Das ist die Sehnsucht“, so beginnt ein berühmter Aphorismus von Rilke, und lautet weiter: „wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit.“ Aus der Zeit geworfen, im Niemandsland zwischen einem Ende und einem Neubeginn, doch umso mehr den Bewegungen und Regungen ihrer Umgebung zugewandt, mitten im Gewoge eben: Das ist Faye, die Hauptfigur in Rachel Cusks neuem Roman „Transit“, eine Schriftstellerin, frisch geschieden und bereits bekannt aus dem Vorgänger „Outline“.

Ein drittes Buch soll Fayes Geschichte vervollständigen – aber wird hier ihre Geschichte erzählt? Nein. Wie schon im ersten Band der geplanten Trilogie lesen wir die kleinen Geschichten der anderen und die große Erzählung des menschlichen Miteinanders und (sehr oft) Ohneeinanders.

Rachel Cusk sprudelt

Faye ist eine genaue Zuhörerin und Beobachterin, weshalb aus jeder ihrer Begegnungen, ob mit einem Makler, dem Friseur oder dem Ex Gerard, Betrachtungen über die Menschen und Städte nur so sprudeln. Über London sagt Gerard: „Keiner meiner Bekannten könnte so leben. Die Ironie wäre zu groß. Hier braucht man nicht zu posieren – das Leben ist ohnehin schon eine Imitation seiner selbst.“

Von Faye, die als Cusks Alter Ego gelten kann, erfährt man wenig. Wie sehr sie sich selbst zum Verschwinden bringt, zeigt das Kapitel über eine total schräge Literaturveranstaltung in der Provinz, zu der sie und drei andere Autoren geladen sind. Während die Männer ihre Lebensgeschichten auf der Bühne ausbreiten, dauert Fayes Auftritt zwei Sätze: „Ich las meinen Text vor. Als ich fertig war, faltete ich die Zettel unter dem Applaus des Publikums wieder zusammen und steckte sie ein.“

Verglichen mit Knausgard

Das ist keine Bescheidenheit mehr, das grenzt an Verweigerung: Mich bekommt ihr nicht, scheint diese Figur ständig zu sagen, keine Details, keine Intimitäten.

Umso absurder ist es, dass Cusks Schreiben häufig mit Karl Ove Knausgård verglichen wird. Kaum ein Text über die kanadische Autorin kommt ohne den Verweis auf das autobiografische Mammutprojekt des Schriftstellerstars aus.

Bei allem Respekt vor Knausgårds Fleiß – beide verbindet lediglich, dass sie ihr Leben in Prosa verarbeiten. Während aber der Norweger permanent um sich selbst mäandert – wie die Autoren bei Cusks/Fayes Lesung – und sein zwar sympathisches, aber durch und durch narzisstisches Alter Ego Alltag in schlichter Sprache zum Ereignis hochschreiben lässt, ist Cusks Erzählen uneitel, ihr Blick auf die Kämpfe ihrer Mitmenschen und die berührenden Versuche, diese so zu deuten, dass man selbst in Frieden damit leben kann, mal kühl, mal liebevoll, aber immer distanziert.

Klirrende Eleganz

Cusk formuliert mit klirrender Eleganz. Kein Kapitel kann man lesen, ohne sich in einer ihrer Beobachtungen und Diagnosen zu verheddern – im produktivsten Sinne. Man hält inne, muss innehalten, betört von der Schönheit des Ausdrucks und der Klarsicht und der Autorin.

Da gibt es „die bleiche, unwirtliche Stadt“ und den „großen launischen See“, und ehrfürchtig verweilt man gedanklich vor der „Villa im edwardianischen Stil, aus der man einen atemberaubenden Blick auf die Verwandlung des Achtbaren ins Armselige hatte“. Mit Verlaub: Knausgård?

"Transit" als Antwort auf Schaffenskrise

Die Ähnlichkeit, die hier unterstellt wird, entpuppt sich vielmehr als die Befriedigung des Bedürfnisses nach einem (männlichen) Pendant, dem das Schreiben Cusks zuzuordnen sein könnte. Was insofern etwas unappetitlich ist, als dass die Herangehensweise der Autorin in „Transit“ und „Outline“ die Antwort auf eine veritable Schaffenskrise ist – ausgelöst vom Echo auf ihr 2012 erschienenes Buch „Aftermath“, in dem sie offen über das Ende ihrer Ehe schrieb.

Zu offen für einen Teil der Leser- und Kritikerschaft. Die „brutalen“ Angriffe auf sie und ihre Familie in den Medien, wie sie sagt, hatten dazu geführt, dass Cusk drei Jahre nicht schreiben konnte. Schonungslos, intim – warum wird Knausgård dafür seit Jahren gefeiert, eine Autorin aber abgewatscht, bis sie in die Knie geht?

Rachel Cusks Auferstehung

Eine Frage, die sich wieder stellt, wenn diese beiden jetzt so unterschiedlich arbeitenden Autoren als literarisch verwandt verkauft werden. In Cusks Fall. Einen Vergleich mit ihr in einer Knausgård-Rezension habe ich noch nicht gesehen.

Die damals in die Knie gezwungene Cusk ist jedenfalls mit ihrer Figur Faye wieder aufgestanden und beweist ein weiteres Mal, wie unerhört aufregend Erleben, Wahrnehmen und Denken sein kann. Was für einen Reichtum es hervorbringt, wenn jemand wohnt im Gewoge und keine Heimat hat in der Zeit. Und es aufschreibt.