Einen Abend zu Karl Marx’ „Kapital“ hat die Dokumentartheatergruppe Rimini-Protokoll schon auf die Bühne gebracht, jetzt folgt ein Projekt zu Hitlers „Mein Kampf“. Premiere ist am Nationaltheater Weimar beim Kunstfest, im Oktober eröffnet die Produktion die erste Matthias-Lilienthal-Saison an den Münchner Kammerspielen. Es geht nicht etwa um eine Dramatisierung des Hitler-Pamphlets, sondern, wie stets bei den Riminis, um eine multiperspektivische, assoziative Annäherung an das tabubelegte Thema. Ist das Buch, 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers, noch immer gefährlich? Oder ist es, ohne den Ruch des Verbotenen, einfach banal und langweilig? Daniel Wetzel, der den Abend zusammen mit Helgard Haug recherchiert hat und einrichtet, gibt Auskunft.

Herr Wetzel, warum gibt man Lebenszeit her, um sich mit Hitlers „Mein Kampf“ zu beschäftigen?

Vielen Dank für Ihr Mitgefühl, aber es war eine erfüllende Zeit. Die Probenstimmung war durchaus heiter. Das war nicht unbedingt zu erwarten, als wir anfingen uns monatelang mit diesem Scheiß zu beschäftigen. Aber im Ernst: Der Text ist auch zum Lachen.

Haben Sie beim Lesen Entdeckungen gemacht?

Na klar! Nachlesen ist sehr interessant. Wie die Propagandasprache überschnappt, sich dauernd das Manipulative selbst entlarvt. Der Verfasser schiebt da Bilder ineinander, weil er Gefühle legitimieren will, die die Logik entgrenzen − insbesondere den Hass. Es geht immer um das Kleinste im Anfang, den Geburtsort, das Erlebnis des kleinen Gefreiten, und holterdipolter landet man im Weltenplan der Starken und Schwachen, im Universum, das durch eine Unreinheit gestört erscheint...

Meine Güte!

Faszinierend ist der Widerspruch zwischen Aufklärung und Verbrechen. Es gibt das verständliche Tabu, „Mein Kampf“ nicht als Text wie jeden anderen zu behandeln. Aber besonders wir in Deutschland müssen hinschauen, also: nachlesen. Das Buch ist da, es wurde 12,5 Millionen mal gedruckt, sein Besitz wurde im Westen nie verboten, es steht in vielen Wohnungen, wenn auch eher hinten im Regal, man kann es sich antiquarisch besorgen oder in fünf Sekunden im Internet runterladen. Das ist die Realität. Und man kann ihr ins Gesicht zu schauen.

Kann man das Symbol, das dieses Buch ist, außer Acht lassen?

Sicher nicht. Das nehmen wir sehr ernst. Es geht uns nicht darum, dass jetzt Schluss sei mit Rücksicht und es in Deutschland wieder „normaler“ sein soll, so etwas wie „Mein Kampf“ auf die Bühne zu bringen. Das wäre ein Missverständnis. Aber die Mechanik rassistischen Denkens zu thematisieren ist gerade jetzt wichtig.

Haben sich NS-Opfer beschwert?

Nein. Es sind eher bestimmte Medien, die nachfragen, ob ein Skandal zu erwarten sei. Dann sagen wir Nö und hören meist nichts mehr von denen.

Wie fühlen Sie sich mit dem PR-Schub, den man automatisch bekommt, wenn man sich mit Hitler beschäftigt und dann noch mit dem tabuisierten Buch „Mein Kampf“.

Hitler-Schlagzeilen verkaufen immer, aber wir sind keine Werbeagentur. Wir glauben, wir müssen uns jetzt dieser gesellschaftshygienischen Aufgabe stellen. Man muss sich in der Pegida- und Sarrazin-Gegenwart mit dem Denken der Rechten beschäftigen. Man kann nicht nur abgrenzen und verteufeln, vom „Pack“ reden. Das ist eine Frage von Selbstvertrauen, „Mein Kampf“ zu lesen. Merkwürdig, oder? Es gibt zwei Sorgen: die Sorge, infiziert zu werden durch einen Text − natürlich immer die anderen. Und die Sorge, was denn die anderen über die Deutschen denken − die anderen, mit denen man lieber einfach gut Freund ist, ohne sich zu schämen für den Opa. Vielleicht ist es das: Wir waren es nicht, aber wir wissen auch nicht genau, wie wir gehandelt hätten, an Omas und Opas Stelle.

Ist die inhaltliche Überprüfung für einen Theaterabend nicht zu viel? Das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) arbeitet an einer Kritischen Ausgabe von „Mein Kampf“. Die 3500 Fußnoten nehmen mehr Raum ein, als Hitlers Text. Das Buch wird insgesamt auf 2000 Seiten kommen. Das können Sie nicht leisten auf der Bühne.

Wenn man „Mein Kampf“ liest, läuft man im Leim herum. Man geht Hitler nicht nur auf den Leim, sondern man muss richtig da durchwaten. Der Text kommt als autobiografischer daher. Aber das ist alles zurechtkonstruiert und wird von den IfZ-Leuten Satz für Satz demontiert. Aber ein Theaterstück funktioniert anders.

Nämlich?

Da wird gemeinsam zugehört und oft gelacht. Wir nähern uns dem Buch aus vielen Perspektiven. Wir haben Leute gesucht, die sich mit dem Text auskennen. Da spielt eine Professorin mit, die das Buch mit 14 exzerpiert hat. Und dann hat sie ihr Exzerpt den Eltern 1965 unter den Weihnachtsbaum gelegt. Da ist ein Anwalt aus Israel, der in seiner Jugend „Mein Kampf“ gelesen hat, erst als Provo-Trash, dann mit Interesse an der israelischen Verklemmtheit gegenüber dem Text. Wir haben Leute in aller Welt nach dem Buch gefragt. In manchen Ländern wird es als Success-Story verkauft, als Motivationshilfe. In Indien gibt es 33 konkurrierende Ausgaben. Und ein Teil des Erlöses fließt auch nach Gütersloh, weil Random House die Rechte für den nichtdeutschen Markt hat und Bertelsmann eine Anteilsmehrheit hält … Der Text selbst ist nur ein Baustein des Abends.

Und? Taugt „Mein Kampf“ als Propaganda-Text?

Die Geschichte hat es gezeigt. Aber er ist ein Programm für Verführer, nicht zur Verführung. Die Münchner Experten sagen: Damals gab es viel geeignetere, eingängigere antisemitische und rassistische Texte. Das Alleinstellungsmerkmal von „Mein Kampf“ war: Es war von einem Putschisten, mit dem man zu rechnen hatte.

Wenn das Buch ab 2016 wieder vertrieben werden darf, ist also nichts zu befürchten?

Das Buch fügt dem, was der Wald-und-Wiesen-Nazi in seinem Gehirn bewegt, nichts hinzu. Außerdem hat er das Buch ja schon längst. Eine vielbeschworene Tugend hierzulande ist doch: Nicht wegzuschauen.

Das Gespräch führte Ulrich Seidler.