und aufzuschreiben, was er „natürlich nicht getan“ habe. Ich nehme an, dieser seltsame Spruch wurde dort so oft kolportiert, weil er die Arroganz dieses Wessis offenbarte. Die DDR-Bürger wussten längst: Das Elend dieses Staates lag nicht an der falschen Theorie.

Michael Krüger wuchs in Westdeutschland auf, wo zahlreiche Naziverbrecher unbehelligt blieben oder wieder zu Amt und Würden kamen. Trotzdem konnte er es nicht lassen, sein Urteil über die langjährige Tätigkeit des Verlagsleiters Fritz Georg Voigt auf den etwas wirren Vorwurf zu reduzieren, „er war noch Mitglied der NSdAP bevor er nach dem Krieg bei Aufbau unter anderem als Parteisekretär des Verlages und als IM Kurt Karriere machte und zum Verlagsleiter aufstieg“. Wahr ist, dass Fritz Georg Voigt als 18-jähriger Soldat 1943 der Nazipartei beitrat. Diesen Fehler versuchte er nach dem Krieg als 21-jähriger Student durch den Eintritt in die SED und die Tätigkeit als IM „Kant“ für die „Sicherheitsorgane“ dieses „antifaschistischen“ Staates wiedergutzumachen. Ich weiß nicht, ob Fritz Georg Voigt ab 1946 durch seine Kontakte zur Stasi gegen Gesetze oder den moralischen Anstand verstoßen hat. Als Verlagsleiter war er kompetent und beliebt bei den Autoren und Mitarbeitern.

Michael Krüger zitiert in seinem Artikel den Verleger Siegfried Unseld, der ausgerechnet Martin Walsers missratenen Roman „Die Gallistl’sche Krankheit“ dem Aufbau-Verlag als Lizenz angeboten habe. Voigt hätte das Angebot abgelehnt, und ich kann das verstehen, denn er war schon lange darin geübt, die Veröffentlichung von „sozialistischem“ Blödsinn möglichst zu vermeiden, obwohl – oder gerade weil – Martin Walser sich damals sehr stark für die DKP engagierte.

Der wertvollste Verlag in der DDR war der Aufbau-Verlag, der nach der Wende ohne meine Führung untergegangen wäre.

Bernd F. Lunkewitz

Die realen Verhältnisse der Verlage der DDR blieben Michael Krüger offensichtlich völlig fremd. Er kennt weder die Lizenzbestimmungen und Eigentumsverhältnisse noch die Profilierung der Verlage und ihre Einordnung in die Strukturen der Zentrag und der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur. Er behauptet sogar, dass in manchen Verlagen, abseits von Berlin, die „Verleger“ „viel ungestörter“ ihre Autoren pflegten konnten als beim Aufbau-Verlag, und wundert sich, „dass keiner der DDR-Verleger, die ja reisen konnten und Devisen hatten, je im Westen geblieben ist“. Er fragt ganz ahnungslos: „Warum ist keiner mitgegangen, als Biermann den Staat verlassen musste und ein intellektueller Exodus begann?“, mit einer dümmlichen contradictio in adiecto.

Hat Krüger wirklich keine Ahnung von dem intellektuellen Exodus, den dieser Teil Deutschlands schon seit 1933 erlitten hatte? Es gab seit 1964 bis Ende 1989 nur noch 78 Verlage, und der wertvollste davon war der Aufbau-Verlag, der nach der Wende ohne meine Führung untergegangen wäre, wie leider fast alle anderen Verlage der DDR.

Das traurige Ende dieser Verlage hat seine Ursache in dem Scheitern ihrer schwierigen Anpassung an das kapitalistische Verlagsgeschäft und dessen Vertriebssysteme. Nach dem Beitritt der DDR galt die Finanzierung dieser Anpassung nicht mehr als Teil der zu gemeinnützigen Zwecken, insbesondere der wirtschaftlichen Umstrukturierung im Beitrittsgebiet, vorgesehenen Verwendung des beschlagnahmten Vermögens ihrer früheren Eigentümer, der Parteien und Massenorganisationen der DDR. Darüber hinaus verhielt sich die Treuhandanstalt, eine unglaublich inkompetente Behörde, wie eine skrupellose Investmentbank, die auch vor kriminellen Methoden nicht zurückschreckte.

Die Behandlung des Aufbau-Verlages nach der Wende, das Verhalten der SED/PDS, des Kulturbunds, der Verlagsleitung und die Betrügereien der Treuhandanstalt bei der Privatisierung sind erstmals in dem Buch „Der Aufbau-Verlag und die kriminelle Vereinigung“ ausführlich dokumentiert dargelegt worden.

Bernd F. Lunkewitz, geboren 1947, war von 1991 bis 2008 Verleger des Aufbau-Verlages. Außerdem hat er eine ausführliche Dokumentation über den Aufbau -Verlag nach der Wende, zur Rolle der SED/PDS, des Kulturbunds, der Verlagsleitung und der Treuhandanstalt bei der Privatisierung verfasst: „Der Aufbau-Verlag und die kriminelle Vereinigung“, ePubli, 637 S., 29.99 Euro.