Der YouTuber Rezo 
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BerlinAls wir Anfang des Monats über Rezos Video „Die Zerstörung der Presse“ berichteten, in dem die Berliner Zeitung nicht gut wegkommt, hätten wir gern auch ein Statement des YouTubers eingeholt. Doch Rezo ließ aus „zeitlichen Gründen“ eine entsprechende Anfrage unbeantwortet. Später bot er uns dann ein Interview an. Dieses Angebot nahmen wir dankend an. Ein Interview im klassischen Sinne wurde es dann aber nicht, sondern ein von beiden Seiten engagiert geführtes Streitgespräch. Noch eine Anmerkung: In diesem Gespräch duzen sich Interviewer und Interviewter. Das liegt daran, dass Rezo schon beim Vorgespräch den Redakteur der Berliner Zeitung mit „Du“ anredete, was auch völlig okay ist. 

Rezo, ist deiner Ansicht nach die Berliner Zeitung unseriöser als Axel Springers Boulevardblatt Bild?

Von meinem Bauchgefühl her nicht. Ich glaube, ihr seid deutlich seriöser.

Warum kommt die Berliner Zeitung dann aber in deinem Video „Die Zerstörung der Presse“ auf eine höhere Falschbehauptungsquote als Bild? Schlechter als wir schneidet nur die FAZ ab.

Im Video kam eine Stichprobe vor, bei der Hunderte Artikel verschiedenster Zeitungen überprüft wurden. Daraus lässt sich aber doch nicht die allgemeine Seriosität einer Zeitung ableiten. Das sage ich im Video auch mehrfach explizit und spreche ausführlich darüber, aus welchen verschiedenen Gründen ein solcher Fehlschluss nicht gemacht werden sollte.

Solche Feinheiten werden von vielen nicht erkannt. Manche Leserbriefschreiber haben deine Falschbehauptungsquote sehr wohl als Qualitätsmaßstab empfunden und uns entsprechend böse Mails geschickt. Und der in der Medienbranche vielgelesene Dienst Meedia stellte uns mit der FAZ, Bild und Welt in eine Reihe und schrieb, wir hätten „gehäuft Unwahrheiten“ über dich berichtet. Tatsächlich legst du uns ganze sechs Fehler zur Last, von denen die Hälfte unserer Ansicht nach gar keine Fehler sind.

Wie gesagt, es war keine Feinheit, sondern sehr ausführlich erklärt. Ich kenne den Meedia-Text jetzt nicht, kann aber diesbezüglich deinen Frust auf Kollegen verstehen, falls in dem Text die genannten relevanten Infos wirklich weggelassen wurden. Es stimmt auch, dass sowohl eure Texte als auch meine Videos natürlich auch von einzelnen Lesern oder Zuschauern missverstanden werden können. Ich ärgere mich auch jedes Mal, wenn Leute ein falsches Bild von mir aufgrund von Zeitungsartikeln haben. Aber ich finde, die Leser haben auch eine Verantwortung, einen Text ordentlich zu lesen. Daher würde ich bei allem Frust JournalistInnen nicht dafür anklagen, wenn ein kleiner Anteil ihrer Rezipienten etwas missverstanden hat, sondern eher darauf gucken, ob es denn klar kommuniziert wurde.

Die Berliner Zeitung hat 2019 in Online und Print etwa 100 Stücke veröffentlicht, in denen du namentlich genannt wirst. Wie kommt es, dass du von diesen Artikeln nur 18 ausgewertet hast?

Ausführlich steht das direkt auf der ersten Seite der Auswertung, auf deren Erklärung ich im Video transparent verweise. Die Kurzfassung ist, dass wir in allen Fällen über die übliche Suche der jeweiligen Zeitung gegangen sind und dort alle Artikel genommen haben, die für Menschen bei normaler Nutzung zugänglich sind. Also sozusagen alle Artikel, die normale User finden und lesen können.

Die Artikel der Berliner Zeitung hättest du alle bekommen, wenn du uns gefragt hättest. So aber hast du dich für die Archivsuche im Web entschieden. Unsere Archivfunktion wird im Zuge eines Eigentümerwechsels gerade neu kalibriert. Deshalb funktionierte zum Zeitpunkt deiner Recherche dort kaum etwas. Davon abgesehen ist die digitale Archivsuche auch bei anderen Blättern mitunter höchst unzuverlässig.

Es tut mir sehr leid, dass sich bei euch solche technischen Schwierigkeiten ausgewirkt haben. Aber ich denke, ihr versteht auch, dass eine Person dieses Hintergrundwissen nicht haben kann, wenn solche internen Umstände für Nutzer nicht erkennbar sind.

Hättest du dir nicht von einem Publizistik-Lehrstuhl einer Hochschule helfen lassen können, die sich häufiger mit solchen Erhebungen befasst? Einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch sollte deine Untersuchung vermutlich doch haben.

Es war mir wichtig, dass ich nicht einfach spontan anfange auszuwerten, sondern erst mal verschiedene Leute um Rat frage, die seit Jahren oder Jahrzehnten bei Zeitungen arbeiten und in der Szene drin sind. Das Feedback war, dass ich die Gruner + Jahr-Datenbank benutzen sollte. Doch dann haben wir festgestellt, dass die bei manchen Zeitungen viele Lücken hat. Wir haben es dann noch bei zwei, drei anderen Datenbanken versucht – mit demselben Ergebnis. Demnach wäre eine solche Drittanbieter-Datenbank ein externer Bias gewesen, den die Zeitungen nicht selbst kontrollieren können und der somit keine gleiche Voraussetzung wäre. Dass die Auswertung eine Stichprobe ist und keinen Anspruch darauf erhebt, eine allgemeine wissenschaftliche Studie zu sein, hatte ich bereits gesagt.

Welchen Anspruch hat sie dann?

Den Anspruch, einen Vorwurf zu fundieren, anstatt ihn nur zu behaupten. Wir haben in dem Video unterschiedlichste Missstände innerhalb der Presseszene beleuchtet und konnten die Argumente auch durch Hunderte Quellen und Belege stützen. Aber der Missstand, dass sich große Teile der Branche bezüglich Sorgfalt noch wirklich optimieren sollten, ist erst mal nicht so easy zu belegen, aber schließlich so ein drastischer Vorwurf, dass man ihn nicht einfach aus dem Bauch heraus unterstellen sollte. Also habe ich mir viel Mühe gemacht, um diese Behauptung besser zu fundieren. Und das auf eine Art, die möglichst gleiche Voraussetzungen für alle Zeitungen bietet.

Rezo ist ein deutscher Webvideoproduzent, Unternehmer und Kolumnist. Durch sein Video über die „Zerstörung der CDU“ hat er große öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. In einem weiteren Video hat er sich kürzlich mit der Presse auseinandergesetzt. Bei der Verleihung der Grimme-Online-Awards wurde Rezo am Donnerstag mit einem Preis in der Kategorie Spezial ausgezeichnet.
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Abgesehen von dem Problem mit der mitunter unzuverlässigen digitalen Archivsuche: Ist deine Textauswahl nicht auch deshalb etwas willkürlich und wenig repräsentativ, weil du auf Artikel verzichtet hast, die hinter der Bezahlschranke liegen?

Wie kommst du darauf?

In deinem neuesten Video „Die dümmsten und lustigsten Reaktionen“ ist zu sehen, wie du bei der Suche nach einem Text der FAZ an der Paywall scheiterst. Du erklärst dann, dass du den Artikel deshalb nicht berücksichtigt habest.

Das ist ein Missverständnis. Texte hinter einer Abo-Paywall haben wir berücksichtigt, auch bei der FAZ. Schließlich sind das Texte, die normale User wahrnehmen und die ihnen sogar durch Testabos frei zur Verfügung stehen. Aber daneben bietet die FAZ auf einer ganz anderen Webseite noch einen Service an, dass man pro Artikel 2,50 Euro bezahlen kann und somit auch Artikel findet, die für normale FAZ-Leser selbst mit Abo nicht zu sehen sind. Die FAZ hatte mir vorgeworfen, dass ich zwei Artikel von ihnen einfach nicht aufgeführt hätte, was wirklich ein großer Kritikpunkt gewesen wäre. Aber es hat sich herausgestellt, dass Leser selbst mit Abo diese Artikel eben nicht finden, sondern nur über die 2,50-Euro-Seite kaufen können. So gab es ein paar Vorwürfe, die am Anfang nach sehr fragwürdigem Verhalten von mir klangen, aber sich eindeutig als falsch rausgestellt haben.

Warum hast du die FAZ nicht gefragt, ob sie dir die fraglichen Artikel kostenlos zur Verfügung stellt?

Stell dir vor, ich schreibe 20 Zeitungen diese Bitte, und ein paar gucken – maybe – noch mal vorher drüber und korrigieren, andere geben nur manche Texte frei, die nächsten schicken mir unverändert alle Artikel und wieder andere antworten gar nicht. Was hat man davon? Auf jeden Fall keine gleichen Voraussetzungen für alle Zeitungen. Das war aber unser Anspruch.

Du hättest auch Artikel anfragen können, die du dir über die interne Archivsuche bereits besorgt hattest, um dann zu kontrollieren, ob bestimmte Stellen, die du zuvor als fehlerhaft identifiziert hattest, vom Verlag tatsächlich verändert wurden. Da du dich aber ausschließlich auf die unzuverlässige digitale Archivsuche verlassen hast, entsteht der Eindruck, dass die Auswahl der Texte etwas willkürlich und die Erhebung selbst nicht repräsentativ ist.

Ach, come on. Die Erwartungshaltung, dass ich mir zusätzlich zu den Hunderten Stunden, die ich über Monate unbezahlt in meiner Freizeit in dieses Projekt gesteckt habe, ja noch immer mehr Aufwand hätte machen können, wäre ja noch irgendwie okay. Aber das rein auf der Basis von spekulativen Szenarien zu machen, bei denen die Möglichkeit bestünde, ein Problem von euch gelöst zu haben, aber eben auch, völlig neue weitere Probleme zu erzeugen, ist nicht konstruktiv. Ich habe dir jetzt für jede Alternative gezeigt, dass wir sie mitgedacht und darin sichtbare Schwächen gefunden haben. Du merkst, dass wir plausible Gründe für unseren Weg haben, die wir auch transparent gemacht haben.

Außerdem passt das Wort „Willkür“ nicht mal für deinen Vorwurf, weil eure technischen Probleme ja nicht von mir erzeugt wurden. Ich habe mich immer konsistent zu den transparenten Methodiken verhalten. Ich verstehe, wenn die Berliner Zeitung das Auswahlverfahren vor dem Hintergrund ihrer internen Probleme nicht fair findet, aber „Willkür“ passt hier gar nicht, können wir uns darauf einigen?

Du selbst hast dich nicht willkürlich verhalten. Ich nehme dir auch ab, dass du glaubst, nur Artikel auszuwerten, die von der digitalen Archivsuche der jeweiligen Blätter ausgespuckt wurden, sei die denkbar fairste Methode für deine Erhebung. Sie ist es aber nicht. Diese Suchmaschinen arbeiten mitunter sehr unzuverlässig. Man kann ihre Auswahl als willkürlich bezeichnen. In unserem Fall, in dem die Maschine nur 18 von 100 Artikeln ausgespuckt hat, muss man das sogar.

Es stimmt, eure Suche war nicht deterministisch und das ist unglücklich, aber jede andere Form der Artikelauswahl hätte die gleichen Probleme und aus meiner Sicht noch größere Schwächen.

Zu Beginn deines Videos geht es um massive Fehlleistungen der Medien: Es geht um frei erfundene Storys der Yellow Press, übelsten Kampagnenjournalismus der Bild oder um Artikel, in denen durch den massenhaften Einsatz von Fragezeichen und Konjunktiven Sachverhalte insinuiert werden, die gar nicht zutreffen. Du weist nach, dass solch unseriöse Berichte, vor denen auch angesehene Blätter nicht gefeit sind, und Verschwörungstheorien sich gegenseitig bedingen. Das ist großes Kino. Chapeau!

Es freut mich sehr, dass ihr das so seht.

Aber weil dein Video so stark beginnt, fällt umso mehr auf, dass du beim Falschbehauptungs-Check diese Fallhöhe nicht halten kannst. Ging es anfangs noch um massive Fakes und Kampagnenjournalismus, hältst du dich nun mit Haarspaltereien auf. Du kritisierst etwa, dass es in einem unserer Artikel hieß, die Zahl der Abonnenten deiner YouTube-Kanäle läge bei 2,2 Millionen. Das sei falsch, sagst du, da der Autor Mehrfachabonnenten nicht herausgerechnet habe. Das hat er tatsächlich nicht. Aber es ist völlig unüblich, Abo-Statistiken, ob nun bei Zeitungen, im Pay-TV oder bei Streamingdiensten, um Mehrfachabonnenten zu bereinigen. Bist du hier nicht oberlehrerhafter als jeder Oberlehrer?

Es ist völlig okay, dass du die Fallhöhe in dem Part als nicht so hoch empfindest. Viele andere haben es genau anders wahrgenommen und ich akzeptiere, dass da jeder einen anderen Geschmack hat. Für deine Szene mag es üblich sein, einfach alle Kanäle zusammenzuzählen aber in meiner Szene würde diese falsche Rechnung auch als solche betrachtet werden. Du kannst nicht von eurem internen Standard auf allgemeine Wahrnehmung schließen. Dennoch verstehe ich deinen Punkt. Es ging bei den Falschbehauptungen um sehr heftige Verstöße wie unwahre und beleglose Erzählungen über angebliche geheime Machenschaften von Personen. Aber natürlich ging es auch um kleine Fehler, die ich explizit anspreche. Die Alternative wäre gewesen, anhand eines subjektiven Bauchgefühls zu entschieden, ab wann etwas „falsch genug“ ist, um als Fehler zu zählen. Dann könntest du mir aber Willkür vorwerfen. So eine Auswertung zu definieren ist schwer genug, da wollten wir möglichst eindeutige Definitionen, um eine deterministische Bestimmung zu erreichen. Wenn etwas eine syntaktische Tatsachenbehauptung war und sie im Widerspruch zur Wahrheit stand, wurde es markiert.

Aber hätte der Autor die Mehrfachabonnenten deiner Kanäle überhaupt herausrechnen können? Wird deren Zahl irgendwo ausgewiesen?

Nein, das konnte er nicht.

Dann ist es ja noch seltsamer, in diesem Zusammenhang von einem Fehler zu sprechen.

Nein. Zum einen schützt Unwissenheit vor Falschbehauptungen nicht. Ich kann deinen Kontostand auch nicht kennen, aber trotzdem wäre es falsch, wenn ich einen falschen behaupte. Zum anderen sind diese Mengen entgegen der Aussage eben nicht disjunkt, das kann man nicht nur mit ein bisschen gesundem Menschenverstand stark vermuten, sondern auch faktisch wissen.

Und klar ist es ein kleiner Fehler, aber ich bin nicht der Typ, der entscheiden sollte, wann ein Fehler „falsch genug“ ist, um gewertet zu werden. Wenn ich klare Regeln aufstellen will, um Subjektivität zu reduzieren, muss ich mich auch an diese Regeln halten, sonst wäre es allen anderen Zeitungen gegenüber nicht fair gewesen.

Du legst in deinem Falschbehauptungs-Check viele klitzekleine Fehler so lange übereinander, bis daraus ein halbwegs wahrnehmbares Türmchen wird. Was beweist das? In unserem Fall kommt noch hinzu, dass du wegen der wenigen Artikel, die dir zur Verfügung standen, auf eine entsprechend kleine Anzahl von Fehlern kommst, die du dann aber zu einer Falschbehauptungsquote von 55 Prozent aufbläst. Aufgrund des sehr starken ersten Teils deines Videos hättest du den, mit Verlaub, fragwürdigen Falschbehauptungs-Check doch gar nicht gebraucht.

Was soll daran fragwürdig gewesen sein? Es war eine Methodik, die klar definiert war, konsistent eingehalten wurde, und das alles mit einer viel höheren Transparenz, als es für Journalisten üblich ist. Niemand sagt, dieser Check sei der einzig wahre Weg oder eine unfehlbare Analyse, aber ich verstehe nicht, wo dein Problem liegt.

Aber warum brauchst du ihn überhaupt?

Weil ich den Anspruch hatte, einen Missstand über mangelnde Sorgfalt nicht einfach zu behaupten, ohne diesbezüglich ein sachliches Argument zu führen.

Natürlich kann man nie sorgfältig genug arbeiten. Der Berliner Zeitung hast du aber – auch wegen der extrem geringen Zahl der untersuchten Artikel – keine groben Verstöße gegen ihre Sorgfaltspflicht nachweisen können.

Naja, ihr habt zum Beispiel ein falsches indirektes Zitat verbreitet und zuerst sogar gedacht, ich hätte in den Text möglicherweise selbst diesen Fehler eingebaut, aber dann gemerkt, dass andere Personen an euren Texten solche inhaltlichen Veränderungen vorgenommen haben, die das gar nicht sollten. Ob man so was als Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht ansieht, hängt ausschließlich von der Definition von Sorgfaltspflicht ab.

Den von dir benannten Fehler haben wir korrigiert und die Korrektur transparent gemacht. Übrigens machst auch du Fehler. Beispielsweise ist von den 18 Artikeln der Berliner Zeitung, die du analysiert hast, ein langes Stück von Arno Widmann mit dem Titel „Mein Vorbild Rezo“ komplett aus der Wertung gefallen.

Der Text wurde von uns als relevant markiert. Bei der Überprüfung wurde er dann aber dennoch übersehen. Bei 1700 Artikeln und 250 Belegen, die aufgeführt wurden, ist es klar, dass solche Fehler passieren. Dennoch war es ein Fehler, der in meiner Verantwortung lag und ich habe ihn natürlich gemeinsam mit ein paar anderen Fehlern, auf die ich aufmerksam gemacht wurde, in einem YouTube Video aufgeführt.

Ein weiterer Fehler war, dass du einen Kommentar von Harry Nutt zu deinem CDU-Video nicht als solchen erkannt hast.

Ja, alle Vorwürfe von eurer Seite konnten geklärt werden, außer diese beiden Artikel, obwohl wir uns bei diesem zweiten wohl nicht einig werden. Denn auch bei Kommentaren brauchten wir eine möglichst klare Regel. Dazu hatten wir wieder den Rat von verschiedenen Experten eingeholt und gefragt, welche Ausdrücke benutzt werden, um für den Leser klar zu kennzeichnen, wenn ein Artikel ein Meinungsbeitrag ist.

Dieses Stück war klar als Meinungsbeitrag zu erkennen: Sowohl in der Headline als auch in der URL steht „Pro und Contra“. Nutt hatte den Contra-Part übernommen.

Die URL ist für einen Nutzer nicht gut lesbar und wird auf vielen Geräten nicht oder nicht komplett angezeigt, daher gilt das natürlich nicht als Kennzeichnung. Ob der Artikel selbst gekennzeichnet war, kann ich leider nicht mehr feststellen, da die Links zu euren Artikeln nicht mehr funktionieren.

Du kannst mir glauben, es ist so, wie ich sage.

Na ja, es gab auch andere Texte, die ohne euer Wissen verändert wurden, und euer System ist, wie du selbst sagst, sehr broken. Aber das ist ohnehin keine relevante Frage, da es die Auswertung nicht verändert hätte. Wir haben syntaktische Tatsachenbehauptungen auch dort behandelt.

Das ist ein wichtiger Punkt: Du hast in dem Stück den Satz, du seist in dem CDU-Video „auf die Zerstörung der CDU“ aus gewesen, als Fehler markiert. Hättest du das auch gemacht, wenn du gewusst hättest, dass es sich hier um einen Kommentar handelt?

Genau, es wurde im Text behauptet, dass die Intention von mir die Zerstörung der CDU sei und dieses von mir geäußerte Ziel auch als Sprachspiel aufgefasst werden könne. Eine solche Äußerung bestand aber nicht. Das ist eher ein Randfall, den es natürlich neben vielen eindeutigen Fehlern auch in so einer riesigen Liste geben muss, und ich verstehe, dass wir über diesen Fall zanken können. Aber es ist nach unserem Regel-Set eben eine syntaktische Tatsachenbehauptung, die im Widerspruch zur Wahrheit steht. Die Alternative wäre gewesen, willkürliche Grenzen zu setzen, ab wann etwas falsch ist, und das wäre auf die breite Sicht die schlechtere Alternative gewesen.

Dann hat euer Regel-Set nichts mit journalistischen Regeln zu tun. Denn nach denen kann ich in einem Kommentar behaupten, was ich will, solange ich keine überprüfbaren Tatsachenbehauptungen verfälsche. Die Frage, welche Absicht du mit deinem CDU-Video verfolgt hast, fällt nicht in die Kategorie überprüfbare Tatsachenbehauptung. Hier lässt sich nichts überprüfen. Niemand kann in deinen Kopf schauen.

Genau, unsere Methodik richtet sich nicht nach journalistischen Regeln. Das haben wir immer deutlich kommuniziert. Hätten wir journalistische Regeln genommen, wären nicht zwangsweise weniger, sondern einfach andere Fehler gewertet worden. Relevante Informationen wegzulassen und Dinge falsch darzustellen ist zum Beispiel nicht journalistisch okay. Das gab es natürlich auch sehr regelmäßig, aber wurde von uns nie als Fehler gewertet. Da hatten einige Glück, dass sie zwar Dinge falsch dargestellt haben, aber währenddessen nie eine faktisch falsche Aussage gemacht haben. Der journalistische Maßstab hätte in meiner Sicht viel grundlegendere Angriffspunkte gehabt, weil der nicht eindeutig definiert ist.

Es gibt klar definierte journalistische Regeln. Dass sich einige Kollegen nicht an sie halten, setzt diese Regeln nicht außer Kraft.

Nein, dass sie außer Kraft gesetzt werden, habe ich nicht gesagt. Klar existieren Regeln, aber die sind eben oft nicht eindeutig definiert und JournalistInnen streiten über die Auslegung. So sagte die Welt zum Beispiel, dass ein wörtliches Zitat, das nicht gefallen ist, kein Fehler sei. Andere Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, schlugen deshalb die Hände über dem Kopf zusammen. Hätte ich diesen Maßstab genommen, würde man jetzt über jeden einzelnen Punkt in der Auswertung streiten können und nicht nur über eine Handvoll.

Warum misst du journalistische Texte nicht an diesen Regeln, sondern an einem Regel-Set, das du dir selbst ausgedacht hast?

Nee, ich hab mir das doch nicht einfach so alleine ausgedacht. Die journalistischen Regeln sind total gut, aber doch nicht das Maß aller Dinge. Jede Szene hat eigene Regeln und jede Szene muss sich Kritik gefallen lassen, die anhand von externer Beurteilung geschieht. Wenn ein Journalist einem Rapper zum Beispiel fragwürdige Textinhalte vorwirft und der Rapper damit antwortet, dass innerhalb seiner Szene diese Texte aber anders gewertet werden, ist das nur sehr bedingt ein Argument. Da heißt es nicht „Ja, sorry, wenn das bei euch cool ist, dann halt ich mich wieder raus“. Nee, die Kritik wird trotzdem geführt und basiert eben auf anderen Maßstäben, die mit den Rap-Maßstäben nix zu tun haben. Das halte ich für richtig und wertvoll, und jede Szene muss sich solche Kritik gefallen lassen, da ist die Presseszene doch keine Ausnahme.

Du vergleichst allen Ernstes die Codes einer jugendlichen Subkultur mit den Regeln eines Berufsstands, die im Presserecht festgelegt sind und an Universitäten gelehrt werden?

Nein, ich vergleiche die Methodik, etwas anhand von Maßstäben zu bewerten, die sachlich hergeleitet werden, auch wenn die Betroffenen an sich selbst einen anderen Maßstab haben. Was spricht dagegen?

Nichts. Aber wenn du so vorgehst, darfst du dich nicht beschweren, wenn man dich nicht ernst nimmt. Das fände ich übrigens schade, denn dein Anliegen ist sehr wichtig.

Dass ich mir mit solchen Videos nicht nur viele neue Freunde und Befürworter, sondern auch einige neue Kritiker mache, liegt auf der Hand. Ob das im Einzelfall an wirklicher inhaltlicher Auseinandersetzung liegt oder daran, dass zwei kritisierte Zeitungen im Nachgang einige Falschbehauptungen über mich und angebliches Verhalten verbreitet haben, kann ich dabei nicht einschätzen. Ich habe die zwar auf meinem Kanal entkräftet, aber gerade Journalisten bekommen das eine ja mehr mit als das andere. In jedem Fall ist es fine, wenn man mich kritisiert, und das war mir auch vor dem Video bereits bewusst. Das geht bei so was nicht anders.

Gibt es etwas bei dem Presse-Video, das du im Nachhinein anders machen würdest?

Egal ob solche Videos, Kolumne, Musik, Unterhaltung oder Informatik-Projekte, es gibt später immer Sachen, die ich anders machen würde. Man entwickelt sich sonst nicht weiter. Ich bin ja nicht der Übertyp mit dem einzig wahren Ansatz, sondern nehme so viel Zeitaufwand, Stress und neue mächtige Feinde in Kauf, weil ich meinen Teil zu konstruktiven Diskursen beitragen möchte. Ich bin sehr dankbar, dass dieses Video so viel ausgelöst hat.