Elisabeth Trissenaar liebt das Schiller-Theater bis heute, begannen doch sie und ihr Mann Hans Neuenfels hier 1981 ihre Berliner Zeit. Sie wohnen ganz in der Nähe und sind froh, einen neuen Fußweg entdeckt zu haben, der die Verbindung zwischen Berufs- und Privatleben noch verkürzt. Keine Zeit vertrödeln, sagt sie, hier gilt’s der Kunst, und nimmt zum Gespräch auch nur einen Espresso.

Frau Trissenaar, Sie sind eine Schauspielerin mit ausgeprägter Vorliebe für das Musiktheater. Sie spielten etwa den Frosch in der „Fledermaus“ bei den Salzburger Festspielen oder den Narren in Aribert Reimanns „Lear“ an der Komischen Oper. Wie schaffen Sie das?

Das ist für mich gar nichts Ungewöhnliches, es ist doch alles Theater. Ich habe schon in meinem dritten Berufsjahr in Krefeld „Die öffentliche Meinung“ in Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ gespielt und später mehrfach in „Kiss me, Kate“. Schauen Sie, ich habe in Wien acht Jahre lang Klavier gelernt, dann den Deckel zugemacht und bin auf die Schauspielschule gegangen. Ich habe nie wieder ein Klavier angerührt. Aber ich versuche immer, in der Sprache die Musik zu finden, und in der Musik die Sprache.

Im Grunde Ihres Herzens wären Sie nicht gern Sängerin geworden?

Oh doch - aber nicht lieber als Schauspielerin! Auch wenn ich deshalb nie den Octavian im „Rosenkavalier“ und Bizets Carmen habe singen können! Die hätten mir gefallen und stimmlich gelegen, ich habe einen tiefen Alt.

Beneiden Sie Ihre Sängerkollegen heute doch ein wenig?

Überhaupt nicht, Sänger sind nicht zu beneiden. Denn sie müssen ihr ganzes Leben nach ihrem Beruf ausrichten – noch mehr als wir Schauspieler. Ich kann auch mit ein bisschen Kratzen im Hals auftreten, habe sogar schon mit 39°C Fieber gespielt – 1973 die Premiere von „Hedda Gabler“ in Frankfurt. Die war halt nicht zu verschieben. Aber ich konnte mit der Situation und meiner Physis umgehen. Sänger dagegen sind immer ihrer Stimme untertan, sie sind einfach „ganz Stimme“. Jede kleine Entzündung kann da zur Katastrophe werden.

Sie haben auch immer wieder in Schauspielinszenierungen gesungen, etwa in „Franziska“ von Frank Wedekind?

Ja, da waren viele Lieder drin – und deswegen war ich schon morgens nervös und versuchte mit Übungen zu prüfen, wie sich die Stimme denn heute anfühlt. Das war kein Honiglecken! Wir Schauspieler müssen natürlich auch pfleglich mit uns umgehen, aber wir haben eine ganz andere Stimmtechnik als die Sänger.

Sie spielen nun den Haushofmeister in „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss. Wie kommen Sie mit einer so kleinen Rolle zurecht?

Damit habe ich absolut kein Problem. Die Rolle ist zwar nicht groß, aber sie ist wichtig. Außerdem ist „Ariadne“ ein ausgemachtes Ensemble-Stück, da haben alle ihre Wertigkeit.

Sie haben nicht das Gefühl, sich mit einer Chargenrolle begnügen zu müssen, die nur aus ein, zwei groben Charakterzügen besteht?

Nein, ganz und gar nicht! Ich hoffe doch, dass ich den Haushofmeister auch nicht so spiele. Er ist schließlich der Katalysator des Geschehens, er setzt mit seinen Anordnungen erst alles in Bewegung.

Eigentlich ist der Haushofmeister für einen Mann geschrieben.

Ja, er ist ein Mann, zeichnet sich jedoch nicht unbedingt durch demonstrativ männliches Gehabe aus.

Vielleicht gab ihm Strauss deshalb manchmal eine Musik, die wie ironisch bei sich selbst aus „Also sprach Zarathustra“ geklaut klingt?

Der Haushofmeister kündigt aber auch wirklich eine Tragödie an, indem er den Befehl seines neureichen „Gnädigen Herrn“ weitergibt, bei einer Soirée in dessen Palais zwei Stücke – eine ernste und eine lustige Oper - gleichzeitig aufzuführen, damit sie schneller über die Bühne gehen.

Er ist also mehr der Zeremonienmeister des Werks und nicht nur der Haushofmeister des Prologs?

Es ist ein großes Geheimnis um ihn. Vielleicht ist es der gnädige Herr selbst? Denn der taucht ja nie auf. Insofern finde ich es gut, wenn der Haushofmeister, von einer Frau gespielt, vielleicht mehr Magie hat und etwas Mysteriöses in die Aufführung bringt - und nicht nur plumpen Humor oder derbe Gschaftlhuberei.

Ist es für Sie als gebürtige Wienerin von Bedeutung, dass „Ariadne“ in Wien stattfindet?

Ich werde mich wohl kaum beherrschen können und ab und an etwas durchklingen lassen, damit man hört, wo der Schauplatz ist. Hofmannsthal hat ja raffiniert mit den verschiedenen sprachlichen Ausdrucksmitteln, die man zum Teil bis in die Zeit Maria Theresias zurückverfolgen kann, jongliert.

Der Haushofmeister spricht auch über den Zusammenhang von Lohn und Brot, Kunst und Geld. Hat ihm der Regisseur Hans Neuenfels noch ein paar aktuelle kulturtheoretische Erläuterungen in den Mund gelegt?

Aber nein, das hätte nicht funktioniert, es ist ja keine Operette. Bei Strauss sind auch Hofmannsthals Sprechtexte unmerklich, doch konsequent in die Musik eingebettet. Sie stehen im Zusammenhang des gesamten rhythmischen Gefüges. Es wird gesungen und musiziert - und die Antwort ist manchmal eben die gesprochene Sprache. Sie ist eingebunden und reguliert, da kann man nicht frei artikulieren, ergänzen, extemporieren.

Sie haben oft in Produktionen Ihres Mannes Hans Neuenfels gespielt. Ist das immer noch kein Problem für ihn und Sie?

Nein, denn wir trennen Arbeit und Privatleben ganz entschieden. Das haben wir immer so gemacht. Diese Methode muss gut sein, sonst hätten wir nicht fünfzig Jahre gemeinsamer Arbeit ausgehalten.

Die Fragen stellte Irene Bazinger.

Ariadne auf Naxos:Staatsoper im Schiller-Theater, Premiere So, 14. Juni, 19.30 Uhr; weitere Aufführungen am 17., 20., 22., 25. und 27. Juni; Tel.: 20 35 45 55