Einberufungslotterie für den Vietnamkrieg im Dezember 1969.
Foto: AFP

BerlinAuch Richard Russo kann nicht erklären, wie es mit Amerika so weit kommen konnte. „Jenseits der Erwartungen“ liefert aber Anhaltspunkte. Vor allem jedoch erzählt er von Zufällen und Entscheidungen, die im Roman mehr als vierzig Jahre zurückliegen.

Früh im Buch wird eine beklemmende Szene vom 1. Dezember 1969 geschildert, das unfassbare Drama einer Männergeneration. Eine im Fernsehen ausgestrahlte Einberufungslotterie legt die Reihenfolge fest, in der die 18- bis 25-Jährigen für den Krieg in Vietnam eingezogen werden sollen. 366 Kugeln für jeden möglichen Tag des Jahres. Wessen Geburtstag früh genannt wird, hat nicht mehr viel Zeit.

Micks Geburtstag wird an neunter Stelle gezogen, das ist nicht gut. Lincoln kommt mit der Losnummer 189 dran, „besser, aber dennoch nicht sicher genug und unmöglich, damit zu planen“. Teddys Datum steht an 322. Stelle. „Er war noch einmal davongekommen. Als er die Hand ausstreckte, um den Fernseher auszumachen, bemerkte er, dass er zitterte.“ Drei Freunde, durch ihre Nummern unterschiedlichen Schicksalen zugeteilt. Wie sehr es die Nummer ihres Lebens sein wird, ist zunächst kaum zu ermessen, zumal gleich klar ist, dass sie alle drei überlebt haben.

Im September 2015 treffen sie sich auf der Insel Martha’s Vineyard, wo Lincoln ein Ferienhaus hat. Lincoln ist Immobilienmakler in Las Vegas, der Finanzcrash 2008 hat ihn gebeutelt, aber nicht ruiniert (vor allem muss er jetzt seinen erwachsenen Kindern unter die Arme greifen). Teddy verlegt religiöse Bücher in Syracuse, Mick macht Musik in Cape Cod.

Zufälle und Entscheidungen: In der Jetztzeit des Romans bahnt sich der Wahlkampf für die Nachfolge Barack Obamas an. Der Name Trump fällt, aber auch Lincoln, dem Republikaner unter den drei Freunden, erscheint das undenkbar. Der stramm rechte Nachbar auf Martha’s Vineyard hat ein Trump-Schild im Garten. „Lincoln deutete auf das Schild … ,Aber den würden Sie trotzdem nicht wählen, oder?‘ Troyer schnaubte abfällig. ,Ne. Das ist nur dazu da, um die Leute zu ärgern.‘ Doch dann hob er die Schultern. ,Andererseits, wenn er nominiert wird, warum nicht?‘ Lincoln spürte einen Schauder, aber er riss sich zusammen.“ Die Spaltung ist in vollem Gange, immer wieder schlägt Unsicherheit in Aggression um.

In dieser subtil vermittelten Atmosphäre verwickelt Russo die drei inzwischen 66-Jährigen in eine spannende Geschichte von großem Facettenreichtum. 1971, am Ende ihrer College-Zeit, waren sie schon einmal zusammen auf der Insel, damals mit Jacy, der hinreißenden Elitestudentin, in die sie alle drei verliebt waren. Verliebt sind. Am Ende des damaligen Aufenthalts ist sie spurlos verschwunden. 44 Jahre später kommt die unvollendete Vergangenheit wieder hoch. Russo weiß Fährten für einen Kriminalfall zu legen, einschließlich eines abgewrackten Ex-Polizisten, dessen Interesse am ungeklärten Vermisstenfall neu zu entflammen scheint. Seltsamer Typ.

Gewidmet ist das Buch „jenen, deren Namen an der Mauer stehen“, den in Vietnam gefallenen US-Soldaten. Russo, seinerseits Jahrgang 1949, hätte ebenfalls dabei sein können. Mick überlegt damals, sich nach Kanada abzusetzen. Sein Vater, der den Krieg nicht weniger verabscheut als er, macht ihm klar, dass dann ein anderer für ihn eingezogen werden wird. Was auch immer man tut, hat Folgen, und die Verstrickungen sind immens. Russo präsentiert sie mit Perspektivwechseln und eleganten Übergängen zu den Rückblenden und wieder aus ihnen heraus so perfekt, dass das Fehlerhafte des Lebens und die Makellosigkeit eines gut gebauten Romans in einen geradezu irritierenden Gegensatz geraten. Die Übersetzung von Monika Köpfer kann die Originalsprache nicht ganz vergessen machen, überzeugt aber mit geschmeidigen Dialogen und mit dem nachvollziehbaren Wortschatz von Mittsechzigern.

Es geht um Zufälle und Entscheidungen, um Gewalt gegen Frauen, Rassismus, Wut gegen andere politische oder gesellschaftliche Haltungen. Darunter auch Phänomene, die heute allgegenwärtig wirken: Der Wunsch nach Übersichtlichkeit und Eindeutigkeit. Ein unerfüllbarer Wunsch, wie Russo klarmacht. Dass Teddy, Lincoln und Mick mit Ambivalenzen leben können, macht sie zu Vertretern eines geradezu gestrigen Amerikas. Dabei scheinen im Roman noch Versöhnung und Entspannung möglich. Es war ein irrer Zufall, aber auch die Folge von Entscheidungen, wie die Wahl 2016 dann endete. Lincoln denkt zwischendurch darüber nach, dass er Hillary Clinton wohl niemals wird seine Stimme geben können.

Das Buch 

Richard Russo:
„Jenseits der Erwartungen“.
Roman.
Aus dem Englischen
von Monika Köpfer.
Dumont, Köln 2020.
430 S., 22 Euro.