Glaube, so heißt es, könne Berge versetzten. Und Kunst, so glauben ihre Macher und Ermöglicher, kann helfen, dass das große Deutschland und das kleine baltische Lettland – ergo die Mitte Europas und der nordöstliche Rand – der derzeit so angezweifelten und von den Briten gar verlassene EU besser verstehen. Dass endlich Gemeinsamkeiten über Unterschiede gestellt werden.

Noch nie war in Lettland ein derartiges Aufgebot an deutscher Kunst der Jetztzeit zu sehen. Die Premiere heißt „Gara Radinieki“, beleiht Goethes „Wahlverwandtschaften“ und zeigt in westlichen wie östlichen Atelier entstandene Werke seit den späten Sechzigern bis heute: Malerei vor allem, Skulpturen, Fotos, Videos.

Die Namen der 53 Künstler unter 77 Werken lesen sich fast als Who is Who der „German Art“ – etwa von Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Gerhard Richter, Sigmar Polke, A.R.Penck, Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Willi Sitte über Martin Kippenberger, Rainer Fetting, Albert Oehlen, Markus Lüpertz, zu Katharina Grosse, Christiane Möbus, Sabine Hornig, Jonathan Meese, Neo Rauch, Norbert Bisky, Jorinde Voigt, Alija Kwade Andreas Gursky, Thomas Struth, Rosemarie Trockel, Marcel Odenbach, Julian Rosefeldt usw.

Folkloristische Prägung

Vor allem großformatige Gemälde füllen die Säle der Kunsthalle Arsenale, das einst im russisch-neuklassizistischen Militärstil erbauten Zeughaus. Der Bau dient als Erweiterung des bombastisch sanierten Lettischen Nationalmuseums für Kunst, das der deutsche Architekt Wilhelm Neumann 1905 erbaute. In der ersten Etage ist moderne Kunst Lettlands seit 1945 zu sehen, weitgehend von Realismus, Neoexpressionismus und folkloristischen Einflüssen geprägt. Aber anders als seit der Unabhängigkeit 1990 gibt es nun keine Trennung mehr zwischen sowjetrussischen, nachwende-russischen und lettischen Werken. Man will so eine neue – betont europäisch gesinnte – Nationalidentität symbolisieren.

Die Ausstellungsorte liegen nahe beieinander, so dass der Besucher rasch feststellt, wie sehr die lettische Kunst noch von nationalen Themen, von Folklore geprägt ist und wie stark die deutsche von Stilen der westlichen Avantgarde. Dass beim Gastspiel die Malerei überwiegt, hatten sich die Rigaer Partner vom Kurator Mark Gisbourne, einem in Berlin lebenden Briten, gewünscht. Schon, um an Sehgewohnheiten des lettischen Publikums anzuknüpfen, das in den einstigen Militärhallen mit einem sinnfälligen Konzept an die Reflexionen, Maximen, Statements aus Berlin, Düsseldorf, München, Hamburg, Leipzig, Halle herangeführt werden soll.

Vier Kapitel erzählen ein ambivalentes Kapitel neuerer deutsch-deutscher Kunst: Figuren, Landschaften, realistische wie abstrakte Zeichen aus dem ehemals geteilten Land. Es geht um Expression, Imagination und Subjektivität, um Geschichte und Geschichten. Um Abstraktion und Konzeption , um Präsentation und Kritik.

Gisbourne will „intensive Wirkung erreichen, einen anregenden visuellen und intellektuellen Inhalt“ vermitteln. Die Leihgaben kommen meist aus deutschen Privatsammlungen. Ermöglicht wurden die Schau von Forta Medical, einer Hospitalbau-Firma in Riga. Über die Euro-Summe schweigt der Sponsor diskret. Das Projekt ist aufwendig: Die Hallenzwischenwände mussten wegen der Großformate bis zur Decke gezogen, die Beleuchtung neu installiert, der Katalog finanziert werden.

Das lettische Publikum scheint es nicht zu stören, dass die Bilder sich förmlich bedrängen. Es steht lange vor Baselitz’ „Fingermalerein“, 1972, Birken, die verkehrt herum wachsen. Es amüsiert sich vor Kippenbergers ironischem „4. Preis“ und Polkes konsumkritischem Schweineschnitzel-Gemälde „Lummerbraten“. Junge Rigaer, die vor Jahren Berlin besuchten, zeigen begeistert auf Bettina Pousttchis Nacht-Foto vom (längst verschwundenen)Palast der Republik und stehen lebhaft debattierend vor Norbert Biskys „Übergepäck“, 2008, in dem der ostdeutsche Maler das Verschwinden seines Landes DDR 1990 und die Erfahrung mit Terrorismus in der Welt von heute verarbeitet.

Keine deutsche Schwermut

Neugier auf diese Auswahl an deutscher Kunst ist in der 700.000-Einwohnerstadt Riga, gegründet 1201 von dem Bremer Bischof Buxhoeveden, zu spüren. Es ist nicht auszumachen, wer im Publikum lettisch und wer russischer Nationalität, wer sich grün oder auch nicht ist. Nun: „Der Fremde sieht nur, was er weiß.“ Auch der Satz stammt von Goethe. Man ist von der malerischen Hanse-Altstadt mit ihren nationalromantischen Jugendstilfassaden angetan. Weiter draußen haben die Häuser postsozialistische, marode Fassaden. Aber Riga hat viel vor, was noch enger an Westeuropa anschließt: Auf dem Gelände der Hanse City soll ab 2018 ein Haus für junge Kunst entstehen, bauen wird der schwarzafrikanische Brite und Stararchitekt David Adjaye, zusammen mit jungen lettischen Kollegen.

Zukunftsmusik. Um bei Goethe zu bleiben, werden die „Wahlverwandtschaften“ nun zum erweiterten Kunstbegriff. Beuys, dessen anthropomorphen Zeichnungen eine ganze Wand gewidmet ist, würde das gefallen. Die Schau ist, mit starker Bildästhetik und so gar nicht belehrend aus auf gedankliche Erweiterungen, auf Schnittstellen. Gegensätze zwischen figurativ oder abstrakt, historisch oder subjektiv, konzeptuell oder expressiv lösen sich auf. Und das Rigaer Publikum hat offensichtlich nicht den Eindruck, deutsche Kunst sei vor allem schwermütig und romantisch.

Riga, Lettisches Nationalmuseum der Kunst, Kunsthalle Arsenals. Bis 21. August. Katalog (Kerber), 40 Euro) in Lettisch, Deutsch, Englisch