Was wäre eigentlich, wenn man am Ende aus dem Theater ginge und wirklich alles anders würde? Wenn man den Zweifel, der dort gesät wird, zuließe, sein Denken in kein Bild mehr stopfte, das sich seit Ewigkeiten aus halbbewussten Ideologien und vorgefertigten Kategorien aufbaut. Wenn man wirklich mal befreit sehen, anders denken, also auch anders leben würde? Geht das überhaupt? „Fragen Sie sich selbst!“

Und Wolfgang Michael, der so fragend das Zwiegespräch mit dem Publikum sucht, dabei aber nur als Schatten hinter einer Stoffwand sichtbar ist, setzt noch einen drauf: „Suchen Sie Ihren Weg! Gehen Sie durch ihre Angst! Zweifeln Sie!“ Wenige Augenblicke später traut man seinen Augen kaum, denn während seine eigentlich kunstfreundlichen, lebensbejahenden Ohrwürmer tiefer in die Gehörgänge kriechen, dabei immer verworrener, sinnloser werden, hebt sich langsam die Wand und Michael wird als Guru in faschistischer Uniform sichtbar. Neben ihm dreht sich eine wunderschöne Plastikorchidee vom Bühnenhimmel herab um sich selbst und Michael fährt lächelnd fort, halb spielend, halb aus seiner Rolle tretend. Ein glitschiger Fisch.

Ein erstaunlicher Houellebecq-Abend

Es ist eine der vielen irrlichternden Kippszenen, die Regisseur Robert Borgmann an diesem erstaunlichen Houellebecq-Abend mit erfreulich weitmaschiger Texttreue im Berliner Ensemble ganz in die Mitte stellt. Sie ist nicht nur eine Glanznummer für Wolfgang Michael, dessen schillernde Schärfe unter seiner immer zerknautschten Oberfläche hier endlich einmal klar zutage tritt.
Sie amalgamiert auch gekonnt verführerisch jene zentrale Doppelbödigkeit der Wunschmaschine Mensch, um die Michel Houellebecq 2005 seinen tiefschwarzen, so lebensgierigen wie lebensmüden Zukunftsroman „Die Möglichkeit einer Insel“ schrieb. Es geht darin – man kann es faustisch nennen – um die Suche nach größter Lebensfülle und tiefster Lebensruhe zugleich, ja dem Nichts. Houellebecq nennt es die „Aporie des Daseins“, Borgmann findet etwas viel Interessanteres darin: die Verführbarkeit, auch die Verführungskraft der Kunst selbst. Entwarnung also für alle, denen Houellebecqs 450-Seiten-Schinken vor allem Qual verspricht, weil er in weiten Teilen aus den feuchten Altmännerfantasien des egomanen, asozialen, trotzdem unstillbar liebeshungrigen Erfolgskomikers Daniel besteht.

Borgmann schrumpft ihn zurecht, legt Figuren zusammen wie fast alle, die im Roman als Vertreter der Elohim-Sekte auftauchen und eine neue, leidenschaftslose, beliebig erneuerbare Gattung Menschen erschaffen wollen. Andere interpretiert er griffiger, vor allem die Hauptfigur Daniel selbst, den Peter Moltzen mit seiner bübischen Fahrigkeit, in übergroßen Clownsschuhen zu einem schon wieder sympathischen Macho-Looser macht. Constanze Becker gibt seiner Lebensabschnittsgeliebten Isabelle das puppenhaft starre Schminkgesicht einer typischen, flexibel einsetzbaren Karrieristinnen-Karikatur unserer Zeit.

Optimierte Neomenschen ohne Begehren

Der eigentlich interessante Aspekt des Romans besteht nun darin, dass dem „Arschloch-Komiker“ Daniel seine genomidentischen Nachfahren Daniel 24 und 25 zur Seite gestellt werden. Sie leben in einer durch Kriege und Klimaverschiebungen völlig veränderten Welt 2000 Jahre nach ihm (und uns), sind aus seiner DNA hergestellt, lesen aber seine Berichte und geben ihre befremdlichen Kommentare aus der Zukunft dazu ab. Als kühl optimierte Neomenschen ohne Begehren – den Stoffwechsel erledigt Photosynthese – treffen sie auf das wechselwarme Leidenschaftstier Daniel wie ein Lindenblatt auf den Kampfstier.

Was ist Glück, Völlerei oder Leere?, fragt Houellebecq in diesen Perspektivwechseln mal naiv, mal zynisch. Borgmann kondensiert etwas Intelligenteres daraus und fragt mit allen Mitteln der Bühnenkunst: Was wird uns als Glück verkauft? Was sehen wir, was wollen wir sehen? Wände heben und senken sich scheinbar unmotiviert vor dem schönen, großen Raum, als wären es riesige Lidschläge eines Auges, das die Bühne selbst ist. Unverkennbar erscheint irgendwann auch die sich malerisch drehende Riesenorchidee in deren Mitte als DNA-Doppelhelix: das bloße Ornament wird zum zentralen Informationsbaustein des Lebens. Verstörend, gefährlich. Es braucht nur einen Lidschlag.

Die Möglichkeit einer Insel 20., 27.10., 18 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1