Herr Blackmore, Frau Night, lassen Sie uns mit einer naheliegenden und zugleich schwierigen Frage beginnen: Was für Musik machen Sie eigentlich mit Blackmore’s Night? Man könnte ja durchaus Folkmusik dazu sagen. Oder mittelalterlich inspirierte Musik. Oder, wenn man genau hinhört, auch Renaissancemusik

Ritchie Blackmore: Unsere Musik setzt sich aus all den von Ihnen genannten Stilrichtungen zusammen. Hinzu kommt natürlich noch ein Schuss guter alter Rock.

Candice Night: Für mich sind das bloß Schlagworte. Ich war noch nie davon überzeugt, dass Musik oder überhaupt alles, was mit kreativer Arbeit zu tun hat, in eine Schublade passt. Entscheidend ist die Freiheit im künstlerischen Schöpfungsprozess. Unsere Musik überschreitet die üblichen Genregrenzen. Anregung holen wir uns von überall her, klar, dabei spielt die Renaissance eine Rolle, auch Rock, Pop, Balladen, Tavernen- und Tanzmusik. Aber was wir dann daraus machen, ist schon einmalig, also unverwechselbar. Wissen Sie, man braucht verschiedene Gewürze, um ein schmackhaftes Essen zuzubereiten, verschiedene Farben, um einen Regenbogen zu erschaffen, verschiedene Gefühle, um ein ganzer Mensch zu sein.

Das ist ohne Zweifel so. Dennoch lässt uns das Wissen über die Herkunft des musikalischen Materials – des klanglichen Rohstoffes – besser verstehen, was wir da eigentlich hören. Wie müssen wir uns den „künstlerischen Schöpfungsprozess“ denn vorstellen? Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter: Gehen Sie in die Archive? Stellen Sie Nachforschungen an? Sie, Herr Blackmore, besitzen über 2000 CDs nur mit Renaissancemusik

Blackmore: Wenn Sie es genau wissen wollen, interessieren mich neben den bereits erwähnten Stilrichtungen auch russische und schwedische Weisen, Hirtenlieder und Balkanmusik. Und was den „klanglichen Rohstoff“ betrifft, sind hier vor allem die historischen Instrumente von Bedeutung, ich meine Drehorgeln, Dudelsäcke, Schalmeien oder Mandolinen. Solche Instrumente zu spielen, ist sehr anregend; ihr besonderer Klang bringt einen auf neue Ideen. Außerdem lese ich sehr viel über alte Instrumente, darüber, wie sie eingesetzt, aber auch hergestellt wurden. Die Arbeiten des Musikers und Musikhistorikers David Munrow sind hier sehr verdienstvoll.

Night: Wenn wir auf Tournee unterwegs sind, dann schenken uns die Fans überall CDs mit Musik aus der Region, aus der sie kommen. Auf diese Weise haben wir unseren musikalischen Horizont enorm erweitert, viel mehr, als uns das zu Hause oder in irgendwelchen Archiven gelungen wäre.

Mit anderen Worten, Sie haben sich sehr umfassend mit der Tradition beschäftigt. Es geht Ihnen aber nicht um eine historische Aufführungspraxis.

Blackmore: Das ist meiner Meinung nach ein blöder Snobismus: Immer wenn es um klassische oder alte Musik geht, entsteht diese Diskussion über die „richtige“ oder eine „ernste“ Aufführungspraxis. Glauben Sie mir, ich spiele seit über 50 Jahren Gitarre und weiß sehr wohl, was es bedeutet, mit allem Ernst Musik zu spielen.

Night: Es gibt so viele Gruppen, die mittelalterliche Musik ganz originalgetreu nachspielen, nicht nur in Deutschland. Wir finden das alles sehr anregend, wollen aber nicht auch so klingen. Wir wären dann nur eine Band unter vielen. Wir pflegen die Tradition, indem wir ihren Geist lebendig halten. Das schließt nicht aus, dass wir neue Klänge hinzufügen. Im Gegenteil, es geht gerade darum, den Menschen von heute eine viele hundert Jahre alte Musik näher zu bringen. Wir wünschen uns ein vertieftes Verständnis der Tradition und machen ein Angebot, das auch Bestandteile aus der Jetztzeit enthält, gewissermaßen einen Einstieg in die Geschichte. Nennen wir es ein pädagogisches Experiment.

Das verstehe ich und wundere mich trotzdem. Immerhin lassen Sie ja in ihren Liedern auch Feen und Zauberer vorkommen. Das ließe sich mit einigem Recht als New Age bezeichnen

Night: Ja, Fantasie ist sehr wichtig, ich verstehe das Wort jetzt im Sinne der Fantastischen, also des Mythologischen und Sagenhaften. Denken Sie nur an die schönen, sehr romantischen Bilder aus der Renaissance, die auch in unserer Zeit noch ihren Reiz haben – die geheimnisvollen Feuer auf den Bergkämmen, der dunkle Himmel mit seinen leuchtenden Sternen, die Burgen und die Jungfrauen, die mit ihrem Taschentuch dem davonreitenden Ritter hinterherwinken ... Selbstverständlich wissen wir, dass dieses Bild nicht den historischen Tatsachen entspricht. Dennoch genießen wir es.

Das führt mich geradewegs zu einer Frage, die ich Ihnen immer schon stellen wollte: Würden Sie Blackmore’s Night als ein romantisches Projekt verstehen? Ich meine damit nicht unbedingt Kitsch, sondern die historische Epoche von 1800 bis 1850, also die Romantik als ästhetische Opposition gegen die industrielle Revolution und den wissenschaftlichen Fortschritt.

Night: Ich glaube, dass unsere Musik sehr wohl eine Flucht aus der modernen Welt bietet. Die Menschen besuchen unsere Konzerte und ziehen alte Trachten an; sie kommen mit ihren Familien und gehen mit viel positiver Energie wieder nach Hause – mit einem zufriedenen Lachen in den Gesichtern und wunderbaren Erinnerungen.

Folgt aus dieser romantischen Einstellung nicht auch Ihr Engagement für den Naturschutz? Sie unterstützen den World Wildlife Fund (WWF)

Blackmore: Das stimmt. Die Natur ist sehr wichtig für uns.

Night: Wir unterstützen verschiedene Naturschutzorganisationen. Mit dem WWF arbeiten wir häufiger zusammen, wenn wir in Deutschland unterwegs sind: Von jedem verkauften Ticket spenden wir einen Euro. Das hat uns immerhin ermöglicht, auf Borneo über 6 000 Bäume anzupflanzen und damit den bedrohten Regenwäldern zu helfen. Außerdem helfen wir dort bei der Einrichtung von Schutzgebieten für Orang-Utans.

Zurück nach Europa und zu den Ritterburgen: Herr Blackmore, Sie haben früher zu Zeiten von Deep Purple ja durchaus vor großem Publikum gespielt. Jetzt konzertieren Sie vor deutlich weniger Menschen. Wenn man Ihre Konzerte besucht, herrscht in der Regel eine familiäre, beinahe intime Stimmung

Blackmore: In eine Burg passen halt nicht so viele Menschen hinein, etwa 500 bis 600. Mehr braucht es allerdings auch nicht, um mein Ego zu befriedigen – falls Sie danach gefragt haben sollten. Entscheidend ist doch die Atmosphäre, und da sind Massenveranstaltungen gar nicht gut, weil man den Kontakt zu den Menschen verliert. In diesem Zusammenhang hat die von Ihnen erwähnte Romantik noch eine andere wichtige Bedeutung: Sie meint immer auch ein Berührt-werden durch Schönheit, das heißt zum Beispiel durch die Schönheit eines Akkordes. Und das funktioniert nur bei einer gewissen Nähe zum Publikum. Ein Problem bei Großkonzerten ist, dass dort immer vier oder fünf Betrunkene rumkrakeelen und die Stimmung verderben. Ich habe nichts gegen Betrunkene, aber gegen Lärm.

Night: Unsere Konzerte fühlen sich wie eine große Familienfeier an. Das ist schon sehr intim. Wir nehmen ja auch gerne Wünsche des Publikums entgegen und spulen nicht nur unser Programm herunter. Nach den vielen Jahren in Deutschland kennt und mag man sich.

Blackmore: Und wissen Sie, was das Tollste ist: Wir spielen gerne auch in kleinen Kneipen, so wie es in Irland immer noch gute Tradition ist. Oder auf einem dieser Mittelalter-Festivals, und zwar inkognito, in irgendeiner kleinen Gasse, ohne Bühne und großes Gewese. Auf diese Weise kommt man den Menschen sehr nahe. Mich treibt ja immer noch die Idee um, dass wir die Jugend mit unserer Musik vom HipHop-Virus befreien können.

Das Gespräch führte Christian Schlüter.

Zur Deutschlandtournee ist soeben ihr neues Album „Blackmore’s Night – A Knight in York“ (Ariola/Sony Music) erschienen. Am 3. August spielt er in Berlin im Admiralspalast.