Zwei Frauen und ein Mann stehen auf der Bühne des HAU 3. Was sieht man, wenn zwei Personen eine schwarze Hautfarbe haben und eine Frau eine weiße? Auf alle Fälle nimmt man sie anders wahr, als wenn alle Personen gleicher Hautfarbe oder gleichen Geschlechts wären. Oder spielt es vielleicht gar keine Rolle, dass die Frau mit der weißen Haut diejenige ist, die sich als Erste eine der auf einem Haufen liegenden Jacketts vom Boden fischt, die Musik anmacht und zu tanzen beginnt?

„Run silent, run deep“ heißt das Stück, dass der südafrikanische Choreograf Sifiso Majola im Rahmen des Hau-Festivals „Return to Sender“ zeigt. Es ist eine unspektakulär daherkommende, aber kluge Arbeit, die den Betrachter auf sich selbst zurückwirft. Mit nicht mehr als kleinen Verschiebungen in den Anordnungen – wer wann mit wem synchron tanzt oder wer wann wie viele Jacketts übereinanderzieht – werden eine Fülle von Assoziationen ausgelöst.

Apathisch-verfressendes Monster

Von Macht handelt das Stück, von bis heute weltweit wirkender kolonialer Mimikry, wie Majola schreibt. Irgendwann steht er still auf der Bühne und sagt ganz beiläufig, dass ein Freund ihm erklärt habe: „Wenn du etwas verändern willst, bist du der Einzige, der dir dabei im Weg stehen kann.“ Aber für ihn, so Majola, stelle sich die Frage, was Macht und was Veränderung sei. Nur das, zwei unkommentierte Sätze. Die Frage, wer aus welcher Position solche Sentenzen äußert, wird den Zuschauern überlassen.

Eröffnet wurde das Festival mit dem Stück „Banana Republics – Here be Dragons“ von Majolas Landsmann Boyzie Cekwana. In einer beschwörenden Rede spricht Cekwana am Ende darin von Schuld, von den Geistern der kolonialen Vergangenheit, die nicht vergehen und immer wieder an die Tür klopfen. Der Tisch, an dem sich alle vier Protagonisten zu Beginn konzentriert die Gesichter weiß schminkten und der die Form des afrikanischen Kontinents hatte, ist da längst zersägt worden. Das Lied der „Zehn kleinen Negerknaben“ ist in diversen Variationen rauf und runter gesungen, und die Dänin Nina Stottrup Larsen hockt nun dick und reglos zwischen all dem zersägten Müll, hört Cekwana ausdruckslos zu und stopft dabei apathisch Essen und schüttet Rotwein in sich hinein.

„Banana Republics“, eine Installation im HAU 1, in der die Zuschauer an unterschiedlichen Orten, auch auf der Bühne, Platz finden, mag teilweise etwas flach geraten sein. Aber die Obszönität dieser Szene, Cekwanas Mühen, sich Gehör zu verschaffen bei diesem apathisch-verfressenen, penetranten Monster, wirken nach.

Auch als ein Kommentar zum Festival selbst. Denn welche Rolle kommt dem Zuschauern zu bei einem Festival, das – Return to Sender – von der kolonialen Vergangenheit und dem heutigen Stand der Dinge etwas aus eigener, aus afrikanischer Perspektive nach Europa zurückspiegeln will? Was kann, was will man bei ihnen bewirken? Boyzie Cekwana und einige andere afrikanische Choreografen haben das Festival ko-kuratiert, das Thema mit entwickelt. Aber mit der Absichtsklärung, die hinter dem Titel steckt, manövriert man sich künstlerisch auf ein schwieriges Terrain.

Entschieden freier wirken Arbeiten, die nicht direkt im Festivalkontext entstanden sind. Die Ausstellung „Rendez-vous sur la Corniche“ etwa, in der Mehdi-Georges Lahlou verspielt und verrückt alle Zeichen umdeutet. Am Ende eines langen Raums im zweiten Stock des HAU 2 blickt uns Lahlous Konterfei stolz als in Gips gegossene Nofretete-Büste entgegen – und allein dafür lohnt sich der Besuch. An den Wänden hängen großformatige Serien-Fotografien. Lahlous Gesicht vor einem schwarzen Hintergrund, verdeckt von einem schwarzen Schleier, nur der Perlenschmuck des Hijab und die kajalumrandeten Augen sind zu sehen, die allerdings ziemlich entdeckungslustig in unterschiedlichste Richtungen schauen. In einer Videoinstallation läuft Lahlou auf hochhackigen roten Pumps dreißig Kilometer durch die Stadt. Bis die Absätze sich biegen und der Künstler sich kaum mehr vorwärts bewegen kann. Er rennt damit acht Kilometer. Er springt damit auf Kacheln. Er steht in schwarzen Strümpfen und roten High Heels auf einem Gebetsteppich. Mehdi-Georges Lahlou spielt Burlesque, witzig, befreiend und absurd. Aber wie er dabei muslimische ebenso wie christliche Traditionen aufmischt und Gender-Konstrukte travestiert, das ist alles andere als harmlos.

Sängerinnen in schwarzen Bodies

„Wo verweilt Vernunft? Nur in des Wahnsinns Schranken“, hat einst der Dichter Rumi gedichtet. Es könnte als Überschrift auch über Lahlous Arbeit stehen, ist aber die Zeile, die Bouchra Ouizgen angeregt hat zu einem strengen, reduzierten und trotzdem beglückenden Stück mit vier älteren marokkanischen Aitas, Nachtclubsängerinnen, die in schwarzen Bodies im Dunkeln der Bühne über weite Teile der Aufführung fast verschwinden. Nur ihr Ha!-Ruf und ihre mit weißen Tüchern bedeckte, vor und zurück schaukelnden Köpfe sind zu sehen. Wovon lässt sich Heilung erhoffen, fragt Rumi. Von dieser Aufführung ganz sicher.

Return to Sender. Noch bis zum 15. März, Karten unter 25 90 04 27