Radweg am Potsdamer Platz.
Foto: Markus Wächter

BerlinSie fuhr so ein Hollandrad, auf dem man mit geradem Rücken thront und den Blick weit in die Ferne richten kann. Unsereiner hängt ja oft eher so fragezeichenartig über dem Lenker, als wüsste man alles Mögliche im Leben nicht so genau. Nicht so sie. Die hennagefärbten Haare flogen im Wind, schräg über den Rücken hatte sie ihre Yogamatte geschnallt, es ging zum Sport am hellen, sonnigen Morgen, die Welt stimmte für sie, das sah man von weitem.

Dann aber erblickte sie mich und nicht nur ihre Augen, sondern ihre ganze Haltung verengte sich. Denn ich kam ihr, selbst Rad fahrend, auf dem Fahrradweg entgegen. Sie trat sichtbar heftiger in die Pedale, schoss auf mich zu, dem Pfeil ihres Blickes folgte ein Kometenschweif an Verachtung. „Falsche Richtung!“, zischte sie auf den Gehweg hinüber, auf den ich mich gerettet hatte, als mich ihr Fahrtwind erfasst. „Nein, Liebe“, rief ich da und wunderte mich selbst über meine geradezu sonntägliche Nachgiebigkeit mitten in der Woche und unter diesen Umständen. „Sie sind es, die auf der falschen Seite fahren!“

Und das stimmte. Dass ich im Recht war, war Zufall, der Weg zur Arbeit führt nun einmal rechts zur Tür hinaus. Und sie, die yogagefestigte Walküre, achtet vermutlich immer peinlich darauf, dass sie auf dem richtigen Weg ist, dem Weg der Gerechten, der Selbstgerechten, von dem aus man richtet und nicht gerichtet wird. Aber diesmal hatte sie sich vertan. Ich stellte mir genüsslich vor, wie ihr spätestens auf der Höhe der nächsten Querstraße ihr Irrtum dämmern würde.

Und fragte mich wieder einmal, welche seelischen Wunden bei Menschen eigentlich getriggert werden, wenn sie andere Menschen im vielleicht mal etwas freieren Umgang mit der Straßenverkehrsordnung, aber meist doch friedlich Rad fahren sehen. Dass es auch Zweiradraser gibt, ist ja kein Grund für allergische Überreaktionen wie sie auch die Freundin meiner Tochter neulich erlebte.

Ein durch und durch freundliches 16-jähriges Mädchen, das zudem auf der akkurat rechtsverkehrgemäß richtigen Seite ihrer Wege rollte, als sie ein Mann mittleren Alters, der ihr auf dem Gehweg entgegenkam, wie sie später noch immer zitternd berichtete, mit einem lauten „Buh!“ und angreifender Körperhaltung aus dem Konzept brachte. Sie stürzte, schlug sich das Knie auf und fühlte sich auch mental verletzt. Der Mann war weitergegangen, zufrieden vermutlich, wer weiß. Wir haben geraten, Anzeige zu erstatten, vielleicht macht er das um die Ecke gleich mit dem nächsten Mädchen wieder. Aber von Strafverfolgung hat sie gerade genug.

Wenige Wochen vorher hatte sie nämlich als Fußgängerin folgenden Fall beobachtet: Ein Mann kam mit einer Teppichrolle aus seinem Auto und wollte in einen Hauseingang, während ein anderer Mann auf dem Gehweg sein Fahrrad vorbeischob. Als der Fahrradschieber auf der Höhe des Teppichhalters war, drehte sich dieser einmal heftig zur Seite, sodass dem Schiebenden die Teppichrolle an den Kopf knallte. Dann ging er ungerührt ins Haus, während die Freundin meiner Tochter die Polizei rief, weil der Getroffene zusammengesackt auf dem Boden lag. Andere Menschen sammelten sich, auch ein Arzt wurde gerufen. Das Mädchen sagte als Zeugin aus und ging Tage später mit Beamten von Tür zu Tür in diesem Haus, erkannte den Täter aber nicht wieder. Das heißt, sie hatte einen Verdacht. Aber aus Furcht, jemand Falschen zu beschuldigen, sagte sie lieber nichts.