Der einst weit über die Grenzen der DDR hinaus gefeierte Harry Kupfer war zwischen 1981 und 2002 Chefregisseur der Komischen Oper. Bis heute hat der gebürtige Berliner über 200 Inszenierungen im In- und Ausland herausgebracht. Er beherrscht das Genre der Barockoper ebenso wie zeitgenössische Werke oder das Musical. Bei den Salzburger Festspielen inszeniert er nun „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss. In dieser „Komödie für Musik“ vergnügt sich die Marschallin, eine von ihrem Gatten vernachlässigte Adelige, mit ihrem viel jüngeren Liebhaber Octavian, der sich aber bald in die gleichaltrige Bürgerliche Sophie verliebt, die mit einem ungehobelten Baron zwangsverheiratet werden soll. Im Walzertakt vergeht ihnen allen die Zeit viel zu schnell: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein.“

Herr Kupfer, hat der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, an den in diesem Jahr landauf, landab erinnert wird, Einfluss auf Ihre Inszenierung von Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“, der 1911 in Dresden uraufgeführt wurde?

Indirekt ist dieser Einfluss tatsächlich zu spüren, weil wir die Oper nicht, wie es im Libretto steht, im Wien der Kaiserin Maria Theresia um 1740 spielen, sondern zum Ende der Habsburger Monarchie am Anfang des 20. Jahrhunderts – also in der Entstehungszeit des Stücks. Da war die Zeitenwende schon in jeder Hinsicht spürbar, denken Sie etwa an die 1897 gegründete Secession um Künstler wie Gustav Klimt. Der Hauptgrund für unsere Verschiebung ist allerdings die Musik. Denn in der Epoche Maria Theresias gab es noch gar keinen Walzer. Aber der „Rosenkavalier“ wird von vorn bis hinten vom Walzer bestimmt! Deshalb ist die Zeit, die wir wählen, musikalisch die richtige.

Und der Baron Ochs von Lerchenau, ein derber Macho und Großkotz, tritt als alter Kaiser Franz Joseph I. auf?

Nein, gar nicht, solchen Schwachsinn mache ich nicht. Natürlich müssen die gesellschaftlichen Relationen stimmen, also muss es das Kaisertum noch geben. Aber die Zeit hat sich verändert, was man an den Frauencharakteren am stärksten merkt. Die Marschallin, die nach den damaligen Konventionen in ihre Ehe hineinkommandiert worden ist und sich nicht hat wehren können, bleibt ganz der alten Zeit verhaftet. Sie widersetzt sich höchstens mit heimlichen Liebschaften, muss jedoch bei der eventuellen Aufdeckung einen gesellschaftlichen Skandal befürchten. Die junge, bürgerliche Sophie hingegen ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie wehrt sich erfolgreich gegen die Zwangsverheiratung mit dem Baron von Lerchenau und gegen eine Zukunft wie die der Marschallin. In der Weise, wie sich die Figuren hier entscheiden, in ihrer Liebesfähigkeit und in ihrem Verhältnis zueinander, öffnen sie die Tür zu einer neuen Zeit.

Kaum eine Oper leidet so unter einem theatralischen Zuckerguss aus Sentimentalität, Nostalgie und Kitsch wie der „Rosenkavalier“, oder?

Ja, genau, deshalb müssen die Puderperücken auch weg – damit sich das menschliche Gesicht wieder zeigen kann und damit die Konflikte deutlich werden. Denn die sind zeitlos: Wie geht es Frauen, wenn sie älter werden und in einer Männergesellschaft weder als vernunftbegabte Individuen noch als sexuelle Wesen wahrgenommen werden? Was passiert, wenn sie sich ihre Wertschätzung durch einen jungen Liebhaber holen wollen? Dass da Gedanken über Alter und Vergänglichkeit, Leben und Tod aufkommen, macht ja den Reiz dieses wunderbaren Stücks aus.