Weil nun mal eine „ungewollte Komplizenschaft des Regisseurs mit dem latenten Totalitätsanspruch Wagners zu befürchten“ sei, teilte der damalige Stuttgarter Intendant Klaus Zehelein den „Ring“ zur Jahrtausendwende zwischen vier Regisseuren auf: jeder Einzelne wusste um das Ganze, durfte sich aber innerhalb seines Inszenierungsabschnitts absolut frei fühlen. Das Resultat war eine ziemliche Revolution auf dem Operntheater, und obwohl die Formensprache nicht unterschiedlicher hätte sein können, taten sich nicht, wie prognostiziert, erdspaltengleich Brüche auf.

Die selige Liebe

Seit damals musste man warten auf jemanden, der sich dem Stoff alleine noch einmal mit siegmundscher (nicht siegfriedscher) Unerschrockenheit näherte: die allermeisten, ausgestattet nur mit einer Allerweltsfantasie, begräbt das Werk. Umgekehrt lässt sich nach dem zweiten Bayreuther Durchlaufjahr sagen, dass Frank Castorf und Richard Wagner einander nach wie vor nichts schenken. Das geht bis zum Schluss so, als musikalisch noch einmal an jene „selige Liebe“ erinnert wird, die thematisch aus der „Walküre“ stammt, wo Sieglinde, Siegfrieds Geburt ahnend, das „hehrste Wunder“ besingt.

Wer will, darf dies als Verheißung nehmen, dann gäbe es die Aussicht auf eine Welt, die mit sich selbst ins Lot kommen könnte. Castorf aber will durchaus nicht. Während der Ring aus der Hand der Rheintöchter im Kreuzberger Hinterhof in die Flammen aus einem brennenden Ölfass wandert, wird gleichzeitig die große Fassade der Börse an der Wall Street abgefackelt. Utopien und mythische Überhöhung haben Pause, wenn sie nicht ganz obsolet geworden sind. Lediglich Hagens Todesfahrt hat einigermaßen friedlichen Charakter: wie William Blake in Jim Jarmuschs Film „Dead Man“ treibt er auf einen offenen See hinaus.

Ein wenig ambivalent bleibt Castorf also doch, und hat mit der „Ring“-Reprise im zweiten Jahr zumindest ein paar Gefangene gemacht. Tendenziell ein Fünftel der knapp 2000 Zuschauer im Festspielhaus klatschten für diese Inszenierung, der Rest buht stoisch. Kaum ist damit zu rechnen, dass, wie beim Ende des Chéreau-„Rings“ 1980, nahezu das ganze Haus sich erhebt und eine Sensationszahl von Vorhängen erzwingt. Was Castorf, der ja zum Aggressionsaufbau noch vor der Eröffnung ordentlich Feuer gelegt hatte, wahrscheinlich auch wieder nicht recht wäre. Hitze entsteht nun mal durch Reibung. Und wer es heiß haben will – bitte: hier geht’s noch mal rein in den „Ring“:

Von Anfang gab es nur eine Wahl, einlassen oder abwenden. Wem das Setting des „Rheingold“ im amerikanischen Westen an der Route 66 missfiel und die Augen schloss, brachte sich um eine Lesart, die ihresgleichen sucht: panoramatisch stiefelt sie durchs 20. Jahrhundert und rekapituliert (und parodiert) die Irrtümer, Grausamkeiten und Grotesken westlicher wie östlicher Gesellschaftssystematiken.

Was trocken klingt, führt in den geradezu wahnwitzig kühnen Bühnenkonstruktionen von Aleksandar Denic zu einer Fülle von schauspielerischen Großleistungen. Zudem etabliert Castorf ein System von Zeichen, die es in sich haben. Gleichermaßen subtil wie gewollt aufdringlich, von der Sonnencreme am Motel-Pool und Alberichs Gummiente bis zu den Buna-Werken in der „Götterdämmerung“, zieht sich eine kriminell schwarze Spur: Öl, das Gold unserer Tage.

Orts- und Zeitenwechsel betreibt Castorf mit linker Hand, wiewohl vollkommen durchreflektiert. Wo milde Hoffnung auf die kommende Generation die „Walküre“ gen Ende durchzieht, ist so etwas wie Aufbruch zu spüren: Lenin und Stalin, die im „Siegfried“ schon wieder Stein gewordene, schreckliche Geschichte am Mount Rushmore sind, symbolisieren ihn, und dann folgt systemimmanent die zweite große Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Castorf inszeniert, oft geradezu anspielungswütig, immer die eigene (Vor-)Geschichte mit, schmerzlich erkennt er, was aus den Träumen wurde, die derart determiniert wurden. Nicht bleibt übrig. Obwohl…

Nach Siegfrieds Tod geht Hagen im Video, im Wald spazieren (Unruhe im Saal). Was macht er da? Hagen spitzt die Ohren. Womöglich würde er auch gerne einmal von einem Waldvogel geführt. Wohin? Jedenfalls ist der Sänger Attila Jun mehr als ein selbstvergessener Schläger. So gehen Castorfs Konter-Pointen. Und sie sind richtig gut.

Insgesamt und namentlich über die Siegfried-Figur (Lance Ryan) verneint Castorf jedweden Erlösugs-Gedanken.Siegfried ist ein von Wotan programmierter, nur scheinbar freier Mensch (der gerne Bettler und Prostituierte zurichtet) − und taugt wenig zur Überhöhung.

Im Übrigen ist Castorfs so monomanische wie stilistisch polyvalente Interpretation vollkommen gedeckt durch Kiril Petrenkos Dirigieren. Petrenko nämlich, der nun wirklich vier Abende lang der oberste Durchleuchter des Werks gewesen ist, entfärbt die Musik im letzten Teil des Schlussaufzugs regelrecht. Das ewige Licht scheint dieser „Götterdämmerung“ nicht.

Man geht aus dieser maßstabsetzenden Produktion selbst nach fast zwanzig Stunden Dauer nur ungern heraus, und ist im Geiste noch tagelang mit ihr beschäftigt. Seitenlange Analysen wären gerechtfertigt, und ein Hauptaspekt müsste sich richten auf Petrenko als Entdecker von Wagners Kunst jenseits des „Magnetiseurs und Affresko-Malers“. Nietzsche bescheinigte ihm, „unser größter Miniaturist in der Musik“ zu sein, und fand „lauer kurze Sachen von fünf bis fünfzehn Takten, lauter Musik, die niemand kennt.“ Solche Stellen lässt Petrenko immer wieder hören. Ein Geschenk.