Berlin - Am Dienstagabend hat Superstar-Diva Rihanna in der ausverkauften Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof das letzte Konzert ihrer „Anti“-Tournee gegeben. Der Auftritt dauerte 85 Minuten und enthielt einige Stellen, an denen Rihanna sang, insbesondere am Anfang sowie am Schluss. Auch andere Überraschungen waren enthalten.

So schon bei der Darbietung des ersten Stücks, der zu Pianoplayback gespielten Ballade „Stay“: Hierzu kam Rihanna nicht etwa auf die Bühne gehüpft, sondern schritt in einem weißen Kapuzenmantel mit einer Troddel am Hinterkopf durch das Publikum in dem der Bühne gegenüberliegenden Saalbereich hindurch, um von dort auf eine wiederum weiße Behelfsbude zu klettern, die kurz vor Beginn über dem Mischpult zusammengeklappt worden war. Der Mantel war vorne sehr lang, aber hinten recht kurz geraten, so dass man im folgenden Stück „Love the Way You Lie“ sehen konnte, dass die von Rihanna darunter getragene weiße Hose die Pobacken unbedeckt ließ, wie bei den Hosen, die Männer gern anlässlich homosexueller Gruppenfestivitäten anziehen.

Rumkrabbeln im Plexiglas-Schuber

Während des dritten Stücks „Woo“ wurde ein aus Plexiglas gebauter schwebender Schuber an die Behelfsbude gedockt, auf dem Rihanna alsdann über den Köpfen des Publikums in Richtung Bühne entschwebte und dabei pulsierende Beckenbewegungen wie bei einem von ihr dominierten Geschlechtsverkehr vollführte. Das vierte Stück hieß dann auch „Sex With Me“ und handelte davon, dass Rihanna den Sex mit ihr für außerordentlich empfehlenswert hält.

Nun krabbelte sie vermehrt auf dem Boden des Plexiglasschubers herum; sobald sie wieder stand, reckte sie dem Publikum in kreisenden Bewegungen ihren Hintern entgegen, wobei das Publikum diesen aber nicht anfassen konnte, weil Rihanna zu weit weg von ihm war.

Zum fünften Stück „Birthday Cake“ – inzwischen war etwa eine Viertelstunde vergangen – hatte Rihanna dann auch die Hauptbühne erreicht, wo sie von vier Tänzerinnen in bequemer Arbeitskleidung empfangen wurde, die dazu helmchenartige Perücken aufhatten. In einer Mulde im Bühnenboden waren nun erstmals einige Leute zu erkennen, die eventuell musizierten. Nach einer Weile wurden sie an die Oberflächte gehievt, woraufhin wiederum Rihanna im Boden verschwand, um zwei Stücke später in einem fremdenlegionärsfarbenen Body mit Kreuzstichapplikationen zurückzukehren.

90 Sekunden „Umbrella“

Die anfangs noch aufblitzende Lust am Selbersingen hatte sie unterdessen verloren, so dass ein das Stück „Run This Town“ enthaltendes Medley nun komplett aus der Konserve kam. Bei „Umbrella“ stieg Rihanna immerhin immer dort wieder ein, wo es das Wort „Umbrella“ zu singen gab; die in einem interessanten Schunkelbeat variierte Version dieses unzweifelhaft hervorragenden Hits dauerte im Konzert runde 90 Sekunden.

Es handelte sich also um einen schon durch seine innere Straffheit recht kurzweiligen Abend mit einigen interessanten Inszenierungsideen. Besonders gut haben mir die vier überdimensionierten Aufbackbrötchen gefallen, die im dritten Viertel des Abends auf der Bühne aufquollen, während Rihanna einige im weitesten Sinne dem Disco-Genre zuzurechnende Stücke wie „How Deep Is Your Love“ aufführte. Das durch seine zerschredderten Stimm-Samples und seinen Trap-Beat ungewöhnlich aktuell wirkende Stück „Needed Me“ musste dann wieder ganz ohne Rihanna auskommen. Stattdessen wurde die Bühne durch zwei Tänzer in Ganzkörperkondomen beherrscht, die akrobatische Kunststücke aufführten.

Von vielen Kritikerinnen und Kritikern wurden die Konzerte der „Anti“-Tournee als Zeugnis der künstlerischen und politischen Emanzipation von Rihanna interpretiert. Diese Deutung hat sich mir am Dienstagabend nicht durchweg erschlossen. Festzuhalten bleibt, dass Rihanna das Stück „Diamonds“ den Opfern des Münchener Amoklaufs widmete und die Zuhörer darum dazu ermunterte, die Displays ihrer Taschentelefone aufleuchten zu lassen. Über der Bühne wurden zwei Deutschlandfahnen projiziert, in denen sich etwas Nebliges drehte, während aus dem Bühnenhimmel nun unentwegt große Schaumbälle heruntertropften, die sich auf einer leicht nach vorn geneigten Rückwand verflockten.

Schlagzeuger vom Schaum verschluckt

Anschließend endete das Konzert mit dem neuen, von Rihanna im antiken Doo-Wop-Stil eingespielten Stück „Love on the Brain“ sowie mit der von einem ornamentalen Gitarrensolo eingeleiteten Powerballade „Kiss It Better“. Zu selbiger wurde Rihanna noch einmal auf einem Podest in die Höhe gefahren, wo sie nun plötzlich, von immer wieder aufflackernden Soli umzüngelt, gar nicht mehr aufhören wollte zu singen. Sie sang und sang unbeirrt so lange weiter, bis der am hinteren Bühnenrand musizierende Schlagzeuger von dem von dort weiterhin nach vorn quellenden Schaum vollständig verschluckt worden war.