Clare Kendry, „schön und golden, wie ein sonnenheller Tag“, schlägt alle in ihren Bann, irgendwann in den 20er-Jahren in den USA. Die Blondine genießt das Leben an der Seite eines rassistischen Großverdieners und verheimlicht, dass sie – zumindest nach seinen Kriterien – eine Schwarze ist. Denn in der Logik der „Rassereinheit“ gelten Menschen trotz hellster Haut- und Haarfarbe keineswegs als Weiße, wenn unter ihren Vorfahren Schwarze sind. Wie bei Clare, der niemand ansieht, dass sie einen afroamerikanischen Vater hat. Wüsste ihr Ehemann davon, wäre sie für ihn ein „Nigger“, so aber verwöhnt er sie als geliebte Ehefrau.

Diesen heimlichen und riskanten Wechsel auf die privilegierte Seite der Gesellschaft nennt man in den USA „Passing“. Und so heißt auch Nella Larsens Roman aus dem Jahr 1929. Er beginnt damit, dass Clare ihre alte Freundin Irene Redfield wiedertrifft. Auch Irene hat helle Haut: „Sie wurde immer für eine Italienerin, Spanierin, Mexikanerin oder Zigeunerin gehalten.“ Irene nutzt das hin und wieder, um sich Zutritt zu teuren Restaurants zu verschaffen. Ansonsten aber ist sie ein Mitglied der schwarzen Community Harlems. Sie lebt dort als Arztgattin und engagiert sich für die Rechte der Schwarzen. Clare und Irene können also beide als Weiße durchgehen – die eine tut es, die andere nicht. Als Clare beginnt, sich in Irenes Leben in Harlem zu drängen (natürlich tritt sie auch hier als Weiße auf), wird das zum Problem.

Larsen wählte einen Schauplatz, an dem in den 20er-Jahren nicht nur der Jazz, sondern die Kunst und Literatur des schwarzen Amerika aufblühte. Sie selbst war eine der wenigen weiblichen Vertreter dieser kurzen, intensiven Phase zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise, der „Harlem Renaissance“. In ihrem Roman schildert sie das Harlem dieser Jahre, berichtet vom Alltag, von Partys und Diskussionen. Sie erzählt aus Irenes Perspektive, die hier lebt und Clares Täuschungsmanöver verachtet, gleichzeitig aber – wie alle anderen – ihrem Charme erliegt. Wie sehr, das wird lebhaft diskutiert, zumindest in den USA. Dort gehört „Passing“ zum Kanon der kulturwissenschaftlichen Uni-Lektüre: Wehrt Irene tatsächlich nur Clares Verrat an ihrer „Rasse“ ab? Oder ist da nicht auch ein verborgenes, ganz und gar unaussprechliches Begehren für eine andere Frau, für ihren Mut, ihre Unmoral, ihre Lebenslust?

Die genau komponierte, von Anspannung und Unausgesprochenem durchzogene Geschichte lässt viel Raum für Interpretationen. Larsen zeichnet die Spuren nach, die der Rassismus in den Charakteren hinterließ, und beschreibt die Versuche, sich gegen ihn zu behaupten. Sie ergreift für keine der Frauen Partei, sondern zeigt die Sehnsüchte und Opfer beider. Clare lebt eine Lüge. Irene wird in der Rolle der achtbaren schwarzen Bürgerin immer starrer. Sie tut alles, um nicht als verfügbare „Wilde“ wahrgenommen zu werden. Die Beziehung der beiden spitzt sich zu, als Clare auch Irenes Ehemann um den Finger wickelt. Die so unterschiedlichen Strategien der beiden Freundinnen glücklich zu werden, münden in ein Desaster.

Nella Larsen stand als Tochter einer Dänin und eines Mannes von den Westindischen Inseln selbst zwischen den Hautfarben und Kulturen. Und auch sie scheiterte an Vorurteilen – und zwar an jenem, dass Schwarze nicht schreiben können und Frauen schon gar nicht.

Als Larsen wegen ihrer Erzählung „Sanctuary“ 1930 mit einem Plagiatsvorwurf konfrontiert wurde, zog sie sich zurück. Der Vorwurf konnte zwar nicht aufrecht erhalten werden, aber eine der interessantesten Autorinnen ihrer Generation verstummte für immer. Ihr „Passing“ prägte das Erzählen über das „Durchgehen“ entscheidend mit. Das Thema beschäftigt die amerikanische Literatur bis heute, etwa in Philip Roths „Der menschliche Makel“. Larsens Œuvre ist sehr schmal, sehr lesenswert und war bis vor kurzem nicht ins Deutsche übersetzt. Der kleine Züricher Dörlemann-Verlag hat nun begonnen, das zu ändern. Man kann sich dafür nur bedanken.