Wer den Roman „Das tote Brügge“ von Georges Rodenbach gelesen hat und der Hauptfigur auf ihren melancholieumflorten Wegen durch die alte, fromme, von Grachten durchzogene Stadt gefolgt ist, und dann am Sonntag die Komische Oper betritt, den wandelt bei den ersten Takten der Oper „Die tote Stadt“ ein ungläubiger Schrecken an: Helles Kling und Klang, brausendes Dur, man wird als Hörer angerissen wie ein Kinogänger wenig später im Film, dessen Musik mit ansatzloser Lebendigkeit und Begeisterung die Anfangstitel begleitet. Sollte der junge Erich Wolfgang Korngold, der mit 19 Jahren die Komposition dieser 1920 uraufgeführten Oper begann, von der Stimmungslage des zugrundeliegenden Romans über einen jungen Witwer wirklich so gar nichts geahnt haben?

1892 schrieb Rodenbach seinen kurzen Roman, zur Hochzeit des belgischen Symbolismus eines Maurice Maeterlinck und Fernand Khnopff, des belgischen Jugendstils eines Victor Horta. Von dieser Welt der Eleganz, der Rätsel und der morbiden Andeutung war nach dem realen Schlachten des Ersten Weltkriegs nichts mehr übrig. Korngold und sein Vater, ein damals einflussreicher Musikkritiker und Librettist seines Sohnes, wollten das Stück gar „Triumph des Lebens“ nennen und damit die Gefangenschaft der Hauptfigur – hier heißt sie Paul – in der Erinnerung an die geliebte Frau aufbrechen.

Robert Carsen debütiert mit „ Die tote Stadt“ an der Komischen Oper

Der Vitalismus, der die Partitur vom ersten Takt an prägt, hat somit seinen guten Grund. Wie im Roman verfällt der Witwer einer Frau, die seiner gestorbenen Gattin aufs Haar gleicht, aber als Lebende und gar als Tänzerin für den pseudosakralen Kult nicht taugt, den Paul um seine tote Gattin treibt. Als sie sich den unter Glas aufbewahrten Zopf der Toten greift, erwürgt der Witwer sie damit. Damit schließt Rodenbachs Roman – in Korngolds Oper jedoch erwacht Paul aus einem lediglich geträumten Mord und ist nun von seiner Obsession für die tote Maria geheilt, bereit mit der Tänzerin Marietta ein neues Leben zu beginnen.

Robert Carsen, der mit „ Die tote Stadt“ an der Komischen Oper als Regisseur debütiert, traut diesem Happy End nicht. Mariettas Stimme tönt, aber sie tritt nicht auf, Paul schüttelt einem Geist die Hand, und seine Bediente Brigitta und sein Freund Frank erscheinen in weißen Kitteln. Carsen setzt das produktive Missverstehen von Vater und Sohn Korngold um eine halbe Drehung fort und landet damit auf einer höheren Spiralebene wieder bei Rodenbachs resignativem Schluss. Die Stadt, für Rodenbach das zentrale Symbol, bei Korngold präsent im teils realen, teils orchestral imitierten Glockenklang der Partitur, ist in dieser psychoanalytischen Deutung weitgehend ausgeschlossen zugunsten des ehelichen Schlafzimmers.

Generalmusikdirektor gibt seinen Einstand

Das dreht sich zwar und seine Wände können auseinanderrücken, um Mariettas Tänzerfreunden Gelegenheit zur Revueeinlage zu geben, aber es bleibt als Ort qualvollen Gedenkens stets präsent. Nachdem das erste Treffen des Melancholikers Paul mit der sanguinischen Marietta weitgehend misslang, driftet er in den Wahn ab; Carsen hat das berührend inszeniert durch die schwarzweiße Vision von Pauls toter Frau an der Zimmerwand. Es ist eine sparsame Inszenierung, die von Details lebt: solchen der Szene und solchen der Musik, für die sie Raum lässt. Der neue Generalmusikdirektor der Komischen Oper, Ainars Rubikis, gibt mit dieser Produktion seinen Einstand.

Er liebt das Stück: Er kennt die Partitur gut und vermag ihre Überladenheit in Differenzierung zu verwandeln, man hört, was unterhalb von Vitalität und Glanz an Gebrochenheiten steckt; magisch fährt er Tempo und Klang zurück im Lied vom „Glück, das mir verblieb“, er kann aber auch den Pomp der Glockenmusiken dröhnen lassen. Zuweilen führt Rubikis’ Zuneigung jedoch auch zum Überreißen des Schwungs, zum Überanimieren des Klangs. Das Orchester der Komischen Oper kann dann nicht mehr richtig zusammenspielen – und die Sänger haben es noch schwerer.

Erste Produktion der Komischen Oper ist eine runde Sache

Aleš Briscein als Paul ist schon mit der absurd hohen und zwangsläufig unsinnlichen Tenor-Tessitura bis an die Überlastungsgrenze gefordert. Sara Jakubiak, die an der Deutschen Oper bereits Korngolds Heliane gesungen hat, muss als Marietta viel sprechen und damit ihren Sopran an jener Klangentfaltung hindern, die ihm am besten liegt – die aus dem Off gesungene Marie liegt ihr besser und zeigt die Qualitäten dieser Sängerin. Günter Papendell fühlt sich in den kleinen Rollen als Frank und Pierrot anscheinend nicht recht gefordert und wirkt unterspannt, Maria Fiselier als Haushälterin Brigitta macht ihre Sache gut. Trotz aller kleinen Haken ist die erste Produktion der Komischen Oper in dieser Saison eine runde Sache, die der „Toten Stadt“ unspektakulär gerecht wird.

Die tote Stadt 6., 14., 31.10., 18., 28.11., 19.30 Uhr, Komische Oper, T.: 47997400