Robbie Williams beim letzten X-Factor TV-Finale.
Foto: imago images / Matteo Gaudi

Berlin  Robbie Williams nascht aus einer Tüte Kräcker der Marke Weight Watchers, als er die Hotelsuite in Hamburg betritt. „Die haben nur zwei Punkte“, meint der 45-jährige Brite schmunzelnd. Seit einem halben Jahr absolviert er das Abnehmprogramm. Fit und erschlankt ist er derzeit auf Erfolgskurs mit seinem Weihnachtsalbum „The Christmas Present“, auf dem er Klassiker mit neuen Songs vermischt.

Zur Person

Mit der Boyband Take That feierte Robbie Williams in den 90er-Jahren erste große Erfolge. Aber auch nach seinem Ausstieg 1995 ging es für ihn als Solokünstler auf der Erfolgsspur weiter: Seine Tonträger wurden weltweit über 77 Millionen Mal verkauft, Singles wie „Angels“, „Let Me Entertain You“ und „Millenium“ stürmten die Charts. Viel Beachtung fand auch das Swing-Album „Swing When You’re Winning“, das unter anderem ein Duett mit Nicole Kidman enthält.

Viele Jahre
lang hatte Williams mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen. Seit 2010 ist er mit der Schauspielerin Ayda Field verheiratet, die beiden haben drei Kinder.

Mr. Williams, Sie sind Botschafter von Weight Watchers. So richtig cool klingt das nicht. Warum machen Sie das?
Ich muss zugeben, als sie mich dafür anfragten, war ich erst mal in meinen Gefühlen verletzt. Ich dachte: So weit ist es schon mit mir? Aber dann fand ich heraus, was es für mich tun könnte.

Nämlich?
Finanziell ist es ein Segen, mit ihnen zu arbeiten. Aber viel wichtiger ist, dass es funktioniert und ich über meine Probleme mit dem Essen und meine Gesundheit sprechen kann. Und in dem Moment, wo die Worte meinen Mund verlassen, hilft es irgendwo jemand anderem – so wie es mir geholfen hat, Leute über ihre Probleme mit Essen reden zu hören.

Wie schwierig ist es denn, Ihren Ernährungsplan durchzuziehen?
Jetzt, wo ich auf Promotiontour bin, ist es hart. Ich bekomme keinen Schlaf, bin immer auf dem Sprung, greife unterwegs zu allem, was ich kriegen kann. Ich mache mir selbst unheimlichen Druck. Denn ich erwarte sehr viel von mir, was meinen neuen Lebensstil angeht. Aber merke dann auch immer wieder, wie ich mich den Gummibärchen zuwende, damit der Arbeitsmotor weiterläuft.

Das nennt man dann emotionales Essen, oder?
Genau. Ich bin ein Stressesser. Aber Weihnachten ist alles gut – das ist die Zeit der Nachgiebigkeit. Ich werde mit meiner Familie in England feiern und Unmengen von Schokolade essen. Ich bin so ein großer Schokoladen-Fan, ich schaue mir sogar Dokumentationen darüber an. Irgendwann ist dann Januar, ich stelle die Uhr auf null zurück und fange von Neuem an.

Ist „Let’s Not Go Shopping“ Ihr Aufruf zu weniger Konsum zum Fest? Manche glauben sogar, es wäre ein Lied über Konsumverweigerung. Aber ich wäre ein großer Heuchler, wenn ich so tun würde. Denn ich veröffentliche ein Album zur Weihnachtszeit, aus gutem Grund.

Hatten Sie schon mal ein katastrophales Weihnachten?
Ich habe die ganze Palette erlebt: Die Weihnachten mit meiner Mum als Kind, als es sich so majestätisch anfühlte und magisch war. Dann die als Teenager, wo das Fest eine gute Entschuldigung lieferte, um Alkohol zu trinken. Betrunken war es immer toll. Dann kamen die Weihnachten, wo ich nicht länger trinken konnte, weil es mich sonst umgebracht hätte. Das war schwer. Und später kamen dann die Feste mit meiner Frau und dann mit meinen Kindern, womit die Herzenswärme einzog.

In Großbritannien haben Sie mit Ihrer 13. Nummer-eins-Platzierung den Chart-Rekord von Elvis gebrochen. In Deutschland mussten Sie sich in der ersten Woche Till Lindemann von Rammstein geschlagen geben. Schlimm?
Wenn jemand meine Nummer eins in Deutschland verhindert, dann sollte das niemand anderes sein als Till Lindemann oder Rammstein. Rammstein sind wie die Beatles von Deutschland. Sie haben die Macht und Hoheit und sind riesig. Es ist okay, wenn ich gegen sie oder einen von ihnen verliere.

Das Stück „Santa Baby“ haben Sie mit Helene Fischer aufgenommen. Hatten Sie vorher ihre Alben gehört? Ich habe mir YouTube-Videos von ihr angesehen, nachdem ich sie im Radio gehört hatte.

Ist deutscher Schlager nicht befremdlich für Sie?
Gute Musik ist gute Musik. Dasselbe gilt für gute Melodien und Musikalität. Helene ist nicht nur talentiert, sie macht auch das Beste aus ihrem Talent; sie erzwingt es geradezu. Sie könnte sich auf ihren Lorbeeren ausruhen und im Leerlauf fahren, wie ich es zeitweise mache, aber das tut sie nicht. Sie ist wie eine Olympionikin. Das finde ich beeindruckend.

Auch mit Barbara Schöneberger haben Sie jüngst gesungen. Wen von beiden würden Sie gerne mal zum Abendessen ausführen?
Das ist eine unanständige Frage. Ich mag sie beide aus unterschiedlichen Gründen: Barbara bringt mich zum Lachen, und ich bewundere sie, weil sie so eine große Persönlichkeit hat. Bei Helene bin ich in ihr Talent verknallt. Ich möchte mich da also nicht entscheiden.

Ab März 2020 haben Sie ein weiteres Gastspiel in Las Vegas. Was bedeutet Ihnen das als großer Elvis-Fan?
In Las Vegas mache ich eine andere Art von Show. Und weil es anders als in Europa ist, muss ich mein Entertainment-Werkzeug schleifen. Las Vegas ist für mich, wie ins Fitnessstudio zu gehen: Ich habe gestähltere Muskeln wegen der Shows dort.

Und aus der ersten Reihe jubeln Ihnen die deutschen Touristen zu? 70 Prozent der Tickets werden an Amerikaner verkauft, was mich selbst erstaunt hat. Und der Rest setzt sich überwiegend aus Menschen aus Mexiko, Kanada und Südamerika zusammen.

Hugh Jackman und Taylor Swift haben bei ihren Liveshows ein Duett mit Ihnen gesungen. Haben Sie das Gefühl, dass sich Amerika langsam für Robbie Williams öffnet?
Nein. Es gibt natürlich immer Möglichkeiten, aber Las Vegas ist nicht mein Weg, um in Amerika den Durchbruch zu schaffen. Mit 1600 Leuten pro Konzert wäre das auch etwas schwierig.

Sind Sie manchmal überrascht, wie Ihre Karriere verlaufen ist?
Ich weiß heute, dass ich ein Kämpfer bin. Trotz des Gefängnisses, das mein Kopf lange Zeit für mich war, und trotz meiner Neigung, mich selbst zerstören zu wollen, habe ich all die Karriereschritte getan. Ich habe mich jeden Tag meinen Dämonen gestellt und war erfolgreich. In der Gegend in England, aus der ich komme, wird dir eher das Gefühl vermittelt, man müsse sich für materielle Erfolge entschuldigen. Genau das habe ich lange getan. Aber damit ist Schluss. Nun werde ich darin schwelgen und Freude am Erfolg haben.

Kürzlich sagten Sie, dass Sie den Job machen wollen, bis Sie umfallen.
Ich bin so produktiv wie nie. Da ist noch ein Studioalbum in der Schublade, das ich morgen veröffentlichen könnte, wenn ich wollte. Ich bin süchtig danach, etwas zu erschaffen. Danach, nicht mehr in meinen eigenen Gedanken gefangen zu sein. Wenn ich an Songs arbeite, gibt mir das ein Wohlbefinden. Also ja, ich werde weitermachen. So wie Mick Jagger. Nur in ein bisschen dicker.