BerlinMit seinem Hüftschwung und Hits wie „Livin’ La Vida Loca“ wurde Ricky Martin weltberühmt. Doch nicht nur als Sänger sorgt der 48-Jährige für Aufsehen, seit seiner Jugend tritt er immer wieder auch als Schauspieler in Erscheinung. Schlagzeilenträchtig ist auch sein Privatleben: Vier Kinder zieht der Latino-Star gemeinsam mit seinem Ehemann, dem schwedischen Künstler Jwan Yosef, groß. Anlässlich des charmanten Weihnachtsfilms „Jingle Jangle Journey“, der ab dem 13. November bei Netflix zu sehen ist, führten wir mit dem Wahlkalifornier ein Videotelefonat.

Berliner Zeitung: Mr. Martin, Sie spielen in „Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten“ ein ziemlich durchtriebenes, zum Leben erwecktes Spielzeug namens Don Juan Diego. Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?

Ricky Martin: Die wichtigste Inspiration war für mich auf jeden Fall die quirlige Energie dieser skrupellosen Puppe. Und weil ich Latino bin, kenne ich mich mit Energie und Quirligkeit natürlich bestens aus. Da musste ich einfach nur anzapfen, was sowieso in mir steckt. Ansonsten war das Wichtigste natürlich das Drehbuch. Ich habe wochenlang zu Hause meinen Text laut vor mich hergesprochen. Meine Kinder dachten wirklich irgendwann, ihr Papa wäre verrückt geworden.

Wenn Ihre Kinder nun den fertigen Film sehen, werden sie ihren Vater allerdings kaum erkennen. Nicht nur wurden Sie optisch am Computer in dieses Spielzeug verwandelt. Sie sprechen noch nicht einmal mit Ihrem echten Akzent.

Das stimmt, wir wollten, dass Don Juan Diego einen deutlich stärkeren Akzent hat als ich heutzutage (lacht). Anfangs haben wir es mit einem kastilischen Akzent versucht, aber letztlich entschieden wir uns für eine eher kolumbianische Herkunft. Sieben oder acht Wochen lang nur an der Sprache zu feilen, das fand ich unglaublich spannend. Ohnehin war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur David Talbert großartig. Er ließ mir nicht nur unglaublich viele Freiheiten, sondern ermutigte mich sogar regelmäßig, noch ein bisschen böser und machiavellistischer zu werden. „Ich weiß, du bist ein netter Kerl, Ricky, aber sei mal so richtig fies“, sagte er immer. Mir hat die Arbeit wirklich sehr viel Spaß gemacht und ich würde so etwas gerne öfter erleben.

Der Trailer zum Weihnachtsfilm.

Video: YouTube

Warum stehen Sie denn nicht öfter als Schauspieler vor der Kamera?

Eigentlich war genau das immer mein Plan. Meine Karriere begann ja mit zwölf Jahren in einer Boyband, aber als 15-Jähriger stand ich dann zum ersten Mal als Schauspieler vor einer Kamera und war sofort Feuer und Flamme. Ich war fest davon überzeugt, dass ich nichts anderes mehr in meinem Leben bräuchte und bewarb mich sobald ich konnte in New York an der legendären Tisch School of the Arts. Und ich wurde sogar für ein Schauspielstudium angenommen.

Aber dann kam alles anders?

Na ja, ich konnte nicht widerstehen, als man mir in Mexiko eine Musical-Hauptrolle anbot. Und vor allem bekam ich meinen ersten Solo-Plattenvertrag. Plötzlich spielte doch wieder die Musik die Hauptrolle in meinem Leben, ich gewann Grammys, hatte Hits und ging auf Tour. Das wurde alles viel größer, als ich es mir je erträumt hätte, und natürlich blieb daneben lange Zeit kein Raum für etwas anderes. Und ich bereue keinen Moment. Aber jetzt bin ich 48 Jahre alt, habe tolle Schauspiellehrer und investiere viel Zeit darin, als Schauspieler immer besser zu werden. Denn es ist ja nie zu spät, neue Karrierewege einzuschlagen. Ich kann doch spielen, bis ich 80 bin und graue Haare habe. Zumindest hoffe ich sehr, dass noch einige tolle Rollen meinen Weg kreuzen werden.

Foto: Imago Images
Ricky Martin und sein Mann Jwan Yosef 2019 in Los Angeles.

Erstmals als Schauspieler für Aufsehen sorgten Sie als Lebensgefährte von Gianni Versace in der Serie „American Crime Story: The Assassination of Gianni Versace“ ...

Die Rolle war damals eine unglaublich wichtige Erfahrung für mich. Mit Édgar Ramírez und Penélope Cruz vor der Kamera zu stehen und mit Ryan Murphy zusammenzuarbeiten – das hat mich enorm wachsen lassen. Ich hatte vorher auch schon am Broadway auf der Bühne gestanden und in Seifenopern mitgespielt. Aber dass die Schauspielerei eben nicht nur ein Spiel und ein Hobby ist, das habe ich zum ersten Mal so dringlich bei „The Assassination of Gianni Versace“ gespürt. Wenn man von einem so großen Team und so tollen Künstlern umgeben ist, dann beginnt in dem Moment, wo man „Action“ hört, eine große Verantwortung.

Ein Film wie „Jingle Jangle Journey“ ist doch aber in erster Linie ein harmloser Spaß, oder nicht?

Einerseits ja, andererseits ist der Film viel mehr als das. Schon allein weil sämtliche Figuren in dieser Geschichte von nicht-weißen Schauspielern gespielt werden, obwohl sie im 19. Jahrhundert spielt. So etwas sieht man ja sonst eigentlich nie. Abgesehen davon steckt der Film voller wunderbarer Botschaften, über zweite Chancen, den Zauber des Lebens und familiären Zusammenhalt. Für mich hat er das Zeug zum Weihnachtsklassiker. Und gerade in diesem Jahr kommt er genau zur richtigen Zeit.

Zur Person

Seine Karriere begann Ricky Martin, geboren am 24. Dezember 1971 in Puerto Rico, als Kind mit Werbespots, bevor er als Zwölfjähriger Mitglied der populären Boyband Menudo wurde. Bereits 1991 veröffentlichte er sein erstes spanischsprachiges Soloalbum, einige Jahre später eroberte er mit Hits wie „Maria“, „The Cup of Life“ oder „Livin’ La Vida Loca“ die ganze Welt.

Die vergangenen fünf Jahre konzentrierte sich Martin, der seit 2017 mit dem syrisch-schwedischen Künstler Jwan Yosef verheiratet und Vater von vier Kindern ist, auf Herausforderungen jenseits der Musik. Er wirkte als Coach bei TV-Shows wie „The Voice Australia“ mit und wurde für seine Rolle in der Serie „American Crime Story: The Assassination of Gianni Versace“ für den Emmy nominiert.

Sie meinen, weil wir in Corona-Zeiten Positives auch auf dem Bildschirm brauchen?

Ja, genau. Denn womit begegnet man Verunsicherung und Angst besser als mit einer Geschichte über Liebe und Familie?

Wie ergeht es denn Ihrer Familie dieser Tage?

Der Alltag ist natürlich nicht ohne, schließlich durchleben wir alle gerade Emotionen und Sorgen, die ich vorher gar nicht kannte. Im Moment mache ich es jeden Morgen zu meiner Priorität, mich nach dem Aufstehen und bevor meine Kinder wach werden auf die Stille zu konzentrieren. Ich muss mit Gott in Kontakt treten, bevor meine Gedanken wieder in meinem Kopf den Ton angeben. Diese kurzen Momente der Besinnung und Spiritualität geben mir die Kraft für den Rest des Tages. Was wichtig ist, denn mehr denn je habe ich aktuell das Gefühl, dass meine Kinder morgens als Erstes versuchen, meine Stimmung abzulesen und entsprechend dem Tag begegnen.

Eine letzte Frage zu den bevorstehenden Feiertagen: Was verbinden Sie mit Weihnachten?

Bei uns in Puerto Rico war Weihnachten immer sehr laut. Da geht mit uns das Inseltemperament durch, und statt Weihnachtlieder zu singen, tanzen wir lieber zu karibischen Klängen. Das hat mehr mit Karneval als mit Besinnlichkeit zu tun. Aber einmal in meinem Leben habe ich auch weiße Weihnachten erlebt. Da bin ich für meinen Geburtstag, der am 24. Dezember ist, nach New York geflogen, und dort hat es in der Nacht zum 25. geschneit. Das war ein Erlebnis, das ich tatsächlich nie vergessen werde.