Foto aus dem Bildband „Stadt für Alle“ von Paul Hutchinson
Foto: DISTANZ Verlag/Paul Hutchinson

BerlinLichtenberg, Neukölln oder Reinickendorf – das sind die Viertel, in denen sich inzwischen die Standorte der im Stadtjargon als „Robben“ bekannten preiswerten Pritschenwagen befinden, die fast jeder aus der eigenen Umzugsbiografie kennt. Dass im angesagten Prenzlauer Berg inzwischen mit hochpreisigem Wohnraum mehr zu verdienen ist als mit solidem Gewerbe, überrascht nicht. Aber auch das Areal an der rauen Ecke von Prinzen- und Ritterstraße, das Generationen umherschweifender Neuberliner seit 1978 vertraut war, ist seit zwei Jahren Kreuzberger Geschichte.

Grund ist die stark nachgefragte Lage des Grundstücks. Um die Ecke befindet sich das in kreativen Kreisen beliebte „Aufbau“-Haus am Moritzplatz. Nicht weit entfernt liegt die Galerie König – so etwas verspricht Rendite. Nun entstehen dort Gewerbehöfe in Regal-Optik, die nicht jeden begeistern: „Auch Pandion ist kein guter Nachbar“, hieß es 2018 in einem Aufruf der Initiative „Kunstblock und beyond“, in dem vor dem „Ausverkauf Kreuzbergs“ gewarnt wurde. Kritische Stimmen befürchteten: „Die Robben gehen, die Haie kommen.“

Für wen wird der aktuelle Wohnraum gebaut?

Dokumentiert wurde auch dieser Aspekt eines rasanten Stadtwandels in „Stadt für Alle“, der neuen Publikation des 1987 geborenen Berliner Fotografen Paul Hutchinson, der klare Forderungen an die Politik hat: „Wie kann es zum Beispiel sein, dass Luxusimmobilien großflächig die Innenstadt einnehmen, wobei es auf der Hand liegt, dass vor allem Bürger aus sozial schwächeren Milieus zunehmend Unterstützung beim Finden und Finanzieren von Wohnraum brauchen?“ Wie viele Sozialwissenschaftler erkennt auch der junge Fotograf den darin enthaltenen sozialen Sprengstoff: „Ist es nicht wichtiger, in einer vermeintlich chancengleichen Bundesrepublik zumindest zu versuchen, zu verhindern, dass sich Arm und Reich voneinander entfernen? Natürlich muss mehr Wohnraum geschaffen werden – ich frage nur, für wen der aktuell gebaut wird.“

Bereits das Cover von „Stadt für Alle“ lädt dabei zu vielfältigen Assoziationen ein. Es zeigt die mächtigen Zwillingsreifen eines Baggers, unter dessen Räder man nicht kommen möchte. Unerbittlich muten die groben Stollen an und der regelmäßige Bodenkontakt hat raue Abnutzungsspuren hinterlassen. Doch Andeutungen von Schönheit werden selbst im Profanen sichtbar und unweigerlich sucht der Blick nach versteckten Zwischenräumen, nach einer Lücke in einem scheinbar hermetischem System.

Mehr als nur Anklage und Manifest

Es geht also um ein Berlin, in dem irreale Boomtown-Visionen auf starke Beharrungskräfte treffen und die Kündigung einer Kiezkneipe bürgerkriegsähnliche Zustände auslöst. Wachsendes Konfliktpotenzial erkennt Paul Hutchinson auch in dem Schöneberger Kiez, in dem er aufgewachsen ist. Dort sieht er aktuell den ortstypisch entspannten Umgang mit Stadtraum gefährdet und wird sehr konkret: Er wünscht sich „Raum, der frei bespielbar ist und Platz für Entfaltung bietet“, erinnert an „Gemeinschaft“, „Zusammenhalt“ und „Miteinander“ und fragt: „Klingt das so verklärt und utopisch für eine Stadtgesellschaft von heute? Vielleicht sollten wir unser Wertesystem befragen, wenn anonymen Investoren der Vorrang vor den Grundpfeilern kommunalen Zusammenlebens gegeben wird.“

Die in dem Band abgebildeten Visualisierungen der Investorenträume werden hart mit den Schattenseiten der Großstadt kontrastiert. Ein Versprechen wie „Südbalkone für alle“ trifft auf die triste Realität der Hinterhöfe und Sozialbauten. Dennoch ist „Stadt für Alle“ mehr als nur Anklage und Manifest: Die sowohl mit professioneller Kamera als auch mit dem Smartphone aufgenommenen Bilder zeigen auch, dass sich aufmerksames Sehen überall lohnt. So erinnern am U-Bahnsteig entstandene Aufnahmen kompositorisch an die abstrakten geometrischen Ölmalereien eines bekannten zeitgenössischen Künstlers. Dazu wirken verschiedene Motive wie beispielsweise achtlos umgestürzte Elektroroller oder absurd anmutende, auf dem Kopf stehende Miet-Fahrräder wie eine zeitgenössische Interpretation der „Vanitas“, wie sie Barockdichter Andreas Gryphius bereits 1637 treffend in seinem Sonett „Es ist alles eitel“ beschrieb: „Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein: Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein.“

Kombiniert werden die Fotografien mit kurzen textlichen Einwürfen, die mal poetisch und mal brachial das Gezeigte kommentieren und bisweilen an die „Echtheits“-Wettbewerbe der Rapper in der HipHop-Musikszene erinnern: „egal was ihr wollt / oder was da steht auf dem papier / ihr kriegt schöneberg nord / nicht raus aus mir“ steht neben der Fotografie eines Bordsteins.“

Die Baustelle als Sinnbild Berlins – ein Foto aus dem Bildband „Stadt für Alle“ von Paul Hutchinson.
Foto: DISTANZ Verlag/Paul Hutchinson

Dass allerdings Berlin seinen in den letzten drei Jahrzehnten hart erarbeiteten Ruf als glaubwürdige Kulturmetropole auf Weltniveau wegen der in diesem Band zutreffend dokumentierten Umbrüche in absehbarer Zeit verliert, steht jedoch nicht zu befürchten – nur die Wege werden länger. So ist Neukölln inzwischen eine in der Kunstszene für Galerien, Projekträume und Ateliers akzeptierte Adresse. Eine an den Friedrichshainer Szenekiez erinnernde „Bourgeois Bohemien“-Atmosphäre verbreitet sich inzwischen auch in Teilen Lichtenbergs. Und eine der interessantesten Ausstellungen des diesjährigen Kunstherbsts findet in einer ehemaligen Industriehalle in Reinickendorf statt.

Paul Hutchinson: „Stadt für Alle“, DISTANZ Verlag, 240 S., 169 Abb., 26 Euro.