Ringo Starr
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Berlin - In seiner „Publikumsbeschimpfung“ stellte Peter Handke seinerzeit „Regeln für die Schauspieler“ auf, darunter: „die Beatles-Filme ansehen“ und dort speziell den Drummer der Band, der es dem jungen Dramatiker besonders angetan hatte: „In dem ersten Beatles-Film Ringo Starrs Lächeln ansehen, in dem Augenblick, da er, nachdem er von den anderen gehänselt worden ist, sich an das Schlagzeug setzt und zu trommeln beginnt.“

Es ist nur eine kurze Sequenz in „A Hard Day’s Night“, 1964 gedreht, und vermutlich war sie nicht einmal gespielt – Ringo Starr selbst sagte später, er habe einen Kater gehabt und sei deshalb schlecht gelaunt gewesen. Und doch steckt darin nahezu alles, was man über ihn wissen muss: über seine Rolle in der Band, sein Selbstverständnis als Musiker, sein Wesen.

Es beginnt damit, dass er einen Tontechniker anraunzt, der an seinen Becken rumfingert: „Leave my drums alone!“ Ja, erklärt Harrison spöttelnd, Ringo sei eben heikel mit seinem Schlagzeug: „Er kompensiert damit sein Innenleben.“ Was denn los sei, will dann auch McCartney wissen. „Ringo ist heute wieder sauer“, antwortet Harrison. „Alte Flasche“, ruft Lennon. Doch Ringo ist viel zu konzentriert, um darauf zu reagieren, er rückt mürrisch sein Schlagzeug zurecht, schiebt Lennon zur Seite, als der schon anfängt, „If I Fell“ zu spielen, greift sich die Sticks – und setzt schließlich ein. Abrupt entspannen sich seine Züge, ein seliges Lächeln erhellt sein Gesicht. Er ist bei sich, in seinem Element, im Rhythmus.

„Ich bin ein Rhythmusmensch“, sagte er kürzlich dem Zeit-Magazin. „Rhythmus ist alles für mich.“ Und sein Gespür dafür ist vielleicht nicht alles für die Beatles, aber doch essenziell: „der Funke“, wie John Lennon einmal sagte, der die Songs erst zum Scheinen brachte: „Wer weiß, wo wir alle gelandet wären ohne das, was er in den Fingern hatte.“ Im Grunde ging es ja in „A Hard Day‘s Night“ den ganzen Film über, wenn überhaupt um was, dann darum, den abhanden gekommenen Drummer wieder einzufangen (in „Help“ zwei Jahre später übrigens ebenso). Die anderen mochten über ihn witzeln, aber sie brauchten ihn.

Als er 1968, während der Aufnahmen zum „Weißen Album“, tatsächlich vorübergehend hinschmiss und Lennon, McCartney und Harrison einige Nummern ohne ihn einzuspielen versuchten, merkten sie, dass sie sich nicht richtig anhörten. Sie schickten ein Telegramm und baten „den besten Schlagzeuger der Welt“, doch bitte wieder zurückzukommen.

Anders als die mit Talent beschenkten anderen drei hat sich Ringo Starr alles hart erarbeitet. Als kränkelndes Kind mit dem Namen Richard Starkey ohne Vater im Liverpooler Hafenbezirk Dingle aufgewachsen, sah er das Schlagzeug, das ihm seine Mutter erputzte und erkellnerte, als „only way out of there“, wie er 2010 in dem Song „The Dark Side Of Liverpool” sang. Er empfand sein Tun nicht als Berufung, sondern als Job, und sein Ehrgeiz war, diesen Job gut zu machen – eine Alternative gab es für den Jungen, der mit 15 ohne Abschluss von der Schule ging, nicht. Eine Grundskepsis gegenüber allem, was seiner Ansicht nach nichts mit dem Job zu tun hat, hat er sich bis heute bewahrt. Seine oft als Unbedarftheit ausgelegte Distanziertheit gegenüber dem ganzen Wahnsinn um die Beatles, die für Unschuld gehaltene Lakonie, mit der er diesem begegnete, waren letztlich dem in seiner Kindheit in Dingle erworbenen Wissen um die Kurzlebigkeit auch von sicher geglaubten Jobs geschuldet.

Er war natürlich nicht der beste Drummer der Welt. Aber sein Eifer und die damit einhergehende Entwicklung waren bemerkenswert. Wer das trockene Geschepper auf den ersten Platten mit den rhythmisch verschleppten und kunstvoll geeierten Beats etwa auf „Ticket To Ride“, „A Day In The Life“ oder gar „Tomorrow Never Knows“ vergleicht, glaubt kaum, den gleichen Drummer zu hören. Sein sängerisches und kompositorisches Vermächtnis wird ebenfalls zu Unrecht belächelt: ein Kinderlied, das man bis heute singt („Yellow Submarine“), eine Variante des Pachelbel-Kanons, auf der Oasis später eine komplette Karriere aufbauten („Octopus’s Garden“) und das unverschämteste britische Country-Imitat diesseits von Mumford & Sons („Don’t Pass Me By“).

Auch seine weitere Karriere ist durchaus beachtlich. Mit „It Don’t Come Easy“ hatte der Beatle, dem man es am wenigsten zugetraut hatte, 1971 als erster einen Solo-Welthit. Für das Album „Ringo“, zwei Jahre später erschienen, schaffte er es erstmals, die alten Kollegen wieder zusammenzutrommeln – für Ringo, die wunderbare alte Flasche, hatten Streit und Eitelkeiten mal Pause. Immer wieder gelangen dem Drummer auf diese Weise kleine Wiedervereinigungen in wechselnden Konstellationen. Noch auf Ringo Starrs letztem, vergangenes Jahr erschienenem Album „What’s My Name“ spielte Paul McCartney Bass, während Ringo mit seiner inzwischen wohlvertrauten Stimme, die voller Dissonanzen ist und doch „voll Phlegma und Wärme“ (FAZ,) lustvoll darübercroont.

Letzten Sommer holte ihn McCartney gar für ein Set in Starrs Wahlheimat Los Angeles auf die Bühne. Man kann den Auftritt auf YouTube anschauen. Als er sich die Sticks greift und einsetzt, erhellt ein Lächeln sein Gesicht. Es ist dasselbe Lächeln, in das sich der junge Handke seinerzeit verliebte. Heute wird Ringo Starr 80 Jahre alt.